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In Bulgarien wächst seit dem EU-Beitritt die Tourismusbranche – und lädt zum Wintersport ein

Mit dem Eselskarren zum Wirtschaftswachstum

Sofia. Mitten im Winter, doch ihr Outfit ist mehr sommerlich und sexy als pistentauglich. Den Männern im Restaurant gefällt, was sie sehen: Mit rotem, engen Minirock und Sandalen bedient sie eine junge Frau im „Happy Bar & Grill“ unweit des Grand Hotels Sofia. Obwohl bereits spät am Nachmittag, beginnt für einige der Skitag erst jetzt: mit einem stärkenden Essen vor dem nächtlichen Skilauf im Vitoscha-Gebirge südlich von Sofia. Schon bei der Ankunft auf dem Flughafen der bulgarischen Hauptstadt leuchtete die imposante Berg-Silhouette mit den schneebedeckten Hängen und dem höchsten Gipfel, dem 2290 Meter hohen Tscherni Wrach (Schwarzer Gipfel), in der Sonne. Lage und Panorama erinnern ein wenig an das bayerische Garmisch-Partenkirchen. Ob Skifahren hier in Bulgarien genauso viel Spaß macht, wird sich zeigen.

veröffentlicht am 24.02.2011 um 15:42 Uhr
aktualisiert am 28.02.2011 um 17:19 Uhr

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Bis zum Skizentrum Aleko-Vitoscha auf rund 1800 Metern braucht der Bus in der abendlichen Rushhour durch Sofia rund eine Stunde. Von den zwölf Skipisten mit einer Gesamtlänge von 29 Kilometern ist täglich zwischen 18.30 Uhr und 22 Uhr eine Piste mit Flutlicht beleuchtet. Nach einer frostig-langen Fahrt mit dem Sessellift oben angekommen, belohnt der grandiose Ausblick auf das Lichtermeer der Großstadt Sofia mit ihren 1,4 Millionen Einwohnern. Kurz innehalten, still genießen, dann konzentriert abfahren. Die Nachtskifahrt im Vitoscha-Gebirge ist ein gelungener Auftakt und macht neugierig auf die anderen großen Skigebiete: Bansko im Pirin-Gebirge, Pamporovo im Rhodopen-Gebirge, Borovetz im Rila-Gebirge.

Am nächsten Morgen Aufbruch nach Bansko, 150 Kilometer südlich von Sofia. Auf teils unasphaltierten, holprigen Straßen fahren wir vorbei an abgewirtschafteten Hausfassaden und monotonen Plattenbauten – 80 Prozent der Bulgaren besitzen eine Eigentumswohnung, haben aber kein Geld für die Renovierung. Es geht vorbei an Ortsschildern mit kyrillischen Hieroglyphen, an Eselskarren und Bauern, die am Straßenrand Säcke mit Kartoffeln feilbieten. Während der dreistündigen Busfahrt erzählt Stojan, unser einheimischer Begleiter, dass Bulgarien für seine Rosenölproduktion und Mineralquellen berühmt sei. In der Zeit der nationalen Wiedergeburt im 18. und 19. Jahrhundert erlebten die alten Traditionen, die Kunst und das Handwerk eine neue Blüte, die bulgarische Literatur und das Theater einen Aufschwung. Häuser, öffentliche Gebäude und religiöse Stätten wurden gebaut und reflektierten das ästhetische und künstlerische Ideal der Zeit: die Sehnsucht nach Schönheit im alltäglichen Leben.

Und heute? Seit dem Beitritt Bulgariens zur EU am 1. Januar 2007 wächst die Wirtschaft stark, auch die Tourismusbranche. Dass das Land auf der Balkanhalbinsel aber mehr als nur Sonne und Strand am Schwarzen Meer zu bieten hat, zeigt sich auch am Wandel seiner Skigebiete. Viele wurden in den vergangenen Jahren mit hohen Investitionen erneuert und ausgebaut. So wie in Bansko, eine kleine alte Stadt am Fuß des Pirin-Gebirges. Hier flossen in den vergangenen drei Jahren über 30 Millionen Euro in die Modernisierung. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: 22 weitere Skilifte, die zu 17 Abfahrten führen, eine wettkampftaugliche Halfpipe, der neue Skiberg sowie der Fun-Park sollen internationales Publikum nach Bansko locken. An diesem Wochenende findet dort unterhalb des 2746 Meter hohen Gipfels des Todorka auch wieder der „FIS Ski World Cup der Männer“ statt. Was man für dieses Skiareal allerdings mitbringen sollte, sind Zeit, Geduld und etwas Abenteuerlust: sowohl bei der zwei- bis dreistündigen Anfahrt von Sofia als auch beim Anstehen an der Seilbahn. Seine präparierten 70 Pistenkilometer müssen den Vergleich mit westlichen Standards dennoch nicht scheuen – und das bei einem sehr guten Preis-Leistungs-Verhältnis.

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Kopanitsa heißt der bulgarische Tanz, den diese Folkloremusik-Gruppe in Trachten aufführt. Foto: Jutta Keller

Urig und gemütlich geht es abends in den Kneipen und Restaurants der Altstadt von Bansko zu. Das landestypische Drei-Gänge-Menü wird oft auf einer großen Gemeinschaftsplatte für alle serviert. Als Augenschmaus führt eine Folkloregruppe in Trachten den traditionellen bulgarischen Tanz Kopanitsa auf. Musikalisch begleitet von den für westliche Ohren gewöhnungsbedürftigen und manchmal schrillen Klängen der Kaba Gajda, einer Art Sackpfeife oder Dudelsack. Die Weisen dieses Volksinstruments, das auch bei Dorffesten und Hochzeiten geblasen wird, klingen ebenso rätselhaft wie der Wahlspruch im Stadtwappen von Sofia: „Wächst, altert aber nicht.“

 



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