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Bei Hartz IV steigen nicht nur die Kosten: Zahl der Leistungsempfänger über der 10 000-Grenze / Tafeln vermelden Zulauf

Mindestens jeder zehnte Schaumburger lebt in sozialer Not

Landkreis (wer/crs). Wer ist arm? Offizielle Definitionen gehen von einem Pro-Kopf-Einkommen aus, das weniger als 50 oder 60 Prozent des Durchschnitts beträgt. In Deutschland liegt die so genannte "Armutsrisikogrenze" damit laut Armutsbericht 2005 bei 938 Euro.

veröffentlicht am 27.10.2006 um 00:00 Uhr

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Doch Einkommenszahlen sagen nicht alles: Die neue Unterschichten-Debatte hat den Begriff des "Prekariats" publik gemacht, eine Zielgruppe, die auch die unsteten Erwerbsbiographien mit Mini-Jobs, Teilzeit- und Niedriglohn-Beschäftigungen umfasst. Menschen, die oft von sozialen Abstiegsängsten, aber nicht immer von sozialer Not geplagt werden. Armut in Schaumburg auf die Spur zu kommen, bedeutet zunächst, die Arbeitslosen in den Blick zu nehmen: Im Landkreis leben derzeit 14 316 Menschen von Hartz IV-Leistungen. Dazu kommen 2004 Sozialhilfe-Bezieher (inklusive Asylbewerber). Das bedeutet: Schon nach dieser Rechnung leben zehn Prozent aller Schaumburger unterhalb der Armutsschwelle. Der Landkreis registrierte im September 10 041 (erwerbsfähige) Bezieher von Arbeitslosengeld II und 4275 (nicht-erwerbsfähige) Sozialgeld-Empfänger. Die letzte Gruppe rekrutiert sich vor allem aus Kindern. Armut ist jung: In Schaumburg wachsen über 4000 Kinder (bis zum 15. Lebensjahr) in mittellosen Familien auf. In jeder dritten Schaumburger "Bedarfsgemeinschaft" (bestehend aus einem oder mehreren Hartz-IV-Empfängern) leben Kinder. Von den 2438 Gemeinschaften mit Kindern leben in 753 Fällen zwei, in 267 Fällen drei und in 108 Fällen vier und mehr Kinder. Familien mit überdurchschnittlich vielen Nachkommen rutschen schneller unter die Armutsgrenze ab als kinderlose Paare, vor allem alleinerziehende Eltern mit zwei oder mehreren Kindern gehören längst zur klassischen Armuts-Klientel. Aber auch im Alter ist Armut kein unbekanntes Thema. Mehr als 1000über 65-Jährige im Landkreis beziehen die so genannte "Grundsicherung im Alter", die mit einem Eckregelsatz von 345 Euro in ihrer Höhe den Hartz IV-Leistungen entspricht. Die Zahlen steigen kontinuierlich: Anfang 2005 registrierte der Landkreis 930 Empfänger in 787 Bedarfsgemeinschaften, heute sind es 1133 Menschen in 970 Gemeinschaften - überwiegend alte Menschen, der Anteil der in der gleichen Gruppe miterfassten Erwerbsunfähigen ist verschwindend gering. Darüber hinaus beziehen 204 Schaumburger die "Hilfe zum Lebensunterhalt." Die Zahl der Hartz-Empfänger wie der Bedarfsgemeinschaften ist in Schaumburg seit Einführung der neuen Leistungen im Januar 2005 kontinuierlich gestiegen, erst in diesem Sommer pendelte sich die Kurve auf hohem Niveau ein, seitdem ist ein leichter Rückgang zu verzeichnen. Gestartet ist der Landkreis im Januar 2005 mit5763 Bedarfsgemeinschaften - im September 2006 waren es nach vorläufigen Zahlen 7170 Bedarfsgemeinschaften, wobei dieser Wert erfahrungsgemäß noch um etwa 200 Fälle nach oben korrigiert werden muss. Entsprechend ist die Zahl der Leistungsempfänger gestiegen (siehe Grafik). Ein Wachstum der Armut spiegelt die Kurve indes nur sehr bedingt wider. Eher haben die Hartz-Gesetze vorhandene Armut transparent gemacht, indem potenzielle Sozialhilfe-Klientel zu realen Leistungsbeziehern wurde. Auch haben die Hartz-Regeln die Selbstbedienungschancen im Sozialsystem ausgeweitet. 18-Jährige können plötzlich selbst von der Stütze leben, wenn sie im Elternhaus zur "Untermiete" wohnten. Eine legale Form des Missbrauchs, die zur "Zellteilung" der Bedarfsgemeinschaften führte, seit April aber durch restriktivere Vergabe-Regeln eingedämmt scheint. Gleichwohl lässt sich - mit einigen Abstrichen - behaupten, dass die 14 316 Hartz-IV-Empfänger in Schaumburg in Armut leben. Ein alleinstehender Hartz-IV-Bezieher muss mit 345 Euro im Monat über die Runden kommen. Zusätzlich zahlt der Landkreis Miet- und Heizkosten sowie Sonderleistungen. Im Durchschnitt erhält eine Schaumburger Bedarfsgemeinschaft 812 Euro im Monat. Ein limitiertes Sparvermögen wird Hartz-IV-Beziehern gestattet: Wer es schafft, die legale Grenze auszuschöpfen, kann der Armutsfalle vielleicht entkommen. Aber wohl nur eine Minderheit ist dazu in der Lage. Ebenso gehen Experten von einer Minderheit aus, die Missbrauch betreibt - die Schätzungen bewegen sich im unteren einstelligen Prozentbereich. Ein anderes Indiz für wachsende Armut auch in Schaumburg: der Zulauf der "Tafeln". "Seit die Hartz IV-Gesetze in Kraft sind, haben wir deutlich mehr Kunden", sagt Ursula Krüger, Geschäftsführerin des DRK-Kreisverbandes, der vor sechs Jahren die Tafeln in Rinteln und Stadthagen ins Leben gerufen hat. Der große Bedarf lässt die Tafel-Arbeit wachsen: Zu Jahresbeginn ist die Ausgabestelle in Bad Nenndorf eröffnet worden, und spätestens zu Beginn kommenden Jahres wird die Tafel in Obernkirchen ihre Pforten öffnen.

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