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450 Jahre Reformation: Das Manövrieren des Schaumburger Grafen Otto im Vorfeld der Reformation

Mehr Taktik als Glaubensprinzip

Als offizielles Schaumburger Reformationsdatum gilt der 5. Mai 1559. An diesem Tage ordnete die gräfliche Regierung des amtierenden Landesherrn Otto IV. die Einführung einer neuen, nämlich einer evangelischen Kirchenordnung im Lande an. Mangels einer eigenen Satzung kam das mecklenburgische Regelwerk zur Anwendung.

veröffentlicht am 31.07.2009 um 23:00 Uhr

Die Reform richtete sich nicht zuletzt gegen die in der päpstlic

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Die Umstellung war der endgültige Durchbruch der protestantischen Lehre nach jahrzehntelangem Hin und Her. Dank der neuen Buchdrucktechnik hatte man auch im Schaumburger Land schon früh von dem seit 1517 europaweit tobenden Glaubensstreit erfahren. Zumindest die etwas gebildeteren Leute verfolgten gespannt die immer heftiger und gewaltsamer ausgetragenen Auseinandersetzungen, die ein gewisser Martin Luther durch die Forderung nach einer grundlegenden Erneuerung der päpstlichen Amtskirche ausgelöst hatte. Seine seit dem Reichstag am 25. Juni 1530 „Confessio Augustana“ (“Augsburger Konfession“) genannte Bekenntnislehre bekam immer mehr Zulauf. Vor allem das aufgeklärte städtische Bürgertum in den nördlichen Reichsterritorien schwenkte zügig zum Protestantismus über. Die schlimmen Zustände in der päpstlichen Amtskirche mit Ablasshandel, Vetternwirtschaft und „Zügellosigkeit“ in den Klöstern war kritischen Geistern schon lange übel aufgestoßen.

Gut zehn Jahre nach dem Thesenanschlag Luthers hatte das neue Bekenntnis auch die heimische Gegend erreicht. Offiziell praktiziert werden durfte die neue Lehre jedoch nur in Schaumburgs Nachbargebieten. So wurde in Minden (immerhin Sitz eines katholischen Bischofs) bereits seit 1930, im nordöstlich angrenzenden Calenberger Land seit 1534, und in der Grafschaft Lippe seit 1538 evangelisch gepredigt. Die ersten Rufe nach Erneuerung hierzulande soll es in den 1540-er Jahren gegeben haben.

Die erste offizielle Bestätigung und Ankündigung eines bevorstehenden Konfessionswechsels ist in einem Ehevertrag festgehalten. Er wurde im April 1558 anlässlich der Hochzeit des damals 42-jährigen Landesherrn Otto mit der Prinzessin Elisabeth Ursula aus dem Hause Braunschweig-Lüneburg unterzeichnet. „Graff Otto wird und soll einen Predicanten („Vorprediger“) halten“, der Gottes Wort gemäß der „Augspurgischen Confession predige“, ist darin zu lesen. Ohne diese Klausel, die eine eindeutige Zusage zur Einführung der Luther-Lehre in der Grafschaft Schaumburg beinhaltete, hätte die Familie der Auserwählten der Verbindung mit dem bis dato als überzeugter Katholik geltenden Bräutigam nicht zugestimmt. Die Braunschweig-Lüneburger hatten sich schon lange zuvor - und ohne Wenn und Aber - zum Luthertum bekannt.

Der Mönch Martin Luther aus Wittenberg hatte durch den Anschlag
  • Der Mönch Martin Luther aus Wittenberg hatte durch den Anschlag von 95 Thesen (Glaubenssätzen) an die Tür der Schlosskirche seiner Heimatstadt am 31. Oktober 1517 die Reformationsbewegung ausgelöst.
Die Reform richtete sich nicht zuletzt gegen die in der päpstlic
  • Die Reform richtete sich nicht zuletzt gegen die in der päpstlichen Amtskirche immer mehr um sich greifenden Missstände – hier eine zeitgenössische Darstellung vom Ablassunwesen.
Graf Otto IV. von Holstein-Schaumburg
  • Graf Otto IV. von Holstein-Schaumburg
Ottos Ehefrau, Gräfin Elisabeth Ursula
  • Ottos Ehefrau, Gräfin Elisabeth Ursula
Der Mönch Martin Luther aus Wittenberg hatte durch den Anschlag
Die Reform richtete sich nicht zuletzt gegen die in der päpstlic
Graf Otto IV. von Holstein-Schaumburg
Ottos Ehefrau, Gräfin Elisabeth Ursula

Die Zusage Ottos ist später gern und oft als Liebesbeweis gegenüber seiner damals gerade mal 19-jährigen Auserwählten interpretiert worden. Der Wunsch, die junge, als schön und sanftmütig beschriebene Prinzessin zu ehelichen, habe ihn dazu gebracht, seine Vorbehalte gegenüber der protestantischen Sache überwinden helfen, heißt es in etlichen heimatkundlichen Darstellungen.

Doch das dürfte nur ein Teil der Wahrheit sein. Otto habe die Ehe und seine Unterschrift unter die „Eheberedung“ auch und vor allem aus machtpolitischen Beweggründen inszeniert, glaubt die Historikerin und anerkannte Otto-Biographin Gudrun Husmeier herausgefunden zu haben (s. Quellenhinweis). Die Reformationsbewegung sei wegen des Drucks der mächtigen (evangelischen) Nachbarstaaten ohnehin nicht mehr länger aufzuhalten gewesen. Darüber hatte Otto laut Husmeier auch innenpolitische Ziele im Visier. So habe er sich ausgerechnet, auf der Grundlage des neuen, liberaleren Kirchenrechts schneller auf das nicht unbedeutende Vermögen der Klöster zugreifen und die bisher stark vom Klerus profitierenden heimischen Adelsfamilien in seinem Land entmachten zu können.

Einig ist man sich im Lager der Geschichtsforscher, dass Otto ein durch und durch pragmatischer Typ und kein „Glaubenskrieger“ oder gar „Protestantenhasser“ war. Wenn es nach ihm gegangen wäre, wäre die Reformation hierzulande vermutlich schon viel früher über die Bühne gegangen. Die lange Vorlaufzeit habe mit der streng katholischen Ausrichtung der Familie zu tun. So habe Otto insbesondere Rücksicht auf seine Brüder Adolf und Anton nehmen müssen. Beide hatten große Karrieren innerhalb der „Altkirche“ gestartet und es – nacheinander – bis auf den Stuhl des Erzbischofs von Köln gebracht. Sie gehörten damit zu den mächtigsten Männern und unerbittlichsten Luther-Gegnern jener Zeit. Ein Religionswechsel in ihrem Stammland zu ihren Lebzeiten wäre schlechterdings undenkbar gewesen. Erst im Jahre 1558 wurde der Weg frei. Nach dem bereits zuvor verstorbenen Adolf war kurz vor der Unterzeichnung von Ottos Ehevertrag auch der Bruder und Erzbischof Anton zu Grabe getragen worden.



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