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Im Aerzener Kernort bricht seit Jahren der Einzelhandel weg / Leerstände nehmen immer mehr zu

„Mit dem Multimarkt starben die Läden“

Aerzen. Ein wenig erinnert die Umgestaltung des alten Aerzener Ortskerns an die Geschichte der „Zehn kleinen Negerlein“ (Originaltitel: Ten Little Indians), einem ursprünglich amerikanischen Zählreim in Liedform aus dem 19. Jahrhundert. Nur dass im Ortszentrum von Aerzen keine Menschen verschwinden, sondern Läden und ganze Gebäude, und der Leerstand mehr und mehr um sich greift.

veröffentlicht am 14.10.2009 um 14:31 Uhr

Der Aerzener Ortskern – diese Seite der Osterstraße ist lü

Autor:

Sabine Brakhan

Einschneidend sind die zu beobachtenden Veränderungen aber nicht erst in der jüngsten Vergangenheit. Schon in den 70er Jahren bewies die Gemeinde entlang der Osterstraße und des Reherweges Mut zur Lücke. Die damals entstandenen Freiflächen sind noch heute, Jahrzehnte später, unbebaut, fallen den Passanten aber nicht sofort ins Auge, weil sie sich mittlerweile ins Ortsbild eingefügt haben. Dort, wo früher an der „Krähenecke“ Kinofilme gezeigt, das Feierabendbier getrunken und Bälle gefeiert wurden, können jetzt gerade mal acht Autos parken. Und auch da, wo noch vor wenigen Jahrzehnten das zum ehemaligen Zimmerplatz gehörende Wohn- und Geschäftshaus stand, erstreckt sich heute der Parkplatz des örtlichen Nahversorgers. Die zum Markt- und Parkplatz umgestaltete Freifläche neben der Marienkirche sieht aus, als hätte dort nie ein Bauernhof, zwei Wohnhäuser sowie zahlreiche Schuppen und Garagen gestanden – haben sie aber. Sie mussten weichen.

Schleichender Rückzug der Fachgeschäfte

Unmittelbare Zeugin dieser Veränderung des Ortskerns ist Sigrid Pradler. Sie wohnt nicht nur an der Osterstraße, sie hat auch viele Jahrzehnte lang das Schuhfachgeschäft ihrer Familie in zehnter Generation fortgeführt. „Man konnte die schleichende Entwicklung über Jahre hinweg beobachten und ich habe den Rückzug einzelner Fachgeschäfte aus dem Ortsbild immer sehr kritisch betrachtet. Für mich war es selbstverständlich, meinen Anteil zur ausgewogenen Geschäftsvielfalt für den Ort beizusteuern“, erklärt Sigrid Pradler. Sie hat ihr Geschäftshaus stets modernisiert und den veränderten Ansprüchen der Kundschaft angepasst. „Obwohl wir keine Kinder haben, an die wir unser Lebenswerk weitergeben können, haben wir zusätzlich zu unserem Eigentum ein Geschäftshaus in der Nachbarschaft erworben, renoviert und so vor dem Verfall bewahrt“, erklärt die engagierte Osterstraßen-Anwohnerin. Heute können Aerzener Bürger und Durchreisende dank des Engagements von Sigrid Pradler und ihrem Mann Horst in zwei Fachgeschäften und einem gastronomischen Betrieb an der Hauptverkehrsstraße einkaufen und speisen. Noch bis vor wenigen Jahrzehnten befand sich in nahezu jedem Haus entlang der Osterstraße ein inhabergeführtes Fachgeschäft. Spielwaren gab es gleich in zwei Geschäften, genau wie Tapeten und Farben. Bekleidung wurde in drei Fachgeschäften mit unterschiedlichen Schwerpunkten angeboten. Kleinere Geschäfte mit einem ausgewogenen Angebot an Backwaren, Zweirädern, Lederwaren, Uhren und Schmuck, Korb- und Geschenkwaren, Möbeln, Hüten, Stoffen und Kurzwaren, Zeitschriften sowie Schulbedarf rundeten die vielfältige Produktpalette damals ab.

„Mit der Eröffnung des Multimarktes vor den Toren Hamelns begann das Sterben der kleinen Läden in Aerzen“, berichtet die ehemalige Geschäftsfrau. „Dass viele kleine Geschäfte mehr Lebensqualität in den Ort bringen, als ein großes, dass hat man, wenn überhaupt, viel zu spät erkannt. Leerstände sind für alle kein schöner Anblick“, so ihre Einschätzung. Und weiter: „Es ist bedauerlich, dass das Ortsbild mit dem jüngsten Abriss entlang der Bundesstraße zumindest ein besonders markantes Gebäude verloren hat. Das Haus mit den auffälligen Kugeln hat die Blicke vieler Aerzener und auswärtiger Besucher auf sich gezogen und an die Sage vom Lüningsberg erinnert. Auch wenn Haus und Erzählung nicht in unmittelbarem Zusammenhang standen, die Phantasie der Menschen hat das Gebäude stets angeregt. „Schon allein wegen seines besonderen Aussehens prägte das Haus das Bild der Osterstraße und wäre erhaltenswert gewesen“, gibt die Aerzenerin zu bedenken, die das Argument „Baufälligkeit“ für den Abriss nicht gelten lassen möchte.

Was einmal aus der Geschäftsstraße Aerzens wird, wenn die Bundesstraße am Ort vorbeigeführt wird, bleibt abzuwarten. „Für die Tankstellen im Ort wird es gravierende Auswirkungen haben, wenn der Durchgangsverkehr nicht mehr durch den Ortskern fließt. Vielleicht nicht ganz so einschneidend wird sich die Situation auf die Einzelhandelsgeschäfte auswirken. Der Großteil der Kunden kommt aus Aerzen und den umliegenden Ortschaften“, lautet Sigrid Pradlers Prognose. Eine Frage aber beschäftigt sie: „Vor etwa sechs Jahren wurde Geld für ein schönes Altdorf bewilligt. Wohin ist das Geld geflossen oder war es etwa nur für den Abriss bestimmt?“

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