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Mit Mundtuch und Jod gegen den Atom-GAU

Sollte in Grohnde Strahlung austreten, informiert der Betreiber des Meilers in Grohnde, der Energieversorger E.on, zunächst die Atomaufsicht in Niedersachsen, die beim Landesumweltministerium liegt. Die Atomaufsicht wiederum informiert das Lagezentrum des Innenministeriums, das federführend bei allen weiteren Maßnahmen ist. Dann werden zeitgleich der Landkreis Hameln-Pyrmont, das Bundesinnenministerium, das Bundesamt für Strahlenschutz und das Bundesumweltministerium informiert. Innerhalb einer halben Stunde sollten alle zuständigen Stellen benachrichtigt sein.

veröffentlicht am 13.04.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 18:19 Uhr

Joachim Zieseniß

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Reporter Coppenbrügge-Salzhemmendorf zur Autorenseite

Das Katastrophenmanagement läge anschließend beim Landkreis Hameln-Pyrmont. Zum Stab, der im Krisenfall zusammentreten würde, zählen rund 60 Mitarbeiter. Neben den Hauptverwaltungsbeamten des Kreises gehören dieser Krisengruppe unter anderem Vertreter der Bundeswehr, der Feuerwehr und Polizei, des THW und der Sanitätsdienste, des Kraftwerksbetreibers und der Nachbarlandkreise an. Um im Katastrophenfall die konkrete Gefährdung der Bevölkerung und die weitere Entwicklung der Lage beurteilen zu können, arbeiten dem Krisenstab meteorologische und radiologische Messdienste zu, darunter das Niedersächsische Landesamt für Wasserwirtschaft und Küstenschutz, der Deutsche Wetterdienst und der TÜV.

In jedem Quartal gibt es unter der Leitung des Landrates, der Chef des Krisenstabes ist, eine sogenannte Stabsrahmenübung, in der mit Blick auf Grohnde Atomkatastrophen-Szenarien durchgespielt werden – auch wenn man „den Ernstfall nicht üben kann“, wie Landrat Butte eingesteht. Im nächsten Jahr steht übrigens eine Großübung mit dem Stab an. Dann werden die Hilfskräfte einen fiktiven Unfall im Grohnder Kernkraftwerk mit allen Auswirkungen auf die Bevölkerung trainieren.

Neben der Krisen-Detailplanung des Stabes existieren öffentlich zugängliche Katastrophenpläne. Der Landkreis hält sie als Informationsbroschüre vor, aber auch im Internet finden sich Erläuterungen, wie beispielsweise die allgemeinen Ausführungen zum „Katastrophenschutz in der Umgebung des Kernkraftwerkes Grohnde“. Gemäß Notfallplan wird die Bevölkerung über Sirenen, Rundfunkdurchsagen, Lautsprecherdurchsagen von Feuerwehr und Polizei sowie über die Internetseite des Landkreises gewarnt.

Im DRK-Depot in Marienau kontrollieren Nikola Stasko vom Fachdienst für Katastrophenschutz und Hameln-Pyrmonts Stabs-Chef für den atomaren Notfall, Landrat Rüdiger Butte, die Vorräte an eingelagerten Jod-Tabletten. Foto: Wal

Die „Verhaltensregeln im Falle einer unfallbedingten Freisetzung von Radioaktivität“ im Notfallplan empfehlen im Freien unter anderem das Bedecken der kompletten Körperoberfläche. Ein Tuch vor Nase und Mund soll die Inhalation radioaktiver Stoffe vermeiden helfen, außerdem sollten sich die Menschen quer zur Windrichtung bewegen und das nächste bewohnte Haus aufsuchen. Im Haus wird empfohlen, einen gut geschützten Innen- oder Kellerraum möglichst ohne Fenster aufzusuchen, Rundfunkgeräte einzuschalten und vorübergehend auch gefährdete Passanten aufzunehmen.

Und dann sind da noch die Jodtabletten. Da radioaktives Jod zu den Stoffen gehört, die bei einem kerntechnischen Unfall freigesetzt werden können, muss es so schnell wie möglich eingenommen werden – die Schilddrüse muss damit gesättigt sein, bevor Strahlung eindringt. Das Land hat die Landkreise angewiesen, vorsorglich Jodtabletten zur privaten Bevorratung an die Bevölkerung auszugeben, die im Radius von zehn Kilometer Entfernung von Kernkraftwerken wohnt – 20 Tabletten pro Haushalt. Vom Landkreis Hameln-Pyrmont werden darüber hinaus an zentraler Stelle eine ausreichende Anzahl an Kaliumjodidtabletten auf Vorrat gehalten, die im Notfall über die jeweiligen Gemeinden an die Bevölkerung ausgegeben werden. Die Tabletten-Ausgabestellen sollen in der Regel zu Fuß innerhalb von 30 Minuten erreichbar sein. Das Zentrallager der Pillen ist in Marienau.

Auch an eine Evakuierung der Bevölkerung wird im Notfallplan gedacht. Hameln-Pyrmonts Landkreis-Sprecherin Sandra Lummitsch macht aber deutlich, dass für eine Evakuierungsentscheidung viele unterschiedliche Faktoren bedacht werden müssen – unter anderem auch die Windrichtung. Das heißt: Nicht der gesamte Bereich im Umkreis von 25 Kilometern, den der Notfallplan berücksichtigt, muss betroffen sein. Im Falle einer Evakuierung wird davon ausgegangen, dass große Teile der Bevölkerung diese Evakuierung selbstständig mit eigenen Fahrzeugen durchführen werden. Für nicht Motorisierte werden entsprechende Sammelplätze eingerichtet. Von dort aus geht es weiter mit Bussen und Bahn. Haupt-Evakuierungsziele sind wegen der hier vorherrschenden Westwind-Richtung der Landkreis Schaumburg und – nicht zuletzt wegen der Bahnverbindung – die Region Hannover, erklärt die Kreis-Pressesprecherin.

Für den radioaktiven Notfall sind im Katastrophenplan auch die Rollen der Hilfsin-stanzen genau festgelegt. Während Brandschützer beispielsweise Messtrupps stellen und eine Probensammelstelle betreiben, ist die Bundeswehr für ABC-Erkundung und Dekontamination zuständig. Das THW wird sich um Bergung unter ABC-Bedingungen kümmern und die Polizei den Evakuierungsverkehr regeln und versuchen, ein Chaos zu verhindern. „Das Sana-Klinikum Hameln-Pyrmont ist darauf vorbereitet, eventuell verstrahlte Personen nach der Dekontamination in einer Erstversorgung zu behandeln“, erklärt Pressesprecher Peter Höxter. Jedoch sei bei größeren Strahlenschäden oft die Weiterverlegung in darauf spezialisierte Einrichtungen sinnvoll, wie beispielsweise die MHH Hannover.

In vier Zonen ist das Gebiet um Grohnde für den Notfall eingeteilt: In der Zentralzone mit einem Radius von zwei Kilometern und in der Mittelzone mit 10-Kilometer-Radius wird evakuiert. In der 25-Kilometer-Außenzone gibt es Probemessungen und in der Fernzone mit einem Radius von 100 Kilometern wird gewarnt.

Daher richtet sich nicht nur im Landkreis Hameln-Pyrmont nach der Atomkatastrophe von Fukushima der Blick auf den E.on-Reaktor an der Weser. 42 Kilometer liegen zwischen dem hannoverschen Rathaus und Grohnde. „Für einen größten anzunehmenden Unfall (GAU) wie in Japan sind wir nicht ausgestattet“, sagt der Direktor der hannoverschen Feuerwehr, Claus Lange. Eine Evakuierung der sogenannten Fernzone, des Gürtels zwischen 25 und 100 Kilometern rund um das Kraftwerk Grohnde, sei nach den geltenden Katastrophenplänen nicht vorgesehen. In Hannover wird man sich also darauf beschränken, Jodtabletten auszugeben, vor dem Verzehr frisch geernteter Lebensmittel zu warnen und die Höhe der Radioaktivität zu messen.

Auch in Hildesheim, 35 Kilometer Luftlinie von Grohnde entfernt, rückt der Atommeiler wieder in den Blickpunkt. Denn auch der Landkreis Hildesheim ist in den Katastrophenplänen mögliches Ziel für Evakuierungen aus Hameln und Holzminden. Und rund 20 000 Einwohner des Kreises Hildesheim leben selbst innerhalb der 25-Kilometer-Zone für den Katastrophenschutz. Erst unlängst war der Meiler bei Hameln doch erst wieder etwas ins Bewusstsein der Hildesheimer gerückt. Eine Gruppe Hildesheimer Atomkraft-Gegner fuhr Mitte Januar zu einer Demonstration dorthin.

Weniger als 30 Kilometer ist Grohnde vom Zentrum Höxters entfernt. Sollte es zu einem ernsthaften Zwischenfall kommen, treten länderübergreifende Maßnahmen in Kraft. Doch der Kreis sei gut vorbereitet auf große Schadensereignisse durch regelmäßige Übungen von Krisenstab, Einsatzleitung und Einsatzkräften, wie Kreis-Pressesprecherin Silja Polzin versichert. Im Falle eines kerntechnischen Störfalls in Grohnde ist übrigens auch der Kreis Höxter als Aufnahmeraum für notwendige Evakuierungsmaßnahmen vorgesehen.

Und sogar Nordthüringen könnte von einem Atomreaktorunglück in Grohnde betroffen sein, denn der Reaktor liegt keine 100 Kilometer von weiten Teilen des Eichsfeldes und vom Nordwesten des Kreises Nordhausen entfernt. Damit liegt die Region in der sogenannten Fernzone, dem 100-Kilometer-Radius rund um den Grohnder Reaktor. Und in dem müssen Schwangere und Kinder unter 18 Jahren Jodtabletten bekommen.

Aus Sicht von Greenpeace sind übrigens alle Katastrophenschutzpläne im Falle eines GAUs wertlos. „In Fukushima gab es auch Katastrophenschutzpläne. Wie wir sehen, sind sie bei Weitem nicht ausreichend, sondern ein hilfloses Unterfangen“, sagt der Greenpeace-Atomexperte Karsten Smid. „Das Problem an Atomkraft ist, dass eine Katastrophe wie ein GAU nicht zu beherrschen ist.“

Bleibt als einziger Trost die litaneimäßig wiederholte Versicherung des Kraftwerksbetreibers, dass das KKW Grohnde zu den ganz sicheren zählt. Und das, obwohl in Grohnde ein Rekordmeiler steht: Laut Hauptanteils-Eigner E.on verzeichnete Grohnde zweimal die höchste Strom-Jahresproduktion aller Atomkraftwerke weltweit. 1997 brachte es der Meiler auf 12,53 Milliarden Kilowattstunden Strom – der zweithöchsten je erfassten Jahresmenge. In den vergangenen Jahren zogen neuere Meiler vorbei. Doch mit 11,42 Milliarden Kilowattstunden zählte Grohnde auch im Vorjahr zu den Top Ten der Branche. Der dort produzierte Strom reicht für gut 3,2 Millionen Haushalte.

Grohnde ging am 1. Februar 1985 ans Netz und sollte nach dem rot-grünen Atomausstieg im Jahr 2019 abgeschaltet werden. Die Laufzeit-Verlängerung von Schwarz-Gelb dehnte die Betriebszeit bis 2032 aus. Ob es dabei bleibt, ist unklar – Grohnde gehört zu den neueren Meilern und wäre von einer Abschaltung der sieben ältesten Werke nicht betroffen.

Aktuelle Umfrage: Fühlen sich die Schaumburger vom Atomkraftwerk in Grohnde bedroht?Seite 17

Durch die Atomkatastrophe in mehreren japanischen Kernkraftwerken ist auch das Kernkraftwerk in Grohnde wieder verstärkt in die öffentliche Wahrnehmung gerückt. Was geschieht, wenn in Grohnde ein Unglück passiert? Dafür gibt es seit vielen Jahren spezielle Notfallpläne. Diese sind gerade wenige Tage vor dem Erdbeben in Japan redaktionell überarbeitet worden.



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