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Jutta Siefken, geborene von Ditfurth, wird heute 105 Jahre alt / Große Feier auf Gut Dankersen

Mit dem Bananendampfer zur Farm im Urwald

Rinteln (wm). 105 Jahre, das ist gemessen an europäischen Maßstäben schon ein biblisches Alter, ein Geburtstag, zu dem sich sogar der Bundespräsident und Niedersachsens Ministerpräsent gemüßigt sehen, zumindest in einem persönlichen Schreiben zu gratulieren: Jutta Siefken, geborene von Ditfurth, will diesen Tag heute in Bad Eilsen begehen,im Altersruhesitz "Neithard von Stein". Im Kreise ihre Familie, am Stammsitz Gut Dankersen in Rinteln hat das Fest nämlich schon im großen Familienkreis stattgefunden. Mit ihr persönlich am Tisch, denn auch mit 105 Jahren ist die Seniorin noch überraschend fit.

veröffentlicht am 21.03.2007 um 00:00 Uhr

Die Ditfurth-Kinder: Jutta, Ilse, Elisabeth, Rili, ihre Mutter,

Nicht nur ihr Alter macht Jutta Siefken zu einer ungewöhnlichen Frau. Handschriftlich hat sie im Alter von 100 Jahren ihr Leben zu Papier gebracht, Tochter Anne-Marie Kölbach das Manuskript mit dem Computer neu geschrieben und daraus ein 40-seitiges Dokument gebunden, es ist auch der Rückblick auf ein Stück Zeitgeschichte. Vier Mädchen zählt die Familie bereits, als sie am 21. März 1902 auf Gut Dankersen zur Welt kommt - der Vater hatte eigentlich auf einen Stammhalter gehofft. Bei der Geburt, schreibt sie, braucht von Ditfurth, Landrat der Grafschaft Schaumburg, vor Schreck erst mal einen Schnaps. Sechs Geschwister zählt am Ende die Familie, darunter einen Jungen, Hans. Mit 13 Jahren zieht sie nach Potsdam ins Kaiser-Augusta-Stift, wo Töchter von Offizieren und Staatsbeamten preußisch korrekt erzogen werden - zur Uniform gehören eine schwarze Schürze und lange schwarze Strümpfe. "Wir wurden so hässlich wie möglich gemacht", spottet sie in ihren Erinnerungen. Und es darf an der Schule nur Englisch und Französisch gesprochen werden. Mit ihrer Schwester und deren Mann wandert sie 1924 nach Brasilien aus. Mit einem Bananendampfer geht es den Rio Grande hinab, wo die Familie versucht, im Urwald eine Farm auf- und Mais und Kürbisse anzubauen, später kommen Kühe dazu. Das Farmhaus ist das erste, in der Region, in der es ein Glasfenster gibt. Jutta von Ditfurth kämpft gegen die Hitze und den Durst, mit Sandflöhen, Schlangen und Ochsenfröschen. Nach zwei Jahren kehrt sie nach Gut Dankersen zurück und lässt sich in Kassel zur Säuglingsschwester ausbilden. Und das hat einen handfesten Hindergrund: Sie will mit Schwester und Schwager und mehreren anderen jungen Ehepaaren nach Afrika. Und dort, überlegt sie logisch, "gibt es wohl auch Babys - da ist es gut, wenn jemand etwas über Geburt und Säuglingspflege weiß". Die Familien treffen in Kenia in Mombasa ein und wollen eine Sisal-und Kaffeeplantage anlegen. Der Anfang ist schwierig - wie zu erwarten: 100 Arbeiter werden angeheuert, die Farm besteht zunächst aus Lehmhäusern mit Grasdächern. Einmal in der Woche geht der Ehemann ihrer Schwester in die Savanne - Frischfleisch schießen. Jutta von Ditfurth kümmert sich derweil vor allem um kranke oder verletzte Arbeiter auf der Plantage - Krankenpflege ist ja ihr Beruf. Dann bekommt sie Besuch von einem Kaufmann der Deutschen Schifffahrtsgesellschaft aus Hamburg, Louis-Theodor Siefken - die beiden heiraten in Mombasa auf dem Standesamt. Als Hochzeitsessen gibt es Ente. Jutta von Ditfurth, die jetzt Siefken heißt, arbeitet in einem Hospital als Säuglingsschwester, ihr Ehemann eröffnet in Mombasa ein Reisebüro. Sie wird schwanger, in Mombasa erblickt zuerst Jobst Siefken das Licht der Welt und wird auf dem deutschen Kreuzer Emden getauft, der Kommandant gratuliert persönlich. Zwei Töchter folgen. Der zweite Weltkrieg beendet abrupt das Leben in Afrika. Jutta Siefken schreibt in ihren Erinnerungen: "Noch am Abend des 2. September 1939 saßen Deutsche und Engländer zusammen, um gemeinsam Nachrichten im Radio zu hören. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, befand ich mich in Feindesland." Ihr Ehemann ist bereits im August nach Deutschland zurückgekehrt - wegen der Geschäfte, Jutta Siefken muss im Februar Kenia verlassen - und alle ihre Habe zurücklassen, noch als sie auf das Schiff wollen, werden sie regelrecht "gefilzt". Jutta Siefken kehrt auf Gut Dankersen zurück. Ehemann Theo fährt geschäftlich nach Shanghai. Beide ahnen nicht, dass es ein Abschied für zehn Jahre werden wird. Jahrelang hört sie nichts von ihm - Post aus China kommt nicht durch. Ihre beiden Töchter und ihren Sohn zieht sie alleine groß. Das Gut Dankersen füllt sich in den letzten Kriegsjahren mit Bombenflüchtlingen, dann kommen die Ostflüchtlinge, auch viele aus der weitläufigen Verwandschaft. Zuletzt leben über hundert Personen im Gut, in jedem Zimmer haust eine Familie, und jede erhält ein Stück Gartenland, um Gemüse anzubauen. 1947 hört Jutta Siefken, dass ihr Ehemann von Amerikanern aus einem chinesischen Lager geholt worden sei. 1950, zehn Jahre, nachdem sie getrennt worden sind, sieht sich das Ehepaar wieder. Ihr Mann blieb in Madrid an der Universität und arbeitete später als Unternehmensberater in Düsseldorf. Er stirbt 1964 überraschend an einem Herzinfarkt. Die meisten Stätten ihres abenteuerlichen Lebens hat die Seniorin später wieder besucht, so auch Kenia, wo ihre Tochter Anne-Marie Kölbach lange Jahre als Lehrerin unterrichtet hat. Noch an ihrem 100-sten Geburtstag flog sie allein nach Kanada, wo ihre Tochter Elisabeth Trevira lebt. Heute gratulieren dem Geburtstagskind acht Enkel und 14 Urenkel.

Jutta Siefken in Kenia mit den Affen, die das Haus bevölkerten.
  • Jutta Siefken in Kenia mit den Affen, die das Haus bevölkerten. Einer hieß "Fips", versteckte Teelöffel, klaute Abendbroteier und räumte die Hausapotheke aus. In ihren Erinnerungen berichtet sie auch von dem traurigen Ende des aufsässigen Tiers: "Eingeborene" haben ihn geschlachtet und aufgegessen: "Wir waren alle sehr traurig."
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