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Vor Gericht: Freispruch für zwei Neonazis – Widersprüche in der Aussage des Opfers nach Überfall auf der Petzer Straße

„Mir war klar, dass mein Tod in Kauf genommen wird“

Bückeburg (mig). Überraschendes Ende eines Prozesses wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Amtsgericht Bückeburg. Die beiden Angeklagten Marcus W. und Dan B., die der Neonaziszene zugerechnet werden, waren beschuldigt worden, einen 27-Jährigen aus Kleinenbremen schwer zusammengeschlagen zu haben, der der linken Szene zugerechnet wird. Statt einer Verurteilung stand am Ende ein Freispruch aus Mangel an Beweisen. Richter Dirk von Behren folgte damit dem Antrag der Staatsanwaltschaft vertreten durch Nils-Holger Dreißig.

veröffentlicht am 18.02.2012 um 14:07 Uhr
aktualisiert am 27.11.2012 um 11:33 Uhr

Es war der 28. August 2010, als die Nachtruhe an der Petzer Straße jäh gestört wurde. Mitten in Bückeburg wurde ein junger Mann von einem rechten Mob gejagt, eingeholt und schließlich verprügelt. Ziel des Angriffs: Ein Pädagoge aus Kleinenbremen, der zuvor als Aktivist der Schaumburger Antifa identifiziert worden war. ,,Das ist der 100-prozentig. Der ist Antifa“, soll einer der Haupttäter gerufen haben. Und: „So wird das nichts. Macht das doch mal richtig.“

Was darunter zu verstehen ist, wird deutlich, wenn man sich die lange Liste an Verletzungen ansieht, die das Opfer in dieser Nacht davontrug. Dazu zählen unter anderem eine Schädelprellung, eine Risswunde im Gesicht, Prellungen an den Armen und ein Hämatom am Auge: „Mir war schnell klar, dass mein Tod in Kauf genommen wird“, berichtete der 27-Jährige im Zeugenstand. „Die Teleskopstöcke waren für mich ein klares Signal, dass ich hier nicht nur verprügelt werden soll.“

Instinktiv verhielt sich der angegriffene Mann aber völlig richtig. Er versuchte, Fahrzeuge anzuhalten „und ein Publikum herzustellen“. Dank des beherzten Einsatzes einer Frau und der eintreffenden Polizei flüchtete der Großteil der Angreifer schließlich in die Dunkelheit.

Bohrend befragt vor allem von Rechtsanwalt Stefan Böhmer (der Erlanger verteidigte 2005 den Antisemiten und Holocaustleugner Gerhard Ittner) wurde dann schnell deutlich, dass sich das Opfer nicht in allen Details an die Tatnacht erinnert. Hatte er nach der Tat vor Ort angegeben, einen der Angeklagten erkannt zu haben, war er sich vor Gericht nur noch zu 90 Prozent sicher.

Den anderen Angeklagten wollte er – ebenfalls im Widerspruch zu seinen ersten Aussagen – jetzt zu 100 Prozent sicher identifiziert haben. Auch die Frage, wer den ersten Schlag führte und wer erst später hinzu kam, war an diesem Tag nicht mehr vollständig aufzuklären.

Richter von Behren zeigte in seiner einfühlsamen Befragung viel Verständnis für das Opfer. Ihm sei völlig klar, dass die polizeilichen Vernehmungen schon fast zwei Jahre zurücklägen, betonte er. Dass es da zu Abweichungen komme, „ist mir klar“. Er dürfe das auch nicht als persönlichen Vorwurf betrachten. „Nichtsdestotrotz“, so der Richter weiter, „ist da ein Widerspruch.“

Widersprüche, zu denen wohl auch das unglückliche Verhältnis von Opfer und Polizei beigetragen hat. Die Ermittler hätten gegen eindeutige Absprachen verstoßen, teilte der Kleinenbremer dem Schöffengericht mit. „Anstatt wie zugesichert meine Daten zu schützen, hat man sie in einer Pressemeldung herausgegeben“, machte er deutlich. Danach war er zu keiner Kooperation mehr bereit. Er verweigerte sogar eine Untersuchung seiner Jacke auf mögliche Spurenträger.

Das Vertrauensverhältnis sei zerstört gewesen, sagte der 27-Jährige. Wozu auch Fehler in der Spurenermittlung beigetragen hätten. „Obwohl ich noch vor Ort darauf hingewiesen habe, sind Gegenstände erst nach 24 Stunden gesichert worden.“ Tatsächlich gab ein späterer Zeuge an, er habe am nächsten Tag den Regenschirm des Opfers gefunden. Den Schirm hatte das Opfer eingesetzt, um sich gegen die Schläger zu verteidigen.

Während das Opfer von den Rechtsanwälten fast zweieinhalb Stunden in die Mangel genommen wurde, war den beiden Angeklagten sichtlich langweilig. Sowohl Marcus W. aus Minden als auch Dan B. aus Stadthagen, beide bekannte Neonazis, zeigten sich siegesbewusst und feixten immer wieder ins Publikum. Etwa eine Handvoll, die der rechten Szene zuzuordnen sind, und rund 25 aus der linken Szene saßen im Saal. Markus W. konnte eine Zeugin vorweisen, die ihn kurz vor dem Vorfall angerufen haben will und die erklärte, dass man sich am Abend habe treffen wollen. Mehrfach verwies sein Rechtsbeistand zudem auf den Umstand, dass das Mobiltelefon seines Mandanten (er besitzt zwei) die ganze Zeit an einem Funkmast in der Nähe seiner Wohnung eingeloggt gewesen sei.

Ebenfalls in Zweifel zogen die Verteidiger, dass das Opfer ihre Mandaten identifiziert habe. Da die Täter vollständig vermummt gewesen seien, seien Gesichter gar nicht zu erkennen gewesen. Einer der Anwälte bezweifelte zudem, dass sich das Geschehen so abgespielt hat, wie von dem Opfer geschildert.

Staatsanwalt Nils-Holger Dreißig blieb schließlich nichts anderes übrig, als in seinem Plädoyer einen Freispruch zu fordern. Es sei zwar Tatsache, dass W. überfallen worden sei, man könne aber nicht beweisen, dass das Duo die Tat begangen hätte. „Wir können uns nur auf die Erinnerung des Opfers verlassen, und da liegt der Knackpunkt“, begründete Dreißig seine Entscheidung, der sich die beiden Verteidiger umgehend anschlossen.

Richter Dirk von Behren folgte dem Antrag und verkündete – nach kurzer Beratung – das die Angeklagte freigesprochen werden müssten. Die Tatsache, dass das Opfer den Angeklagten Marcus W. nur zu 90 Prozent identifizieren konnte, habe das Ergebnis schon vorweggenommen. „Wir müssen vollauf von der Schuld überzeugt sein“, so der Richter. Ein weiterer Punkt sei, dass das Opfer immer gesagt habe, dass er den zweiten Angeklagten nur von Bildern kenne. „Heute hat er zu unserer Überraschung gesagt, dass er ihn doch persönlich kennt“, so von Behren. Kurzum: Bei beiden gelte, dass man eine 100-prozentige Sicherheit braucht, um jemanden zu verurteilen.

Abschließend und mit Blick auf eine Anzeige, die das Opfer der Falschverdächtigung bezichtigt, versicherte von Behren, dass er nicht davon ausgeht, dass das Opfer bewusst die Unwahrheit gesagt habe. „Das Opfer einer Straftat soll nicht zum Täter gemacht werden“, betonte er. Im Publikum wurde das Urteil mit großem Erstaunen aufgenommen. „Das gibt es doch gar nicht“, war von den zahlreich erschienenen Mitgliedern der linken Szene zu hören. Und: „Das gibt den Rechten wieder Auftrieb.“



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