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Müller, Meyer, Vogt: Geschichte und Bedeutung der heimischen Familiennamen – Teil I

Mehr als Schall und Rauch

Name ist Schall und Rauch“ lautet eines der bekanntesten Goethe-Zitate. An die Vergänglichkeit der menschlichen Vor- und Zunamen hat der Dichterfürst dabei nicht gedacht. Zu seiner Zeit (1749-1832) wusste man über deren Herkunft und Bedeutung noch gut Bescheid. Heute gilt Onomastik (Namenforschung) vor allem als Betätigungsfeld studierter Sprachwissenschaftler. Die Folge: Regionale Eigentümlichkeiten in puncto (plattdeutscher) Sprache, Berufswelt und/oder Landschaft drohen in Vergessenheit zu geraten. Unsere Zeitung wird an dieser Stelle in loser Folge besonders typische oder interessante schaumburger Familiennamen vorstellen. Das Gros wurde im 19. Jahrhundert von den alteingesessenen Heimatkundlern Paul Hundt (Bückeburg), Friedrich Kölling (Hessisch Oldendorf) und Otto Bernstorf (Stadthagen) zusammengetragen. In unserem heutigen Beitrag geht es um alte Berufsbezeichnungen und Handwerkernamen. Vorweg ein kurz gefasster Einblick in die Entstehungsgeschichte:

veröffentlicht am 25.08.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Kleine Namenskunde

Bis vor gut 700 Jahren war die Verwendung getrennter Vor- und Zunamen unbekannt. Zur Kennzeichnung der Leute reichte ein einziger (Ruf-) Name. Viele dieser Rufnamen wurden später zu „Vornamen“ und sind als solche bis heute in Gebrauch – so zum Beispiel die altdeutschen Wortschöpfungen Dietrich, Wolfgang, Gertrud und Hildegard oder die christlichen Namensfindungen Johannes, Peter, Elisabeth und Agnes.

Als im Laufe des Mittelalters die Bevölkerung stark wuchs und immer mehr und immer größere Städte und Dörfer entstanden, reichte der (Einzel-) Rufname als Unterscheidungsmerkmal nicht mehr aus. Man begann, Beinamen zu bilden und den Rufnamen hinzuzufügen. Auf diese Weise entstanden unsere heutigen Familiennamen. Dabei wurden Begriffe gewählt, die besonders charakteristisch und kennzeichnend waren. Das war sehr oft die berufliche Tätigkeit. Ein weiteres Kriterium waren hervorstechende Erscheinungen in der unmittelbaren Lebensumgebung. Aus dem Siedler am Bach („Beeke“) wurde der „Bekemeier“, aus dem Bewohner einer Anhöhe („Brink“) der „Brinkmann“. Und nicht selten flossen auch auffällige Charaktereigenschaften oder Körpermerkmale wie Größe (Lange, Kurze, Korte) Haarfarbe und Lockenpracht (Schwarze, Witte, Krause) in die Namensfindung ein.

Die Zahl der auf diese Weise entstandenen deutschen Familiennamen wird auf 850 000 geschätzt. „Wenn uns irgendetwas in die Tiefe der Volksseele hineinsehen lässt, dann sind es die Familiennamen“, urteilte einst der bekannte hannoversche Sprach- und Namensforscher Prof. Heinrich Wesche.

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Über die Herkunft der Familiennamen Weber, Bäcker (Becker), Schäfer (Schaper), Böttcher (Bödeker/Böttner/Büttner), Schneider, Koch, Kaufmann, Müller (Möller, Möhle), Schmied (Schmitt, Schmöe), Fischer und/oder Drechsler muss man nicht lange nachdenken. Und auch die Berufsbezeichnungen Pape (Pfaffe), Meier/Meyer (Hofverwalter, Bauermeister), Schulz/Schulze/Schulte (Dorfschulze, Bürgermeister), Vogt/Fauth/Voth (Statthalter, Vorsteher), Wagner (Wagenradbauer), Korf/Korff (Korbmacher), Pörtner (Pförtner), Schippert (Schiffer), Buhr (Bauer), Köster (Küster, Lehrer), Brauer/Breuer/Breier (Bierbrauer), Krämer/Krömer (Händler) und Dreier/Dreyer (Drechsler, Töpfer) erklären sich (fast) von selbst.

Etwas schwieriger wird es da schon bei Hölscher (Holzschuhmacher), Plöger (Pflüger), Pieper (Stadtpfeifer), Schlötel/Schlüter (Wachmann, Beschließer), Popp (Puppenmacher), Wessel (Wechsler), Hey (Heger, Hirt) oder Schrader (alte Bezeichnung für einen Schneider). Und auch die Herkunft von Battermann, Wiegmann, Wiechmann, Hillmann, Hellmann, Koller, Köller oder Stahlhut lässt sich nicht ohne Weiteres erahnen. Deren Vorfahren sollen einst allesamt „Kriegshandwerker“ und Söldner gewesen sein.

Eine weitere „Spezies“ der heimischen Region sind die längst vergessenen Namensgeber Teigeler (Ziegelbrenner), Saack (Sachwalter, Advokat), Böger (Bogenmacher), Beißner (Jäger, übte die Beizjagd aus), Schütte/Schöttker (Flurhüter, Wildschützen), Pfisterer (Bäcker) und Gausmann (Gänseverkäufer, Gänsemäster). Und bei einigen Traditionsnamen wie Söffker (Siebmacher?) oder Haake/Hake einschließlich der Ableitung Winkelhake (Kleinhändler, Höker?) taten und tun sich auch die alteingesessenen Fachleute schwer. Bei Grupe/Grope gibt es sogar unterschiedliche Erklärungsversuche. Nach Auffassung der meisten heimischen Namensforscher handelte es sich um Angehörige der Zinngießer-Zunft. Grund: Grope soll die Bezeichnung für ein bauchiges Zinngefäß gewesen sein.

Unübersichtlich wird es oft und vor allem auch dann, wenn der Handwerksname mit einem ergänzenden Örtlichkeitshinweis kombiniert wurde, so zum Beispiel bei Bradtmüller (Betreiber einer Mühle an einer Bracht = Acker), Peppermüller (Pächter einer Pfaffenmühle = Klostermühle), Rischmüller (hatte seine Mühle im Risch = Niederung), Stelzenmüller (Mühle in der Nähe von Stelzen = Knüppelholz), Dörbecker (betrieb eine Bäckerei am Stadttor) oder Lehmköster (wohnte an der Lehmkuhle).

Der schaumburg-lippische Landespräsident Karl Dreier (1898-1974), Nachfahre eines Drehers/ Drechslers, war während der NS-Zeit der ranghöchste heimische Hitleranhänger.

Abkömmling eines Schafhirten: Oliver Schäfer hütet heute als Bürgermeister die Interessen der Einwohner von Obernkirchen.

Einst berühmt, heute vergessen: der Dirigent und Komponist August Eberhard Müller (1767-1817). Der gebürtige Rintelner und Träger eines der ältesten und häufigsten heimischen Berufsnamen gehörte als Thomaskantor in Leipzig und Hofkapellmeisters in Weimar zu den bekanntesten und am meisten gefeierten Musikern seiner Zeit.

Nomen est omen: Die beiden Ortsbürgermeister Friedrich Meyer (= Hofverwalter, Bauermeister) aus Scheie (l.) und Uwe Vogt (= Statthalter, Vorsteher, r.) tragen ihre Namen zu Recht.

Ein „echter“ Schaumburger: Ex-Landrat Heinz Gerhard Schöttelndreier alias Gerhard „Schüsseldreher“.



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