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Kurz vor Mitternacht besichtigt der SPD-Bundestagsabgeordnete Edathy die Firma Heye Glas

Mit Schokoladenbonbons und Grundgesetz

Obernkirchen. Nach einem kurzen Blick ist eines klar: Gespräche mit den Arbeitern wird es nicht geben, mehr als einen Blick in eine ihm wohl recht fremde Arbeitswelt wird er hier nicht erhalten. Nicht am Freitagabend, nicht kurz vor Mitternacht in der Produktionshalle der Firma Heye Glas. 43 Menschen haben hier alle Hände voll zu tun, denn den Arbeitstakt geben die Maschinen vor - klack, klack, tack, tack, mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks spucken die Stationen Flaschen aus, große, kleine, standardgrüne, antikgrüne, reinweiße, braune, bis zu 400 Stück in der Minute. Da bleibt nun wahrlich keine Zeit für das Plaudergespräch mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten. Daher stellt Sebastian Edathy im Rahmen seiner diesjährigen Nachttour durch Firmen und Betriebe seines Wahlkreises ganz dezent eine Tüte mit Schokobonbons auf einen Arbeitsplatz und legt noch ein paar Grundgesetze dazu. Dann geht er weiter.

veröffentlicht am 29.01.2007 um 00:00 Uhr

Für Gespräche keine Zeit: 24 Stunden wird an den Maschinen Glas

Autor:

Frank Westermann

365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag, so hatte es Josef Bockhorst als Geschäftsführer von Heye Glas zuvor dem Politiker vorgerechnet, werde am Lohplatz produziert. Zwar sei die Auslastung noch nicht ganz optimal, ein paar Flaschen mehr könnte man schon produzieren, aber die Gesamtsituation sei nicht schlecht, gibt Bockhorst Auskunft. Man habe am Markt durchaus die eineoder andere Preissteigerung durchsetzen können, auch, weil mancher Mitbewerber nicht mehr produziere: "Wir könnten mehr verkaufen." Das Gros der Produktion sind Bierflaschen, rund 50 Prozent der Behälter, die bei Heye Glas das Band verlassen, werden mit dem gebrauten Mix aus Hefe, Malz und Wasser gefüllt. "Der Verbraucher möchte sein Bier aus der Glasflasche trinken", ist Bockhorst überzeugt und kann auf wenig erfolgreiche Experimente eines Discounters verweisen. Den Hinweis von Edathy, dass sich eine Kiste Wasser in Plastikflaschen nun doch deutlich leichter tragen lasse, kontert Bockhorst locker aus: Er solle mal eine Wasserflasche aus Plastik eine halbe Stunde in der Sonne stehen lassen - und dann einen Schluck nehmen. Dann merke er den Unterschied. Immerhin bestätigte Bockhorst, dass die Senkung der Lohnnebenkosten möglicherweise auch Heye Glas helfe, aber er habe auch noch weitere frohe Kunde aus der Hauptstadt erhalten. Und lies keinen Zweifel, dass diese ,frohe Kunde' in Obernkirchen keineswegs als solche betrachtet werden könne. Denn das Berliner Kartellamt betrachte den Scherbenaufbereiter "GGA" der die gesamten deutschen Glashütten beliefert, als Monopolisten, der seine Marktstellung missbrauche. Die Scherbenaufbereitung müsse restriktiert und das so genannte Monopol zerschlagen werden. Das würde, so Bockhorst, zu massiven Problemen führen. Vor allem müsse Heye Glas mit höheren Energiekosten rechen, weil dann in der Produktion wieder mehr Rohstoffe wie Sand, Soda und Kalk benutzt werden müssten, da die Scherben nach einer Zerschlagung des Aufbereiters eine mindere Qualität hätten, zudem würde Heye Glas auch weniger erhalten. Ein weiteres Problem: Die Bundesregierung stellt Zertifikate aus, die die Firmen benutzen können, um Emissionen in die Luft zu lassen. Dabei wird die Menge des CO2 Ausstoßes begrenzt und Innovationen in die Verringerung von Emissionen mit günstigeren Zertifikaten honoriert. Und genau dort hat Heye Glas einen Nachteil aller anderen deutschen Glashütten gegenüber. Denn bereits vor demStart der Zertifikatvergabe hat Heye Glas gemeinsam mit Heye International die neuste und emissionsärmste Generation von Schmelzöfen bei zwei von drei Öfen am Standort Obernkirchen installiert. Somit sei die Möglichkeit einer weiteren Emissionsverringerung und damit verbunden Kostensenkung sehrbeschränkt und führe zu einem Wettbewerbsnachteil, erläuterte Bockhorst. Gegen 0.40 Uhr sind Rundgang und Gespräche mit der Firmenleitung beendet, der Abgeordnete muss zu seiner nächsten Station: das Altenheim in Helpsen. Im gelben Licht der Laternen geht er zu seinem Auto, in der rechten Hand trägt er eine rote Tüte. Da sind Grundgesetze drin, und Schokoladenbonbons.

Michael Nix (r.), stellvertretender Leiter der Produktion, erklä
  • Michael Nix (r.), stellvertretender Leiter der Produktion, erklärt dem Abgeordneten Edathy die Anlagen.

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