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Stadtdirektor Wilhelm Mevert geht in den Ruhestand - was keiner mehr bedauert als der Landrat

"Mensch, Wilhelm, nicht doch etwas zu früh?"

Obernkirchen. Manche Freundschaft beginnt mit einer Kleinigkeit. Etwa einem Zahn. Einem entzündeten Zahn. Der plagte einst auf dem Gelldorfer Schützenfest zu Pfingsten die Ehefrau von Wilhelm Mevert, gemeinsam mit dem Ehepaar Schöttelndreier wurde dort der Zahnschmerz betäubt: Korn für Korn. Danach haben die beiden Ehepaare fast jeden Sonnabend gemeinsam gefeiert.

veröffentlicht am 03.04.2007 um 00:00 Uhr

Emotionaler Abschied vom Weggefährten: Landrat Heinz-Gerhard Sch

Autor:

Frank Westermann

Und so war es keineÜberraschung, dass Landrat Heinz-Gerhard Schöttelndreier gestern seinen Urlaub an der Ostsee unterbrochen hatte, um seinen "ältesten Freund" (Schöttelndreier) offiziell in den Ruhestand zu verabschieden. Einen Ruhestand übrigens, den Obernkirchens Stadtdirektor Wilhelm Mevert noch nicht angetreten hätte, wenn es nach dem Landrat gegangen wäre. Schöttelndreier konnte gestern nicht nur die eine oder andere Anekdote aus den wilden Jugendjahren des Verwaltungschefs zum Besten geben, sondern auch von einem Menschen berichten, den er schon 1968 kennen lernte. Damals schlug Mevert den gleichen Weg wie sein Vater ein - nämlich die Laufbahn in derKreisverwaltung, Schöttelndreier selbst war gerade mal zwei Jahre dort. Mevert bastelte mit einer heute noch atemberaubenden Geschwindigkeit an seiner Verwaltungskarriere. Kreisinspektor, Kreisoberinspektor, 1978 die Beförderung zum Kreisamtmann und zum stellvertretenden Leiter des Sozialamtes. Es folgten der Wechsel zum Sozialamt der Stadt Stadthagen und der Aufstieg zum Amtsleiter, der das städtische Sozialamt mit dem damaligen Stadtdirektor "auf Vordermann brachte", wie es Schöttelndreier formulierte, der sich in diesem Punkt ein Urteil erlauben kann. 1982, mit noch nicht ganz 36 Jahren, wurde er zum Stadtdirektor in der Bergstadt gewählt. Schöttelndreier zählte die hervorstechendsten Eigenschaften Meverts auf: Diszipliniertheit, Angemessenheit, Pragmatismus, Zielorientierung und Fairness, wobei letzteres nicht immer erwidert worden sei. Mevert habe in seiner Amtszeit einige starke Persönlichkeiten zu beraten und zu ertragen gehabt -"nicht immer eine leichte Aufgabe". Schöttelndreier ließ die rund hundert Gäste im Stiftssaal für einige Momente auch in eine Seele blicken, die weit entfernt war von der sonst gern von Mevert an den Tag gelegten Coolness. Mevert habe sich in seinem Verständnis als Sportler zum Beruf stets alsoffener und ehrlicher Sachverwalter, der nie Personen angreife, verstanden. Es entbehre nicht einer gewissen Ironie, dass einige gemeint hätten, sie könnten umso persönlicher mit dem Stadtdirektor umspringen. Namen nannte der Landrat nicht, aber Ehrenratsherr Volker Engelking wies später mit einem vermeintlichen Versprecher auf all diejenigen Politiker hin, die Mevert ab und an "abgebögelt" hätten. Mevert, so Schöttelndreier weiter, habe diesen Ärger, der ihn schon innerlich berührt habe, immer mit sich selbst ausgemacht: "Wilhelm ging immer ganz allein in den emotionalen Keller." Wer ihm helfen wollte, musste das Problem geradezu aus ihm herauspressen. Eine gewisse Ironie stecke auch darin, dass Mevert stets ein Rechner gewesen sei (Schöttelndreier: "Tennisergebnisse, Fahrstrecken, Bundesligatabelle - Zahlen sind für ihn lebendig") und gerade in seiner Amtszeit der Haushalt in die Konsolidierung gehen musste und Mevert dann als Verwaltungschef das Loch im Haushalt nicht einfach zurechnen konnte. "Meister der roten Zahlen", spottete Schöttelndreier milde. Natürlich habe Mevert auch große Erfolge erzielt: die Bornemann-Umsiedlung, die Stadtentwicklung und -sanierung, die Entwicklung der Ortsteile und die Hinwendung der Stadt zum Musterbeispiel für eine Bürgerkommune, in der Ehrenamtliche die Aufgaben übernehmen würden, die die Stadt nicht mehr vorhalten könne: "Und jetzt verlässt er das Rathaus. Mensch, Wilhelm, nicht doch etwas zu früh?", fragte Schöttelndreier mit Wehmut in der Stimme, ehe er sich für lebenslanges Engagement für den Landkreis, Stadthagen und Obernkirchen bedankte. Zuvor hatte Heiger Scholz als Hauptgeschäftsführer des Niedersächsischen Landtages Meverts Verdienste sowie seine Sachlichkeit und seinen Sachverstand gelobt. Heiter ging es weiter. Ehrenratsherr Volker Engelking hatte nach eigenen Angaben im Rathaus eine handschriftliche Chronik gefunden, aus der hervorging, wie Wilhelm Mevert einst in La Flèche die Partnerschaft rettete und zum "Chevalier du vin" erhoben wurde, Historiker Rolf-Bernd de Groot erzählte anhand von der Jugend bis in das beste Mannesalter reichender Bilder das Märchen vom kleinen Jungen, der auszog, die große Stadt zu regieren. Wie de Groot die vielen offiziellen Fotos umgedichtet hatte und so den unaufhaltsamen Aufstieg eines Menschen zum Stadtdirektor und "Paten vom Weidkamp" beschrieb, das war, ebenso wie bei Engelking, ganz großes Kino.

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