weather-image
×

Zu: „Gestörter Dorffrieden“, vom 4. November

Mit Geld ist es nicht getan

Natürlich sind die Nachbarn der Obdachlosenunterkunft in Tündern nicht zu beneiden. Ich bin aus beruflichen Gründen auch immer wieder mit Bewohnern dieses Hauses konfrontiert. Aber die Situation ist Beweis für die Ideenlosigkeit staatlicher Vorgaben und Regelungen.

veröffentlicht am 25.11.2020 um 18:30 Uhr

Autor:

Der Glaube, es wäre genug getan, wenn man den Menschen Geld zum Überleben in die Hand gibt und ihnen vielleicht dann und wann ein Gespräch mit einem Sozialarbeiter ermöglicht, zeugt von erheblicher Naivität.

Menschen haben ein Recht auf einen Platz in der Gesellschaft, der ihnen allzu schnell verweigert wird, wenn sie die an sie gestellten Erwartungen nicht erfüllen. Jeder einzelne der dort Wohnenden bringt eine komplexe Lebensgeschichte mit sich, aus der zumindest das gezeigte Verhalten vielleicht nicht verständlich, aber nachvollziehbar ist. In der Regel beginnen die Probleme bereits im Kindheits- oder Jugendalter und manifestieren sich. Warum auch immer wurden notwendige Hilfen nicht zur rechten Zeit und im nötigen Umfang gegeben, was letztendlich verhindert, einen geeigneten Platz in der Gesellschaft zu finden. An der Stelle, wo bei den meisten Menschen ein Wille von Zukunftsgestaltung gespürt wird, hat das Schicksal ein tiefes dunkles Loch gefressen, das sich nicht füllen will.

Nun ist es so, dass das beschriebene Verhalten der Bewohner der Tündernschen Straße 6 wohl überwiegend als störend und belästigend empfunden wird, aber in der Regel nicht strafbar ist. Insofern ist das durch die gesetzlich zugesicherte „Freiheit“ der Lebensgestaltung gedeckt, was natürlich den Handlungsspielraum der für dieses Haus Verantwortlichen drastisch einschränkt. Natürlich wäre jeder das Problem vor der eigenen Haustür gern los, aber wohin soll es verlagert werden? Das St.-Florians-Prinzip greift zu kurz. Die Möglichkeit, in eigener Wohnung zu leben, ist bei den meisten bereits gescheitert, weil die Fähigkeit zu einem sozial angepassten Leben verlorengegangen ist. Zudem sehe ich weit und breit keinen Vermieter, der bereit wäre, diesem Personenkreis Wohnraum zur Verfügung zu stellen, abgesehen davon, dass der Wohnungsmarkt ohnehin nichts hergibt. Es stellt sich also die große Frage, wohin mit diesen Menschen? Und wie kann man es organisieren, dass sie sich als wertvolles und anerkanntes Mitglied der Gesellschaft empfinden? Der Gesetzgeber hat hier nicht allzu viele Alternativen vorgesehen. Die Versorgung in einer geeigneten Heimeinrichtung wäre für die meisten im Hinblick auf eine geregelte Essenversorgung wohl eine gute Alternative, greift aber auch nicht, weil auch dort die Einhaltung von Regeln gefordert wird. Um eine für alle befriedigende Lösung zu finden, ist es wohl erforderlich, ins Gespräch zu kommen.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Kontakt
Redaktion
E-Mail: redaktion@dewezet.de
Telefon: 05151 - 200 420/432
Anzeigen
Anzeigen (Online): Online-Service-Center
Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
Abo-Service
Abo-Service (Online): Online-Service-Center
Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
X
Kontakt