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Die Rede der jüdischen Gemeinde

Marina Jalowaja: Das wollte sie bei Gedenkfeier sagen

Bad Nenndorf. Marina Jalowaja, Sprecherin der jüdischen Gemeinde in Bad Nenndorf, ist bei der Gedenkfeier der Stadt am Sonntag für die Opfer der Pogromnacht nicht zu Wort gekommen. Samtgemeindebürgermeister Bernd Reese hatte dies nicht in seinen Abläufen vorgesehen. Unsere Zeitung druckt die Rede der Gemeinde in voller Länge ab.

veröffentlicht am 11.11.2008 um 00:00 Uhr

Marina Jalowaja

"Liebe Mitglieder der jüdischen Gemeinde, Sehr geehrte Damen und Herren, Liebe Freunde, heute möchten wir uns an 70. Jahrestag der Reichskristallnacht am 9. November 1938 erinnern! Wir möchten der Schoah-Opfer gedenken und in einer Zeit von wieder erstarkenden rechtsextremen Parteien ein Zeichen gegen Faschismus und Antisemitismus setzen. Wir möchten das Gedenken an die Verbrechen der Nazi-Zeit wach halten. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 fand ein von den Nationalsozialisten organisiertes und durchgeführtes Massenpogrom gegen die jüdischen Mitmenschen statt: Mehr als 1300 Synagogen und Kultureinrichtungen wurden zerstört, Geschäfte und Wohnungen geplündert und mehr als 25 000 Jüdinnen und Juden allein in dieser Nacht verhaftet, gefoltert, ermordet. Dies war ein Fanal für die 1942 beschlossene "Vernichtung der europäischen Juden", der die brutale Stigmatisierung und vollständige Verdrängung jüdischer Menschen aus allen Bereichen des politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens vorausging. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die deutsche Bevölkerung auf die Probe gestellt. Sie alle hätten an diesem 9. November 1938 die Chance gehabt, dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten und eine Rückkehr zu einem zivilisierten Miteinander von Juden und Nichtjuden in Deutschland zu ermöglichen. Wie wir wissen, geschah genau das Gegenteil. 70 Jahre später wissen wir, dass die Wegstrecke vom Novemberpogrom zur systematischen, staatlich angeordneten Vernichtung von unschuldigen Menschen unvorstellbar kurz war. Inzwischen wissen wir auch, dass trotz des erlittenen Leids und Millionen Toter ein Neuanfang nach dem Krieg möglich war. Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurde ein glaubhafter Neubeginn vollzogen. Diese Einschätzung erwies sich in den vergangenen Jahrzehnten als richtig. Bei allem Vertrauen in die demokratische und rechtsstaatliche Ordnung Deutschlands gab und gibt es jedoch immer wieder Anlass zur Sorge. Hierwie im übrigen Europa ist der Antisemitismus nach wie vor virulent. Ein Berliner Bischof sagte: ,Weil es für die meisten keine lebendige Erinnerung ist, müssen wir etwas dafür tun, dass es trotzdem im Gedächtnis bleibt.' Es sei viel Einsatz nötig, um den Tag nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und dafür einzutreten, dass sich Vergleichbares niemals wiederholt. So möchte ich abschließend im Gedenken an das Schicksal von allen Opfern und Leidtragenden des Holocaust sowohl den Vertretern der Samtgemeinde Nenndorf, Vertretern der evangelischen Kirche, allen Schülern und Gymnasiasten, die heutige Veranstaltung organisiert und mitgestalten haben, als auch allenLeuten, die heute gekommen sind, für ihren Einsatz und ihr Geschichtsbewusstsein danken. Ich danke Ihnen."

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