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Warum Peter Maffay jede musikalische Grenze überschreiten kann

Mit Harley, Herz und Hammersound schwört der Steppenwolf auf Freiheit

Mensch, den Hut kannte ich doch. Plötzlich stand Udo Lindenberg neben mir. Er nuschelte seinem Bodyguard etwas zu. Der holte dann Blubberwasser für sich und ’n Likörchen für den Chef. Mich dürstete auch. Ich ging zum Bierstand, holte mir ein Pils, wollte mit Udo mal anstoßen. Der hatte aber seinen Beschleuniger schon runtergestürzt und war samt Aufpasser, Hut, Gehrock und Sonnenbrille verschwunden. Hatte ihm der Maffay denn gar nicht gefallen?

veröffentlicht am 02.07.2011 um 01:08 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:15 Uhr

Jens Meyer

Autor

Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

„So, Leute, das haut Euch jetzt aus den Schuhen. Hier ist Udo Lindenberg!“ – Doch, er muss ihm gefallen haben, sonst wäre der Panikrocker nicht zu Peter ins Rampenlicht geklettert. Dort, auf der Parkbühne in Hannover, stand er nun ohne Likör mit Mikrofon und schoss „Sie brauchen keinen Führer“ in die späte Stunde hinaus. Das trug sich zu an einem warmen Juniabend 2002 und mag als allerletzter Beweis dafür stehen, dass zwischen Udo und Peter schon lange wieder alles klar war auf der Andrea Doria.

Dies ist keine Geschichte über den coolen Kerl Lindenberg, Erfinder des deutschsprachigen Rotzrocks. Dies ist vielmehr eine Hommage an Maffay, an den Steppenwolf, der anderen viel zu anders war, jenen Menschen, die ihn bis heute als den Schnulzenheini abstempeln, obwohl sie live seinen Hammersound niemals gehört haben. Überhaupt wurde immer mit zweierlei Maß gemessen. Als Westernhagen sein daddeliges „Weil ich dich liebe“ über den Äther schickte, wurde er für seine Ballade, die leider immer noch im Radio gespielt wird und zu Verkehrsunfällen führt, weil die Menschen selbst bei Tempo 150 am Lenkrad einknacken, zum Fremdschämen gelobhudelt. Ich lasse mich gerne nicht davon abbringen zu behaupten, dass Maffay von denselben Kritikern und Verwirrten, die dieses Westernhagentralala bis heute hochjubeln, mit Schimpf und Schande nach Kronstadt in Siebenbürgen zurückgejagt worden wäre, wenn er es genauso und nicht anders gesungen hätte.

Aber was soll’s, da steht er drüber, heute mehr als früher. Maffay ruht in sich, strahlt mit jeder Falte und jedem grauen Haar, mit jeder Geste und jedem Wort eine ehrliche Lässigkeit aus, die unverschämt toll ist und von Flensburg bis Garmisch gilt, sogar darüber hinaus. Seine Texte, seine knorrige, raue, leicht nasale Stimme, all das Charisma, das er verkörpert, ist reinste Hoffnung für solche, die Hoffnung brauchen, ist Kraft für Menschen, die kraftlos sind, ist Zuversicht. Der Mensch und Musiker Maffay träumt von einer Welt, wo es noch Wunder gibt, und das ist beneidenswert. „Freiheit, die ich meine“ hat ihm Jule Neigel 1996 wie maßgeschneidert auf den muskulösen Leib getextet. „Freiheit, die ich meine, ist wie ein neuer Tag. Freiheit, die ich meine, ist, was man wirklich mag.“

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Das Leben des gebürtigen Rumänen ist Musik. Er wird niemals auf eine nicht ernst gemeinte Abschiedstournee gehen. Er wird dort oben im Bühnenlicht ums Verrecken so lange stehen, wie er seine glühend-rote Gitarre halten kann. Da ist kein Raum für melancholische Albernheiten. Heute Rock, morgen Tabaluga-Märchen, danach Weltmusik im nächsten „Begegnungen“-Projekt. „Peter Maffay ist für mich ein Glücksfall, und dafür bin ich ihm ewig dankbar“, sagt Konzertpromoter Fritz Rau. Tausende Fans fühlen genauso.

Maffay war und ist Workaholic. Alkoholic war er auch, lange genug. Das gibt er freimütig zu in seiner von Edmund Hartsch glänzend geschriebenen Biografie „Auf dem Weg zu mir“. Eine Flasche Balantine’s täglich war Minimum in den achtziger Jahren, und erst nach geschätzten 220 000 Fluppen hat er die Qualmerei aufgegeben.

Die Schattenseiten des Erfolgs zwangen ihn und seine Gruppe nicht in die Knie. Immer erhob sich die Sonne in der Nacht aus den Tiefen der Dunkelheit. Aus jeder misslichen Lage ging die Bande erstarkt hervor, etwa, als Anfang der Achtziger der Plan nicht aufging, im Vorprogramm der Rolling Stones abzuräumen. Es war nicht Maffays Plan, vielmehr war es eine Schnapsidee vom Stones-Promoter, der Fritz Rau erklärt hatte, dass vor Mick, Keith und den anderen nur die jeweils erfolgreichste Band des Landes spielen durfte. In Deutschland war das Maffay. Tomaten und Eier flogen. „Wenn wir jetzt aufhören, sind wir für immer weg vom Fenster. Wir gehen raus und spielen weiter“, entschied Maffay nach dem ersten Konzert und ließ die Tort(o)ur über sich ergehen, bis beim letzten Gig tatsächlich „Zugabe“-Rufe zu vernehmen waren. Der Pöbel hatte sich beruhigt, die Band war lebendig aus der Hölle zurückgekehrt.

Auch 1988 gab es Ärger. Während der „Lange Schatten“-Tournee muckte Tony Carey auf, der als Gast mit auf Reisen war. Carey spielte Boss und verfolgte vehement nicht nur eine eigene musikalische Linie, sondern auch eine aus weißem Pulver. Maffay schmiss ihn während der laufenden Tour raus. No drugs, nur Rock’n’Roll. Damals sogar mit John Mayall, Bluesbreakerlegende aus England, Ziehvater von Eric Clapton.

Ein Meilenstein: das „Sechsundneunzig“-Album mit dem schwer gerockten „Siehst Du die Sonne“, eine Adaption des Polnareff-Titels „La poupée qui fait non“. Viele Menschen halten das ergreifende „Eiszeit“ für Maffays stärksten Song – ich glaube, es ist „Siehst Du die Sonne“. In der E-Version fliegt einem das Blech weg, in der Akustikvariante fließen Tränen der Rührung. Rock und Roll in Reinform.

1998 folgte das erste „Begegnungen“-Projekt. Rocker-Matte abrasiert, Mütze auf. Ein Top-Album, für das der Maffay-Tross rund um den Globus reiste, mit der Aborigines-Gruppe „Yothu Yindi“ im Outback rockte, mit den türkischen Rappern Cartel neue Wege beschritt und Sonny Landreth traf, einen der besten Slide-Gitarristen der Welt. Es war ein intensives Projekt, und es sollte nicht das einzige dieser Art bleiben. Das zweite „Begegnungen“-Album sechs Jahre später barg noch eine wildere Mischung aus Rock, Polka, Heavy Disco Hip Hop. Da funktionierte selbst die Zusammenarbeit mit den indischen DJs Kuldeep, Surjeet und Manjeet Ral, mit denen die Band das wie ein Vulkan brodelnde „Ishq Naag“ (Love Bites) tosen ließ. Und „Sodade“ sang Maffay mit der himmlischen Cesaria Evora ein, eine lebende Legende der Kapverdischen Inseln.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass Peter Maffay sich künstlerisch ab Mitte der neunziger Jahre freigeschwommen hatte. Mutiger als zuvor, konsequent und drahtig ging er die Dinge an. Die ganze Crew wurde rockiger, ohne bewährtes, balladeskes Terrain zu verlassen. Einerseits kraftvolle Songs wie „Tribal Voice“ oder „Der Mensch, auf den du wartest“, die von Carl Carltons Gitarrenriffs getragen werden (Maffay: „Carl, das ist Rock’n’Roll“) und ordentlich Zunder von Drummer Bertel Engel bekommen, andererseits Balladen wie „Ewig“ und „Schnee, der auf Rosen fällt“, die von hier unten, wo wir alle stehen, bis hinauf zum siebten Himmel reichen. Donnerwetter und Regenbogen, das ist Maffays Antwort auf das Schubladendenken der ewig Nörgelnden. „He Peter, this is a really nice one“, pflegt Bassist Ken Taylor regelmäßig in die Credits der Alben zu schreiben, und er hat verdammt noch mal Recht damit.

Das soll die Vergangenheit ja nicht vergessen machen, darf nicht! Songs wie „Und es war Sommer“, „Du“ und „So bist du“ waren perfekt, sind es nach wie vor. Perfekte Schlager, keine Rocksongs. Ja, und? Die heutige Schlagerszene wäre froh, wenn sie aus solchem Quell schöpfen könnte. Das kleine Wunder, das Maffay vollbracht hat – als einziger Künstler in Deutschland überhaupt – ist jenes, aus einem Schlagerstar zu einem Rockmusiker zu mutieren und noch die Frechheit zu besitzen, die alten Schmachtfetzen heute mit rockiger Verve neu einzuspielen. Wer anders hat diesen Schneid?

Wäre es nach Lindenberg gegangen, hätte Fritze Rau den „Schlagerfuzzi“ Ende der Siebziger links liegen gelassen. Der Udo war sauer, als die ersten Panikorchesterrocker hinüberwanderten in Maffays Band. Aber auch Bertram Engel, Gitarrist Steffi Stephan, heute nicht mehr dabei, und natürlich Tastenvirtuosefranzose Jean-Jaques Kravetz („Du bieestö alsö… öh…Pitärre Moffeii?“) lebten nicht von Luft und Liebe, brauchten Kohle und musikalische Herausforderungen. Mit der Zeit entwickelte sich eine starke Gemeinschaft, eine Bande des Rocks. Irgendwann sah auch Lindenberg ein, dass Widerstand zwecklos war, und wurde später Teil der Tabaluga-Show…

Ende der Siebziger ging die Zeit der Hitparade im ZDF endgültig vorbei, und es war Sommer trotzdem noch. Nach dem Country-Rock-Album „Tame & Maffay“ folgte die LP „Dein Gesicht“ und 1979 schließlich „Steppenwolf“. Unglaubliche 120 Wochen hielt sich diese Scheibe in den Charts. Doppel-Platin. Ein Jahr später „Revanche“. Das Album blieb noch länger in der deutschen Hitliste, 142 Wochen, also fast drei Jahre!

Aber was sind schon Zahlen wert angesichts der musikalischen Wandlung Maffays. Die Abkehr vom Schlager war Anfang der achtziger Jahre ganz und gar vollzogen worden; die Fans waren diesen Weg mit ihrem Idol gemeinsam gegangen. Und der Steppenwolf hatte ein Rudel hinter sich, auf das er sich verlassen konnte, darunter der unwiderstehlich spielende Bluesgitarrist Frank Diez, „Haudrauf“ Engel und Eddie Taylor, dessen Aura allein schon ergreifend war, mehr aber noch sein Saxophonspiel. 1986 stieß der überragende Carl Carlton hinzu, der später mit seiner eigenen Band, den Songdogs, das beste Rolling-Stones-Album einspielte, das es je gab… Der Chef weiß das freilich alles, der ist sicher, dass er ohne diese Band, gespickt mit den besten Rockmusikern Deutschlands, niemals dort wäre, wo er seit vier Jahrzehnten steht: oben, ganz oben.

Von „Du“ nach „Dich zu seh’n“, von „Angela“ nach „Bis ans Ende der Welt“, von „Josie“ bis „Kein Weg zu weit“. Maffays musikalisches Erbe ist nicht hoch genug einzuschätzen. Er arbeitet weiter daran, wie immer geradlinig, kernig. Gerade entsteht das nächste Tabaluga-Album, und dann, ja, und dann mal sehen. Maffay gibt nicht bloß vor, fleißig zu sein, der ist es. Er geht Klinken putzen, wenn’s sein muss, und er hat das Herz am rechten Fleck, hilft mit seinen Projekten Kindern in aller Welt. Musik versteht er als Brücke, vielleicht als eine von sieben Brücken, um Gutes zu tun. Oder mit seinen Worten: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“

„Sonne in der Nacht Träume sind erwacht

Feuer im Vulkan

Wir beide Arm in Arm

Tau auf heißem Sand Nie geseh’nes Land

Sonne in der Nacht Was hast du gemacht“

Maffay düst mit Harley auf die Bühne, im Hintergrund grinst Gitarrist Carl Carlton (oben). Links: Zusammen mit Jule Neigel, die für ihn 1996 „Freiheit, die ich meine“ textete. Fotos: ey (4), uwe (1)



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