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Arbeitslos nach 30 Jahren – und was dann ? / Betroffener erzählt vom Strudel der Krise und den Folgen

Mit dem Aus kommt auch die Ungewissheit

Hameln (tk). Noch bis vor zwei Jahren lief in Bernhard Bäumlers Leben (Name von der Redaktion geändert) alles glatt: ein Haus, Ehefrau, fünf Kinder, zwei Autos, hin und wieder Urlaub mit der Familie, und einen Job hatte er auch. Dann kam die Kündigung. Siemens wurde von Nokia aufgekauft, 2000 Stellen waren überflüssig. In einer E-Mail kündigte das Unternehmen den Personalabbau an, wenige Tage später wurde Bäumler zu einem Gespräch mit dem Personalchef gebeten – und da traf ihn ein Schlag vor den Kopf: Aus nach 30 Jahren Betriebszugehörigkeit.

veröffentlicht am 25.10.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 19.03.2010 um 10:36 Uhr

Stellenanzeigen studieren – für Bernhard Bäumler eine Tage

„Das war ein harter Einschnitt für mich“, sagt der 55-Jährige heute. Die Nachricht musste erstmal sacken, so lange fühlte sie sich nach nichts an, außer nach Kopfschmerzen. Zum ersten Mal in seinem Leben musste er sich arbeitssuchend melden und sah einer ungewissen Zukunft entgegen. Siemens ließ seinen ehemaligen Inbetriebsetzungsleiter allerdings nicht ins Bodenlose fallen. Zwei Jahre, bis Ende 2009, bekam das Unternehmen in Hannover, um seine Besitzstandsregelung abzuwickeln. Und so lange wurde Bäumler in einer internen Transfergesellschaft untergebracht. „Das war bei aller Tragik ein fairer Zug“, sagt er dazu. 85 Prozent des Lohns, bezahlte Fortbildungen, Training und Seminare von Hamburg bis München, sollten ihm den Start in eine Neubeschäftigung oder gar eine Selbstständigkeit ermöglichen. Und eigentlich war er der Meinung, dass er im Handumdrehen einen neuen Job findet.

Kurse in Englisch besuchte Bäumler, machte sich fit in Excel und hätte am liebsten auch SAP gelernt – aber da hatte die Unterstützung Grenzen. „Sonst wäre ich heute vielleicht schon bei Lenze angestellt.“ Seine Bewerbung war dort auf positive Resonanz gestoßen, scheiterte aber an den fehlenden Kenntnissen der badischen Unternehmens-Software. Andere Bewerbungen kamen zurück, mit und ohne Begründungen, jedes Mal aber war es eine Absage. Am 31. Oktober läuft sein Vertrag mit der Transfergesellschaft aus, dann ist Bernhard Bäumler arbeitslos.

Täglich schaut der gelernte Techniker die Stellenangebote durch, surft nach Jobs im Internet und hört sich bei Bekannten um. Die Agentur für Arbeit bescheinigt ihm einen einwandfreien Lebenslauf: Ausbildung, 30 Jahre Berufserfahrung, leitende Position – dennoch will es mit einem neuen Job nicht klappen. Eine Angst beschleicht den fünffachen Vater, „es könnte an meinem Alter liegen“.

„Das Alter ist ein entscheidendes Kriterium“, meint auch Christina Rasokat von der Hamelner Arbeitsagentur. Das Zugangsrisiko, also die Wahrscheinlichkeit, seine Arbeit zu verlieren, sei bei Älteren zwar deutlich geringer, dafür sei das „Verbleibsrisiko“ in Arbeitslosigkeit für ältere Menschen höher. Ältere sind damit auch häufiger von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen. „Was uns Sorge bereitet, ist eine Verfestigung der Arbeitslosigkeit bei einer länger anhaltenden Krise. Eine Verfestigung bedeutet eine Zunahme der Langzeitarbeitslosigkeit, die nur mit sehr hohem Aufwand wieder zurückgeführt werden kann“, erklärt die Berufs-Expertin. Sie kann aber auch Hoffnung machen: „Der Arbeitsmarkt ist in einem ständigen Wandel, und Ältere sind recht gut vermittelbar.“ Durch den demografischen Wandel sei nur gerade eine Lücke entstanden, die sich in den nächsten Jahren wieder schließen und dann Älteren bessere Chancen einräumen werde.

Auf diese Chancen hofft auch der Familienvater. Seit zwei Jahren sitzt er nun schon zu Hause – für einen gestandenen Arbeiter eine merkwürdige Erfahrung. „Ich bin jetzt Hausmann. Daran musste ich mich erstmal gewöhnen.“ Ein neues Selbstwertgefühl, neue Aufgaben und eine neue Tagesstruktur musste er sich zulegen – teilweise eine echte Herausforderung. Und dann die Sorgen um die Finanzen: „Meine Frau arbeitet halbtags, das Haus ist Gott sei Dank abbezahlt. Sollte ich im nächsten Jahr aber keinen Job finden, dann wird es eng“, erzählt er. Fünf Kinder hat er mit seiner Frau Inge, zwei davon sind aus dem Gröbsten raus und stehen auf eigenen Füßen. Die anderen sind in Ausbildung oder gehen zur Schule und sind auf die finanzielle Unterstützung der Eltern angewiesen. Der drittälteste Sohn hat gerade angefangen zu studieren, jetzt muss er BAföG beantragen. Das zweite Auto haben die Bäumlers schon abgeschafft, und auch Tochter Katja wird sich keine eigene Wohnung leisten können. Ihre Ausbildungsstelle ist in Hannover, ihr Einkommen zu klein, um sich den Traum von den eigenen vier Wänden erfüllen zu können. Die Fahrkarte ist allemal billiger, „mehr, als dass sie bei uns wohnen kann, können wir ihr aber nicht bieten“, sagen die Eltern, obwohl sie nichts lieber täten, als ihre Kinder zu unterstützen.

Zum Beziehungskiller ist Bernhards Arbeitslosigkeit noch nicht geworden. In anderen Familien führt sie oft zu tiefen Zerwürfnissen, nicht wenige Ehen sind daran zerbrochen. „Mein soziales Umfeld und meine Familie haben mich aufgefangen“, erzählt Bernhard. Er hat eine grundsätzliche Veränderung in der Öffentlichkeit festgestellt: „Das Thema Arbeitslosigkeit war früher mit viel mehr Scham besetzt. Entweder, man hat es verschwiegen oder aber nur hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen. Jetzt ist das anders.“ Gerade, weil so viele Menschen heute arbeitslos seien, würden die Mitmenschen auch anders darüber sprechen. „Man betrachtet nicht nur den reinen Tatbestand, sondern fragt nach den Gründen“, meint Bernhard. Anteilnahme statt Stigmatisierung? „Ja“, sagt der Betroffene, „umso mehr, wenn die Arbeitslosigkeit nicht selbst verschuldet ist, sondern man in den Strudel der Krise gerät.“ Das wissen auch die Soziologen: Sobald Phänomene populär werden, erfahren sie eine Enttabuisierung – aus der dämonischen Flimmerkiste ist längst der unentbehrliche Guckkasten in die Welt geworden. Trotzdem werden die Gefahren des Internet nicht verschwiegen, wie auch die Aufweichung einer Schamkultur nicht ohne Risiken ist.

Bernhard Bäumler fühlt sich jedenfalls nicht als Verlierer in der Arbeitswelt. „Solche Dinge passieren halt.“ Eine persönliche Niederlage oder Schuld kann er nicht erkennen, seine Ängste nehmen aber zu, halten ihn in der Nacht manchmal wach. „So kann es nicht weitergehen, ich will wieder arbeiten, meine Familie ernähren und tätig sein – wer sein Leben lang gearbeitet hat, kann seine Natur nicht schlagartig ändern“.

Ob er allerdings zu jedem Preis weiterarbeiten würde, weiß er nicht: „Wenn ich bedenke, dass ich mein Leben lang voll gearbeitet habe und nun in Zeitarbeit gehen soll, bekomme ich Beklemmungen.“ Für wenig Geld herumgeschubst zu werden, entspreche weder seinem Selbstverständnis noch seiner Qualifikation. Ganz zu schweigen vom Lebensstandard, den er trotz Opferbereitschaft bei zwölf Euro die Stunde nicht aufrechterhalten könne.

„Mir wird aber auf Dauer wahrscheinlich nichts anderes übrig bleiben“, stellt Bäumler resigniert fest. Denn irgendwann macht das Amt Druck. „Solange ich in der Transfergesellschaft war, hat sich das Arbeitsamt zurückgehalten“ – lediglich zwei Angebote wurden ihm in den zwei Jahren zugesandt. „Aber das Amt hat ja auch an mir gespart, da ich durch Siemens abgedeckt war.“ Die Regelung findet Bäumler „okay“ – er will keinem auf der Tasche liegen. Von seinem Berater hat er jetzt zwei neue Angebote bekommen, heute kommen die Bewerbungen in den Briefkasten. Ans Aufgeben denkt Bäumler nicht: „Es geht nur weiter, wenn man sich bemüht“, sagt er und schluckt.

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