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Ehemaliger Chefarzt der Onkologie Minden zu Leukämie, Typisierung und Stammzellenspende

"Mit fünf Milliliter Blut zum Lebensretter"

Bückeburg. Alle 45 Minuten erhält in Deutschland ein Patient die niederschmetternde Diagnose: Leukämie. So ging es im vergangenen Sommer auch dem ehemaligen stellvertretenden Bürgermeister Jürgen Harmening. Er hatte Glück: Er gilt inzwischen als geheilt. Viele andere dagegen sterben, auch weiles keinen geeigneten Stammzellenspender gibt. Sein Glück und die erfahrene Solidarität haben Jürgen Harmening bewegt, die Aktion "Bückeburg - eine Stadt lässt sich typisieren" zu initiieren. Unser Redakteur Raimund Cremers sprach mit Prof. Dr. Heinrich Bodenstein, bis vor 14 Tagen Chefarzt desZentrums für Innere Medizin, Klinik für Haematologie / Onkologie am Klinikum Minden und Bückeburger Bürger, über die Krankheit.

veröffentlicht am 29.03.2008 um 00:00 Uhr

Prof. Dr. Heinrich Bodenstein: "Mit fünf Milliliter Blut können

Leukämie, was ist das? Akute Leukämien sind bösartige Erkrankungen des blutbildenden Systems im Knochenmark. Krankhafte Zellen vermehren sich ungebremst und unterdrücken die Bildung normaler Blutzellen. Hierdurch kommt es zu einem Mangel an gesunden roten Blutkörperchen (den Sauerstoffträgern des Körpers), an weißen Blutkörperchen (den Abwehrzellen) und an den für die Blutgerinnung erforderlichen Blutplättchen. Eine Leukämie kann in jedem Lebensalter auftreten. Was ist das Heimtückische an dem Blutkrebs? Die Erkrankung wird zumeist erst durch eine Blutuntersuchung entdeckt, wenn durch den Mangel der genannten Zellsysteme krankheitsbedingte Probleme wie zum Beispiel Schwäche, Infektionen oder Blutungen aufgetreten sind . Das heißt: Die Krankheit kann bis zum Auftreten erster Symptome schon weit fortgeschritten sein. Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es? Die Behandlung ist abhängig vom Alter des Patienten und vo n bestimmten Eigenschaften der Leukämiezellen. Grundsätzlich müssen zunächst durch eine mehrwöchige stationäre Chemotherapie mit zellschädigenden Medikamenten die Leukämiezellen zerstört werden, damit sich wieder gesunde Blutzellen bilden können. In vielen Fällen muss diese Behandlung dadurch ergänzt werden, dass nach intensiver Vorbehandlung gesunde Blutvorläufer-Zellen, sogenannte Stammzellen, von geeigneten Spendern dem Patienten übertragen werden. Nur durch eine solche Stammzell-Transplantation kann für die meisten Patienten die Chance des Überlebens ohne Rückfall um 40 bis 60 Prozent verbessert werden. Routinemäßig kann dieses Verfahren jedoch nur Patienten bis zum 60. Lebensjahr angeboten werden. Voraussetzung hierfür ist das Vorhandensein eines geeigneten Stammzellspenders. Wie kommen Sie an die Stammzellen-Spender? Die Eignung des Spenders ist von derÜbereinstimmung bestimmter Gewebemerkmale abhängig. Optimaler Spender ist ein sogenannter genetischer Zwilling. Die Wahrscheinlichkeit, den idealen Spender zu finden, ist unter Geschwistern am höchsten. Tatsächlich kann jedoch nur in 25 Prozent der Fälle damit gerechnet werden, dass sich ein Spender in der Familie findet. Was machen sie in den anderen Fällen? Grundsätzlich sind die erforderlichen Kombinationen der Erbeigenschaften auch bei nicht verwandten Menschen zu finden. Die Chance hierzu besteht heute in großen, weltweit vernetzten Spenderdateien, in denen derzeit die Gewebemerkmale von gut zehn Millionen Freiwilligen gespeichert sind. Hierdurch ist die Chance, einen geeigneten Spender gegebenenfalls außerhalb der Familie zu finden, auf etwa 75 Prozent gestiegen. Ist die Typisierung schmerzhaft? Bis auf den Nadelstich bei der Blutentnahme: Nein! Es werden zunächst nur fünf Milliliter Blut aus einer Vene benötigt, eine Maßnahme, die die meisten Menschen bereits beim Arzt kennengelernt haben. Was kommt auf einen zu, wenn man als Spender in Betracht kommt? Als erstes erfolgt eine detailliertereÜberprüfung der Gewebeeigenschaften nach einer erneuten Blutuntersuchung. Nach einer eingehenden Aufklärung über die weiteren Maßnahmen folgt ein Gesundheits-Check des möglichen Spenders an einem geeigneten Zentrum. Was kostet es, wenn man ausgewählt wird? Es fallen keine Kosten für den Spender an. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse des Patienten. Wie läuft die Entnahme der Stammzellen? In etwa 90 Prozent der Fälle werden heute die Stammzellen aus dem Blut des Spenders gewonnen. Hierzu werden über fünf Tage die Zellen durch einen Wachstumsfaktor stimuliert. Dieses übernimmt in der Regel der Hausarzt. Am Tag der Stammzellsammlung wird der Spender nach Anlage von zwei Venenzugängen an eine Blutfiltermaschine angeschlossen. Über etwa drei Stunden werden die Blutstammzellen über ein Zentrifugensystem isoliert und gesammelt, alle übrigen Blutbestandteile werden umgehend wieder zurückgegeben. Hierbei handeltes sich um ein Vorgehen, dasähnlich auch bei Blutspenden zur Herstellung von besonderen Blutpräparaten bei den Blutspendediensten eingesetzt wird. Die anderen zehn Prozent? In seltenen Fällen ist der Einsatz von Stammzellen aus dem Knochenmark (nicht zu verwechseln mit dem Rückenmark!) medizinisch notwendig. Hierzu muss dem Spender unter Narkose Blut aus dem Beckenknochen durch Mehrfachpunktionen mit einer geeigneten Nadel entnommen werden. Die darin befindlichen Zellen werden wie die Blutstammzellen aufgearbeitet und dem Leukämie-Kranken durch eine Infusion zugeführt. Welche Schmerzen, welches Risiko trägt der Spender? Nur die Unannehmlichkeiten bei der Venenpunktion. Wie stehen die Heilungschancen für den Stammzellen-Empfänger? Auch wenn eine Stammzell-Transplantation eine Heilung nicht garantieren kann, ist sie für 40 bis 60 Prozent der Patienten mit akuter Leukämie die einzige Chance, auf ein langfristiges krankheitsfreies Überleben. Warum zahlen die Krankenkassen die Typisierung nicht? Die Krankenkassen sind zunächst nur für die Kostenübernahme bei ihren Versicherten zuständig. Solange Daten in einem anonymisierten Register verwaltet werden, entfällt die unmittelbare Zuordnung. Sobald ein Spender einem Patienten zugeordnet ist, tritt die Versicherung des Patienten für alle weiteren Kosten in die Verantwortung. Aufgrund dieser Finanzierungslücke wurden gemeinnützige Institutionen wie die DKMS gegründet, die durch Stiftungen, Spenden und Aktionen wie diese in Bückeburg unterstützt werden. Sind das alle Probleme? Nein. Wichtiger ist es mir, den Menschen im Alter zwischen 18 und 55 Jahren, die als Spender infrage kommen, deutlich zu machen, dass Sie zunächst nur durch die Entscheidung zur Entnahme von ganz wenig Blut einen wichtigen Schritt auf dem Wege zu einer lebensrettenden Maßnahme tun können. Also auf zur Typisierung? Ja, unbedingt. Herr Harmening hat als persönlich Betroffener diese Aktion auf den Weg gebracht, obgleich für ihn ein Spender im Familienkreis gefunden werden konnte. Für einige andere Leukämie-Patienten aus unserer Region im Alter zwischen 23 und 48 Jahren laufen derzeit im Klinikum Minden Fremdspendersuchen - in einem Fall schon übermehrere Monate. Leider noch immer ohne Erfolg. Hier können Sie helfen und zum Lebensretter werden. Ich bitte Sie: Tun Sie den ersten Schritt. Kommen Sie am 19. April ins Palais. Lassen Sie sich fünf Milliliter Blut abnehmen.



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