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Aus der (wieder einmal aufregenden) Geschichte der Eisenbahnverbindung durchs Wesertal

Mit Getöse über den Bahndamm

Die Eisenbahnlinie durchs Wesertal sorgt – wieder einmal – für Aufregung. Auslöser sind Zeitungsmeldungen, in denen von einem drohenden Ausbau der Strecke die Rede ist. Das sei „ein Unding“, wurde Hessisch Oldendorfs Bürgermeister Harald Krüger zitiert. So wie er hat inzwischen auch eine ganze Reihe weiterer Politiker Unmut bekundet. „Mehr Lärm, mehr Verkehrsgefährdung, mehr Landschaftszerstörung“ so die am häufigsten geäußerten Bedenken. Anwohner fürchten den Wertverlust ihrer Häuser und Grundstücke.

veröffentlicht am 26.02.2011 um 00:00 Uhr

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Es ist nicht das erste Mal, dass der Schienenstrang zwischen Löhne und Hameln die Gemüter der Leute im Wesertal erregt. Allerdings war man – anders als heute – lange Zeit um Erhalt und Fortbestand der Strecke besorgt. Baubeginn (1872), Fertigstellung (1875) und der zweigleisige Ausbau der zunächst eingleisig angelegten Trasse (1909/1911) wurden als entwicklungspolitische Meilensteine gefeiert. Die hohe Wertschätzung hielt bis in die 1960er Jahre. Dann begannen immer mehr Leute, ins eigene Auto umzusteigen. Die zunächst noch lautstarken Proteste gegen die aufkommenden Stilllegungspläne wurden immer leiser, der Rückbau des zweiten Gleises 1990 bereits mehr oder weniger widerspruchslos hingenommen. Mehr noch: Seit die Strecke im Bundesverkehrswegeplan als Folge der Wiedervereinigung in die Liste der derzeit 29 vorrangigen ABS-Vorhaben aufgenommen wurde, wird jeder Bericht über einen vermeintlich kurz bevorstehenden Ausbau- und Elektrifizierungsbeginn als Schreckensmeldung wahrgenommen.

Eine solche Entwicklung hätten sich die Leute bei der Eröffnung der Trasse am 30. Juni 1875 nicht vorstellen können. Nach einem in der Zeitung veröffentlichten Zeitzeugenbericht muss es damals in den Dörfern und Städten entlang der Weser hoch hergegangen sein. In Rinteln war nahezu die ganze 3600-köpfige Einwohnerschaft auf den Beinen. Der neu ernannte Stationsvorsteher und seine Mannen hatten alle Hände voll zu tun, um dem Ansturm der Massen standzuhalten. Nur unter Aufbietung aller Kräfte konnte verhindert werden, dass die Honoratioren mit Landrat, Kreisrichter und Bürgermeister an der Spitze über die Bahnsteigkante hinweg ins Gleis gedrückt wurden. Aufgeregt umher rennende Lehrer waren bemüht, ihre lärmenden und Fähnchen schwenkenden Schützlinge im Zaum zu halten. Die allgemeine Hektik erreichte ihren Höhepunkt, als kurz nach 14.00 Uhr aus Richtung Hameln das Schnaufen und Stampfen einer Lokomotive zu hören war. Dann quietschten die Bremsen, die rollende Dampfmaschine kam zum Stehen, Fenster und Türen wurden geöffnet und aus „tausenden Kehlen rang sich ein bewundernder Schrei“. Zwei Minuten später brachte Lokführer Hundertmark sein mit Girlanden bekränztes Stahlross unter ohrenbetäubendem Zischen und Pfeifen wieder ins Rollen. Abends stieß die Rintelner Gesellschaft beim Festbankett im Bockelmannschen Gasthof (später „Hotel Stadt Bremen“) ein ums andere Mal auf das historische Ereignis an.

Nach 40 langen Jahren vergeblichen Hoffens sei endlich „die Zukunft eingekehrt“, waren sich die Festtagsredner einig. In der Tat hatte es bereits wenige Jahre nach der deutschen Schienenpremiere am 7. Dezember 1835 zwischen Nürnberg und Fürth auch in der damals hessischen Grafschaft Schaumburg eine erste Initiative „pro Bahn“ gegeben. Fabrikbesitzer und Vertreter mehrerer Gemeinden kamen 1839 auf Vorschlag des damaligen Landrats Kröger zur Gründung eines „Bahnkomitees“ zusammen. Ihre Vorstöße zum Bau einer West-Ost-Trasse durchs Wesertal scheiterten jedoch immer wieder am kleinkarierten Denken der preußischen, hannoverschen und hessischen Genehmigungsbehörden. Vor allem die kurfürstliche Regierung in Kassel zeigte wenig Interesse. Umso größer war in Rinteln und Umgebung der Frust, als die neue Hauptverbindung Köln-Berlin 1847 nicht wie erhofft durchs Wesertal, sondern durchs Fürstentum Schaumburg-Lippe gebaut wurde.

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Vor dem Baubeginn 1872 waren umfangreiche Planungen, Grundstücksverhandlungen, Erdbewegungen und Brückenbauten erforderlich. Hier einer der zahlreichen Streckenentwürfe des damaligen „Landmessers“ Hildebrandt aus dem Jahre 1872. Er zeigt die Situation in der Gegend um Gut Dankersen zwischen Todenmann, Fülme und Rinteln. Repros: gp

All’ das schien nach der Fertigstellung der Parallelstrecke vor gut 135 Jahren vergessen zu sein. So wie in Rinteln wurde der „Aufbruch in die neue Ära“ überall zwischen Hameln und Löhne gefeiert. Noch Jahrzehnte später machten Berichte über die erste Begegnung von Leuten mit der rollenden Dampfmaschine die Runde. Ein besonders eindrucksvoller Erfahrungsbericht ist aus Hessisch Oldendorf, wo damals Harald Krügers Vorgänger Gerhard Heinrich Matthäus Berger das Sagen hatte, überliefert. Er stammt von einem jungen Bauernburschen, der in der Zeitung als „Christian H.“ vorgestellt wurde und an jenem heißen Juni-Tag des Jahres 1875 auf dem Bärenkampe mit Miststreuen beschäftigt war. Dabei hörte er plötzlich in der Ferne ein furchterregendes Schnauben und Zischen. Er lief in Richtung Bahndamm, um die Sache in Augenschein zu nehmen. Am Schienenstrang angekommen, sah er ein schwarzes Ungetüm direkt auf sich zukommen. Christian H. rannte, so schnell es ging, über die Felder. Irgendwann blieb er stehen und drehte sich um. Das Eisenungeheuer rollte vorbei. Was ihm in diesem Moment durch den Kopf ging, beschrieb er später so: „Gott sei Dank, dat Beist (Biest) kumt nich achter (hinter) mi her“.

Das neue Rintelner Stationsgebäude war noch nicht ganz fertig, als am 30. Juni 1875 der erste Zug in Rinteln einfuhr. Hier eine Postkarte aus der Zeit um 1900.



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