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Mit der „schnellen Gerdi“ durch Hameln

Der ADAC unterzog kürzlich die Taxen in zwölf größeren deutschen Städten einem Test mit Blick auf Freundlichkeit der Chauffeure, Einhaltung der Verkehrsregeln, Routentreue und Art und Zustand der Fahrzeuge. Doch wie sieht es bei den Hamelner Taxen aus? Die Stadt hat Konzessionen für 26 Kraftdroschken – so hießen sie früher im Amtsdeutsch – vergeben und die warten an den fünf ausgewiesenen Taxiständen ebenso auf Fahrgäste wie weitere 54 Mietfahrzeuge. Die Dewezet hat einzelne Fahrten bei fünf heimischen Unternehmen unternommen – nicht repräsentativ, aber eben Fahrten, wie sie jeder Kunde erleben kann.

veröffentlicht am 28.04.2010 um 10:51 Uhr
aktualisiert am 28.04.2010 um 11:38 Uhr

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Von Frank Neitz

Fahrt 1: Eine Mietwagenfahrt mit „City-Car“ für einen Geschäftsreisenden vom Hastenbecker Gewerbegebiet zu einem Hamelner Innenstadthotel.

Das Fahrzeug, ein Mercedes der C-Klasse, fährt nach 14 Minuten und somit innerhalb der genannten Wartezeit vor. Der Fahrer steigt aus und öffnet nicht nur den Kofferraum, sondern lädt selbst das Gepäck ein. Der Wagen macht einen sauberen Eindruck, riecht aber stark nach Nikotin. Nach einigen Metern Fahrt schnallt sich der Fahrgast an, einen Hinweis vom Chauffeur, den Gurt anzulegen, gibt es nicht. Mit den knapp 90 Stundenkilometern in der 70er-Zone bei Afferde und Tempo 40 in der Bahnhofstraße überschreitet der Fahrer zweimal das Tempolimit. Dafür ist er überaus freundlich, gibt hilfreiche Tipps zum abendlichen Ausgehen und scheint Job und Stadt zu lieben. Die Fahrt kostet 11 Euro inklusive Trinkgeld, das sich der Aushilfsfahrer aufgrund seiner Freundlichkeit verdient hat.

„Spezielle Schulungen gibt es bei uns nicht“, sagt Inhaberin Jessica Ersan. „Wir haben Fahrer, die schon sehr lange bei uns sind. Denen braucht man nichts mehr erzählen.“ Die Wagen von City-Car werden bei Schichtwechsel von innen gereinigt und zweimal pro Woche gewaschen. Was die Verkehrssicherheit anbelangt, räumt die Unternehmerin ein: „Na ja, im Rahmen kommen Geschwindigkeitsüberschreitungen schon mal vor.“

Wartende Taxis vor dem Bahnhof: Hier beginnt für viele Reisende
  • Wartende Taxis vor dem Bahnhof: Hier beginnt für viele Reisende der Hameln-Besuch. Foto: Dana

Das Testergebnis, mit dem sie nun konfrontiert wird, deckt sich weitgehend mit ihren Angaben. „Eigentlich sollte es ein Nichtraucherfahrzeug sein, in dem nicht geraucht wird. Das war schon ein paar mal Thema bei uns“, ist ihr Kommentar zum Nikotingeruch. Und zu den Geschwindigkeitsüberschreitungen meint die „City-Car“-Chefin, dass die Fahrer schon aufpassen, nicht „in die Punkte zu fahren“. Und etwas schneller fahre wohl jeder Verkehrsteilnehmer.

Fahrt 2: Wieder ein Geschäftsreisender, diesmal mit einem Taxi der Funk-Taxen-Zentrale direkt vom Hamelner Bahnhof zu einem Hotel im „Türmerweg“.

Die Fahrerin von Fahrzeug 24 steigt aus, öffnet hilfsbereit den Kofferraum zum Einladen des Gepäcks und fährt los, allerdings mit einem in eine Papiertüte eingeschlagenen Stück Pizza in der Hand, dessen Krümel Konsole und Fußraum des ansonsten makellos sauberen Mercedes der E-Klasse verschmutzen. Durch ein Verständigungsproblem geht die Fahrt zunächst Richtung Pflümerweg. Mit der Pizza in der rechten Hand, mal am Steuer und mal am Mund, beschleunigt die Fahrerin auf dem rechten Fahrstreifen der Münsterbrücke auf 65 km/h und zieht an den links fahrenden Fahrzeugen vorbei. Am Brückenkopf wird auf Hinweis kurz gestoppt, im Stadtplan des Telefonbuchs vergeblich nach der Straße gesucht und die Zentrale angefunkt – ohne Ergebnis. Erst ein Wink des Fahrgastes auf ein dortiges Hotel bringt Klarheit. Wegen des kleinen Umweges schaltet die Chauffeurin das Taxameter bei 6,50 Euro aus und bringt es bis zum Zielort nicht wieder in Gang. Die Fahrt schlägt mit 12 Euro zu Buche, inklusive Trinkgeld. Denn das hatte sich auch diese Fahrerin – geradezu ein Hamelner Pendant zur „schnellen Gerdi“ aus der Fernsehserie – mehr als verdient. Freundlich und redselig macht sie die Fahrt trotz des kleinen Missgeschickes zu einem kurzweiligen Erlebnistrip, und das Ganze ohne versteckte Umwege.

Für den Betreiber der Funk-Taxen-Zentrale, Heinrich Griese, ist es selbstverständlich, dass seine vier Festangestellten und die vier Aushilfsfahrer dem Fahrgast die Türen öffnen, Gepäck tragen und sowieso höflich sind. Spezielle Schulungen zum Umgang mit Kunden und Sicherheitstrainings werden bei Griese selten angeboten. Er gehe lieber „so mal auf die Fahrer zu“. „Die sind fertig ausgebildet und teilweise schon 20 Jahre bei mir“, so Grieses Kommentar. Was die Ortskenntnis angeht, erklärt er, dass bei der Prüfung 28 von 30 Straßen bekannt sein müssen – und auch seien. Den Türmerweg hätten allerdings „fünf von zehn Fahrern nicht gekannt“.

Eine grobe Reinigung seiner zwei Fahrzeuge erfolge bei jedem Fahrerwechsel und gesaugt werde alle zwei Tage. „Das mit dem Essen bei der Fahrt sollte nicht passieren.“ Zur Geschwindigkeit sagte Griese: „Es kann vorkommen, dass zu schnell gefahren wird.“

Fahrt 3: Eine innerstädtische Fahrt an einem späten Samstagabend von der Wilhelmstraße zur Marienstraße.

„Mini-Car“ bereitet den Kunden am Telefon auf eine Wartezeit von 20 Minuten vor. Doch nach nur 15 Minuten klingelt der Fahrer. Allerdings sitzt er beim Einstieg der Fahrgäste schon in seinem Wagen. Das Auto, ein Mercedes-Kombi der S-Klasse, erscheint gepflegt und ist innen sehr sauber. Zudem duftet es angenehm – also kein Raucherfahrzeug. Über die Hermannstraße und den 164er Ring geht es Richtung Feuergraben, der jedoch mit 43 Stundenkilometern zu schnell befahren wird. Etwas kürzer – allerdings nur minimal – wäre der Weg durch die Luisenstraße gewesen. Der Fahrgast im Fond ist nicht angeschnallt und wird vom Fahrer darauf auch nicht hingewiesen. Überhaupt scheint der Fahrer nicht sonderlich gesprächig. Er ignoriert gleich mehrere Ansprachen der Fahrgäste. Am Ziel sind für diese Fahrt aufgerundet 5 Euro fällig.

Schulungen hinsichtlich kundenorientiertem Service gibt es auch bei „Mini-Car“ nicht. Eckpunkte werden angesprochen, und die Fahrer wissen, dass sie mit Freundlichkeit auch Trinkgelder verdienen, meint Geschäftsführer Michael Boe. Ein Fahrsicherheitstraining wurde bereits angeboten. „Zweimal haben wir das schon gemacht. Eine sinnvolle Sache, aber mit viel Aufwand verbunden.“ Wenn bei „Mini-Car“ zu „rustikal“ gefahren wird, gibt es vom Chef „was zwischen die Hörner“ – sprich ein ernstes Vieraugengespräch. Gereinigt werden die Fahrzeuge einmal pro Schicht. Als Boe auf die Fahrt mit seinem Unternehmen angesprochen wird, kann er nicht glauben, dass sein Fahrer nicht gerade das beste Bild abgab: „Gerade dieser Fahrer ist für seine Freundlichkeit bekannt“, sagt der Unternehmer. Den fehlenden Hinweis auf den nicht angelegten Sicherheitsgurt erklärt Boe mit der oft gereizten Reaktion von Fahrgästen auf diese Belehrung.

Fahrt 4: Kurzstrecke eines Geschäftsreisenden vom Bahnhof zu einem Hotel am 164er Ring mit einem „Thiedke“-Taxi.

Die Fahrerin steigt aus und öffnet den Kofferraum. Wieder schnallt sich der Fahrgast erst nach einigen Metern unaufgefordert an. Ohne Umwege geht die Fahrt direkt über die Bahnhofstraße, die allerdings mit etwa 45 km/h zu schnell befahren wird, zum Hotel. Das Fahrzeug, ein E-Klasse-Mercedes, ist sehr sauber, die Luft im Wagen ist angenehm und nikotinfrei. Auch diese Fahrerin scheint nicht gern mit dem Fahrgast zu kommunizieren. Fragen zu Veranstaltungen und Freizeitmöglichkeiten in der Rattenfängerstadt werden unzureichend und nicht gerade freundlich beantwortet. Der aufgerundete Fahrpreis für diese Tour: 5 Euro.

„Sauberkeit ist das A und O“, sagt Dieter Thiedke vom gleichnamigen Unternehmen. Seinen Mitarbeitern steht eine Halle mit eigener Werkstatt für die Innenreinigung zur Verfügung. Kurse werden keine durchgeführt. Angesprochen auf das nicht gerade werbewirksame Auftreten seiner Fahrerin, antwortet Thiedke: „Hameln ist eine so schöne Stadt, über die man froh sein kann, etwas erzählen zu dürfen.“ Der Geschäftsführer denkt nach eigener Angabe darüber nach, Flyer mit Hamelner Kultur-Tipps in den Wagen auszulegen und seinen Mitarbeitern deren Lektüre zu empfehlen.

Einen Hinweis auf das Missachten der Gurtpflicht würde während der Fahrt durch ein akustisches Signal erfolgen. So müsse der Fahrer den Kunden nicht gleich über sein Versäumnis zu informieren. „Aber 45 km/h in einer 30er-Zone fährt man nicht“, zeigt Thiedke kein Verständnis für die Geschwindigkeit in der Bahnhofstraße.

Fahrt 5: Mietwagenfahrt mit „Mai Drive“ von einem Hotel im Türmerweg zum Finanzamt.

18 Minuten nach dem Anruf – 20 Minuten wurden im Telefonat genannt – fährt ein Audi A6 vor. Dessen Fahrer öffnet den Kofferraum, in dem bereits einige Jacken liegen und das Verladen des Gepäcks für den Gast erschweren. Das Fahrzeug ist sehr sauber und rauchfrei. Ein Hinweis, den Gurt anzulegen, vermisst der Gast auch bei diesem Unternehmen. Auf der Pyrmonter Straße beschleunigt der Chauffeur auf 65 Stundenkilometer – 15 zu viel. Der Fahrer ist sehr zuvorkommend und redselig, berichtet von einem Hamelner Fünf-Sterne-Hotel und erzählt ausführlich von der Insolvenz eines ansässigen Unternehmens. Die Fahrt aus Wangelist zum Amt kostete 7 Euro, inklusive Trinkgeld. Eine Quittung konnte im Wagen wegen eines fehlenden Blocks nicht ausgestellt werden, wurde aber per Post prompt nachgereicht.

„Ich bin von der Berufsgenossenschaft verpflichtet, meine Fahrer einmal im Jahr zu unterrichten“, erklärt Chef Marcus Mai auf die Frage nach Sicherheitsseminaren. Freundlichkeit wird nicht speziell geschult, aber vor den Wochenendschichten gibt es ein Treffen. „Wir sind besonders freundlich, das wird uns nachgesagt“, sagt Mai. Die Fahrzeuge werden nach der Schicht gereinigt

Zum Anschnallen sagt er, darauf weise er die Fahrgäste nicht mehr hin, „seitdem ich schon mehrmals deswegen angepöbelt wurde, aber bei unter 18-Jährigen bestehe ich drauf“. Die Geschwindigkeitsübertretung und ein voller Kofferraum sollten nicht vorkommen, die Jacken hatten Fahrgäste der vergangenen Nacht vergessen. Und was die Unterhaltung der Fahrgäste angeht: „Viele von uns sind Quasselstrippen. Einmal sagte mir schon ein Gast, dass ich doch mal die Klappe halten solle.“ Das Wichtigste vorweg: Hamelns Taxiunternehmen sind offenbar besser als der Ruf der Branche. Alle getesteten Taxifahrer waren ehrlich, jede Fahrt führte ohne Umwege zum Ziel. Die Fahrzeuge waren fast durchweg sauber und gepflegt. Aber ob eine Taxifahrt gut oder schlecht ausfällt, liegt letztlich beim Fahrer – und hier gibt es durchaus noch ein paar Schwächen. Geschwindigkeitsüberschreitungen können ebenso abgestellt werden wie das manchmal an den Tag gelegte unfreundliche Auftreten oder die mangelnde Auskunftsfreudigkeit. Und da sollte gerade eine Touristenstadt wie Hameln ruhig noch eine überzeugendere Visitenkarte abgeben.

Taxen sind so etwas wie die Visitenkarte einer Stadt. Oft ist der Taxistand für Touristen und Geschäftsreisende die allererste Anlaufstation – und der erste Eindruck bleibt haften. Wir gingen in fünf Hamelner Taxen auf Probefahrt.

Auch der Rattenfänger ist offenbar längst nicht mehr nur zu Fuß unterwegs. Schließlich warten an fünf Taxiständen Mitfahrgelegenheiten. Foto: fn

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