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Allein im Umkreis von zehn Kilometern um Rinteln sind 100 "Schätze" für Geocacher versteckt

Mit GPS wird jeder sein eigener Indiana Jones

Rinteln (wm). Nein, das junge Paar, das auf dem Marktplatz vor dem Bürgerhaus steht und hektisch winkt und Grimassen schneidet, obwohl es weit und breit niemanden zu begrüßen gibt, ist aus keinem Landeskrankenhaus entflohen. Das sind so genannte "Geocacher", die gerne von der Webcam im Bürgerhaus aufgenommen werden wollen. Die Webcam (Geo-Koordinaten N 52 Grad 11.240 E 009 04.860) ist nämlich ein "Cache" (ausgesprochen wird das "Käsch") und somit Ziel einer Schnitzeljagd, die inzwischen weltweit betrieben wird.

veröffentlicht am 11.01.2008 um 00:00 Uhr

Typischer Inhalt einer Box: Münzen, Schlüsselanhänger, Knicklich

Geocacher sagen stolz: "Wir sind die einzigen mit einem Hobby, das nur mit milliardenteurer Technik funktioniert, nämlich sieben bis zwölf Satelliten im Orbit!" Die zeigen mit einer Genauigkeit von bis zu fünf Metern (fast) jeden Fleck auf dieser Welt - Voraussetzung für die "Schatzsuche", die auch ausgesprochen gestandene Persönlichkeiten wie Ärzte und Ingenieure, Fotografen und Lehrer betreiben. Ein Hobby, das Hightech mit ausgedehnten Fußmärschen verbindet. Allein rund um den Rintelner Markplatz liegen im Umkreis von drei Kilometern derzeit 20 Caches, die es zu finden gilt. Im Umkreis von zehn Kilometern (Luftlinie) sind es bereits 100. Die Zielpunkte in Rinteln, die man per GPS, dem satellitengestützten Navigationsgerät ansteuert, tragen phantasievolle Namen wie "Ritter Totholz", "Bremslichter" oder "Markus Abschieds cache". Und weil es ein besonderes Spiel ist, spricht man auch eine eigene Sprache. So sind "Muggels" all' die Nichteingeweihten, denen man am besten auch nicht zeigt, wie man vor Ort "loggt"! Am Zielpunkt erwartet den erfolgreichen Indiana Jones eine Plastikdose oder ein anderes möglichst wasserdichtes, witterungsbeständiges Behältnis, in dem neben Spielzeug oder anderen kleinen Gegenständen auch ein Logbuch liegt, in das sich der erfolgreiche Finder eintragen kann. Fast noch wichtiger ist es, seinen "Fund" im Internet zu melden, wo Geocacher nicht nur auflisten, wie viele "Schätze" sie bereits entdeckt haben, sondern auch melden, wie. Das ist oft witzig zu lesen: "Schwer was?? Wo war denn der Fichtengarten im Dunkeln?" schreibt "Suchnase Eika" über ein Versteck in Strücken. Es ist eine Schnitzeljagd, die es in sich hat und oft gute Mathematik-, Geschichts- oder Ortskenntnisse erfordert, denn es gilt nicht nur Geländepunkte zu finden, sondern auch Rätsel zu lösen. Und man muss manchmal schmerzfrei sein. Denn Caches sind oft in Mauerritzen versteckt (Vorsicht, Spinnen!), unter Brücken, mitten im Wald oder sogar im Wasser. Notierten die "wolfsböcke (51 found)" über einen Schatz an der Rintelner Fockenkumpbrücke: "Man muss Mut beweisen, um mit seinen Fingerchen in all' den Spalten, Löchern und sonstigen Versteckmöglichkeiten rumzufühlen." Diese kleinsten Caches nennt manübrigens Micros, bevorzugt sind die Metallbehälter per Magnet unter eine Metallstrebe geklemmt. In den Rucksack eines Geocacher gehören deshalb neben GPS und Laptop auch Stirnlampe, Gummistiefel, diverses Werkzeug und eine Digitalkamera - denn selbstverständlich wird der Fundort per Bild festhalten. Geocaching hat den Charme, dass es (noch) ein individuelles Hobby ist, das sich dem Zugriff kommerzieller Unternehmen (weitgehend) entzieht. Denn außer einem GPS-Empfänger und Internetzugang braucht man keine weitere Ausrüstung. Die Caches legen andere Geocacher, und denen könnte eigentlich das Rintelner Touristbüro ein Dankschreiben schicken, denn die Wege zum Schatz führen meist zu den schönsten Plätzen in Stadt und Umgebung. Geocaching lockt Gäste in die Stadt. Caches liegen am Klippenturm wie am Archivhäuschen, an der Weserbrücke wie am Ostertor, und dass auch Kinder Spaß haben können, zeigt ein Eintrag von "Kruemelmonster (1153 found)" im Findlingsgarten Möllenbeck: "Die Kids haben eifrig kleine Gletscher gesammelt. Vielen Dank." Neuester Trend ist das Verstecken von so genannten "Travelbugs", so eine Art Plakette oder Schlüsselanhänger, die man mitnehmen und wieder woanders platzieren darf. Es gibt inzwischen Travelbugs, die sind in der ganzen Welt unterwegs - zu identifizieren durch ihre Seriennummer. Verschwinden Caches, sind keineswegs immer "Muggels" oder böse Buben schuld: Manchmal klauen Elstern die die blinkenden Dosen, oder Wildschweine buddeln im Wald die Tupperdosen aus. Ganz andere Probleme stellen sich in der Großstadt: Dort findet man Zettel in den Dosen "Kein Drogenversteck", um Missverständnisse zu vermeiden. Wem Geocaching in derüblichen Form schon zu harmlos ist, kann sich inzwischen auch auf die Suche nach Caches in "Lost Places" machen - ein Suchspiel mit Gruselfaktor, denn das sind meist Ruinen, Bunker, Kanäle, verfallenes Industriegelände. Wer mehrüber das ungewöhnliche Hobby wissen will, wird problemlos im Internet fündig: Selbst Wikipedia hat die Schatzsuche als Stichwort aufgenommen, und wer Geocaching bei Google eingibt, erhält aktuell 7,3 Millionen Einträge.

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