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Der Todesmarsch vom „Arbeitserziehungslager“ Lahde nach Ahlem im April 1945 / Martyrium endet auf dem Friedhof

Menschliche Tragödien entlang der Straße

Im Mai 1943 wurde das „Arbeitserziehungslager“ Liebenau (Kreis Nienburg) aufgelöst und nach Lahde verlegt. Hier war der Bau eines Großkraftwerks, das kriegswichtigen Strom liefern sollte, geplant. Durch einen Vertrag der Gestapo Hannover mit der Preußen Elektra wurden die Insassen des AEL Lahde für den geplanten Bau des Elektrizitätswerks Lahde als Arbeitskräfte zur Verfügung gestellt. Außerdem mussten sie bei der Anlage eines großen Bahndamms, vom Bahnhof Lahde zum Kraftwerk an der Weser, Hilfsarbeiten leisten.

veröffentlicht am 10.04.2009 um 23:00 Uhr

Das Lager Lahde an der heutigen B 482, im Jahr 1944 verbotenerwe

Autor:

Klaus Maiwaldund Ingmar Everding

Auf einer Fläche von 25 000 Quadratmetern gegenüber der Kraftwerksbaustelle wurden etwa 600 bis 800 Häftlinge aus elf verschiedenen Ländern in vier Holzbaracken mit je zehn Räumen untergebracht. Das bedeutete, dass 20 Inhaftierte auf 25 Quadratmetern zusammengepfercht waren. Pro Baracke standen für etwa 200 Mann zehn Wasserhähne zur Verfügung. 20 Stück Seife und 20 Pakete Waschpulver wurden nur einmal pro Woche verteilt. Handtücher, Zahnbürsten und Toilettenpapier gab es nicht. An Kleidung mangelte es ebenfalls. Besonders im Winter fehlten Strümpfe und Holzschuhe. Wer sich nachts Zementtüten zum Schlafen unterlegte, wurde bestraft.

Die Inschrift über dem Eingangstor des Lagers verhieß schon nichts Gutes: „Hier wird jeder Wille gebrochen.“ In den 22 Monaten des Bestehens des Lagers sind von den etwa 8000 Häftlingen, die insgesamt hier inhaftiert waren, 637 Menschen in diesem KZ-ähnlichen Lager an Unterernährung, durch Misshandlungen und Erschießen durch die Wachmannschaften ums Leben gekommen.

Bereits aus nichtigen Gründen konnten Häftlinge erschossen werden. Dazu genügte es, eine angefaulte Rübe aus einer Miete zu stehlen oder die Abfälle einer Mülltonne zu durchsuchen. Geständnisse wurden meistens aus den Gefangenen herausgeprügelt. Den Krankgemeldeten erging es ebenfalls schlecht. Nicht selten wurden kranke Lagerinsassen einfach totgeprügelt. Daher wollen sich viele erkrankte Häftlinge freiwillig nicht krankmelden, da sie die Schläge der Wachmannschaften fürchteten, die ihnen unterstellten, sich vor der Arbeit zu drücken.

Der Gedenkstein am Ort des ehemaligen Lagers Lahde.
  • Der Gedenkstein am Ort des ehemaligen Lagers Lahde.

Im berüchtigten Arrestbunker mussten sich die Häftlinge Sonderstrafen unterziehen. Dort wurden auch, oft wegen Kleinigkeiten, Exekutionen durchgeführt. Andere Strafen waren Essensentzug oder die Verlegung ins Außenkommando des AEL Lahde, dem Steinbruch Steinbergen.

Die Totenliste des Lagers enthält zynische Angaben und ist nachwirkend bösartig. Die Todesursachen, die dem Lagerarzt oder dem Standesbeamten von Lahde, zumeist diktiert wurde, lauten wie folgt: „an Lungenentzündung gestorben“, „an Herzschwäche gestorben“, „auf der Flucht erschossen“ und ähnliche Lügen.

Nach Auflösung des Lagers in den ersten Apriltagen 1945 wurden die noch marschfähigen Häftlinge in drei Kolonnen in dreitägigem „Todesmarsch“ nach Hannover-Ahlem getrieben. Der Lagerkommandant Karl Winkler wurde zwar von einem britischen Militärgericht zum Tode durch Erhängen verurteilt, jedoch später begnadigt! Für weitere Angehörige der Wachmannschaften und den Stellvertreter Winklers gab es Freisprüche oder nur kürzere Haftstrafen.

Im Frühjahr 1945 wurde die Lage in Norddeutschland durch den Vormarsch der amerikanischen Truppen immer chaotischer und dramatischer. Die Nazis versuchten, ihre mörderischen Spuren jetzt auch dadurch zu verwischen, dass sie ihre Straflager auflösten und die erschöpften Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter auf sogenannte „Todesmärsche“ schickten. Unter diesen unzähligen militärischen und zivilen Kolonnen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges Richtung Hannover marschierten, befanden sich auch Häftlinge aus dem „Arbeitserziehungslager“ Lahde. Die Steinberger Häftlinge wurden in den letzten Märztagen 1945 zunächst nach Lahde gebracht. Von dort erfolgte die Evakuierung des gesamten Lagers nach Hannover. In einem dreitägigen Marsch entlang der Bundesstraße 65 trafen die entkräfteten Häftlinge in Hannover-Ahlem ein. Auf dem Marsch spielten sich noch viele menschliche Tragödien ab, die von Misshandlungen bis zu Erschießungen reichten.

Die erste Station in Hannover war in Hannover-Ahlem das Polizei-Ersatzgefängnis der Gestapo. Am 4. April 1945 trafen die Häftlinge aus Lahde in Ahlem ein. Dort übergab der Lagerführer Karl Winkler die Gefangenen dem Chef der Gestapoleitstelle Hannover, SS-Obersturmbannführer Johannes Rentsch.

Für 154 Häftlinge aus Lahde und aus dem Polizeiersatzgefängnis Ahlem endete ihr Martyrium auf dem Seelhorster Friedhof. Zunächst durch Hannover getrieben, mussten sie auf dem Seelhorster Friedhof ihr eigenes Massengrab schaufeln, bevor sie von einem Erschießungskommando der Geheimen Staatspolizei am 6. April 1945 erschossen wurden.

Allgemein bekannt wurden die Erschießungen auf dem Seelhorster Friedhof, als nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen ein Plakat der Militärregierung die Bevölkerung von Hannover aufforderte, sich am 2. Mai 1945 auf dem Seelhorster Friedhof einzufinden, um an der Exhumierung von sowjetischen Kriegsgefangenen teilzunehmen, die von der SS ermordet worden waren. Gefunden wurden insgesamt 526 Leichen in mehreren Massengräbern. 140 Tote erhielten Gräber auf dem Seelhorster Friedhof, 386 auf einem Ehrenfriedhof am Maschseenordufer. Unter diesen Toten befanden sich alle sowjetischen Staatsbürger (170 an der Zahl), zudem setzten sich die Toten aus folgenden Nationalitäten zusammen: Belgier (1); Franzosen (20); Griechen (2); Holländer (4); Italiener (1); Jugoslawen (1); Letten (25); Polen (12).

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