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„Manchmal mache ich auch Schönheits-OPs“

Wie dramatisch wirkt diese Situation? Eine betäubte Katze liegt mit ausgestreckten Beinen rücklings auf dem Operationstisch, an allen Vieren festgebunden, den Bauch mit dem Rasierer nackt rasiert. Die Tierärztin nimmt ihr Skalpell, setzt an, und fast wie von selbst springt die Bauchdecke auf. Blut fließt dabei kaum, dafür aber liegen nun die inneren Organe frei, und eines von ihnen, die Gebärmutter, soll entfernt werden. Viele Katzenbesitzer wollen bei dieser Operation nicht dabei sein, sie haben zu großes Mitleid mit dem Tier.

veröffentlicht am 02.06.2011 um 14:01 Uhr

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„Dabei ist das nur eine harmlose Routineoperation, absolut zum Besten des Tieres“, sagt Claudia Daum, Tierärztin aus Escher im Auetal. „Katzen sollten unbedingt kastriert werden, um sie vor schlimmen Krankheiten zu schützen.“

In ihrer kleinen Haustierpraxis geht es hauptsächlich um Behandlungen, die verhindern sollen, dass ein Tier ernsthaft erkrankt. Impfungen, Entwurmungen und besagte Kastrationen, die Katzen und Hunde davon abhalten, auf der Suche nach Sex herumzustreunen, sich dabei in gefährliche Kämpfe zu verwickeln und am Ende mit Verletzungen, Katzenaids oder anderen Infektionskrankheiten wieder nach Hause zu kommen. Der Alltag in einer Tierarztpraxis besteht zumeist aus solchen Routinebehandlungen. Doch Haustiere altern schneller als Menschen. Auch sie können an Rheuma oder Krebs erkranken. Und manchmal muss die Tierärztin einen Patienten von seinem Leid erlösen.

„Wer seinem Kind zum Beispiel einen Hamster kauft, muss wissen, dass dann nach etwa zwei Jahren eine Erfahrung mit dem Tod bevorsteht“, so Claudia Daum. Die kuscheligen kleinen Tiere, die es in so vielen Variationen gibt, sie alle sind Nachfahren aus einem einzigen Wurf, der in den 20er Jahren aus Syrien importiert wurde. Die geringe genetische Vielfalt macht sie anfällig vor allem für Krebserkrankungen. Manchmal wird ein kranker Hamster einfach still und lustlos, er spielt und frisst nicht mehr und liegt dann eines Tages tot im Käfig. Manchmal aber schleppt ein Kind den Käfig mit dem kranken Haustier in die Praxis, so wie kürzlich ein kleiner Junge, dessen Goldhamster einen großen Tumor am Bein hatte.

„Bitte heilmachen!“, bat er weinend, so erzählt es die Tierärztin. In solchen Fällen, wenn klar ist, dass hier nichts mehr zu retten ist, redet sie erst mal in Ruhe mit dem Kind. „Ich kann ja schlecht mit aufgezogener Spritze dastehen und verkünden: ,Das ist der Lauf der Dinge!‘“.

Stattdessen fragt sie den Jungen, ob er erkenne, wie schwer krank sein kleiner Freund sei, ob er glaube, dass der Hamster noch gerne lebe. Sehen Kinder (und auch Erwachsene) dann selbst ein, dass eine Operation die Qual nur verlängern würde, fordert sie dazu auf, dem Tier wie ein Freund beizustehen.

„Ein Haustier aufzunehmen, das bedeutet viel Freude, aber man übernimmt gleichzeitig eine große Verantwortung. Es ist wie bei einer Heirat, da verspricht man sich auch, für immer zusammenzustehen. Bis dass der Tod euch scheide.“ Den Jungen mit dem Hamster konnte sie überreden, dabeizubleiben, als sie das Tier dann einschläferte. „Ich habe ihn sehr gelobt für seine Tapferkeit“, sagt sie. „Meistens ist es dann auch gut für das Kind. Hart, traurig, aber eine wichtige Erfahrung für das Leben.“

Heile machen – das wäre natürlich schöner. „Doch ich bin froh, dass wir die Möglichkeit haben, einem kranken Tier einen so sanften Tod zu ermöglichen“, so die Tierärztin. „Leider geht die Veterinärmedizin vor allem bei größeren Haustieren wie Hunden und Katzen immer mehr in die Richtung langwieriger Behandlungen, mit Chemotherapie, Bestrahlungen oder aufwendigen Operationen. Das ist für die Besitzer nicht nur sehr teuer, sondern oft einfach nur Quälerei für alle Beteiligten. Und nachher ist das Tier doch tot, nur ein wenig später.“

In anderen Fällen aber kann der Tierarzt sehr wohl ein Retter sein. Bei Verletzungen etwa oder auch bei Krankheiten, die nicht von vornherein eine „Krankheit zum Tode“ sind. Da wäre das Kaninchen mit dem Gebärmuttervorfall. Das sieht ganz schrecklich aus, wenn die Gebärmutter walnussgroß aus dem Tier heraushängt, und doch kann man sie mit Tierarztgeschick in den Körper zurückbugsieren.

„Manchmal mache ich auch ,Schönheitsoperationen‘“, sagt die Tierärztin und erzählt von einer Katze, die vor einen Trecker lief und sich am Auge verletzte. Die Wunde wäre wohl ohne großen Aufwand verheilt, das Gesicht des Tieres aber unoperiert arg entstellt geblieben.

Immer wieder wird in den Tierarztpraxen danach gefragt, ob man seinen Hund, seine Katze wirklich kastrieren müsse. Ärztinnen wie Claudia Daum fahren da eine klare Linie. „Was Katzen und Kater betrifft – eindeutig ja!“ Außer bei Zuchtkatzen will niemand den jährlichen Katzennachwuchs. So oft schon habe sie in ihrer Praxis mit zugelaufenen, abgemagerten, schwer verletzten Katzenkindern zu tun gehabt, und wie oft blieb nichts anderes übrig, als die verwahrlosten Tiere einzuschläfern. Eine Verhütung mit der Pille mag sie nicht empfehlen.

„Viele Leute sagen, sie wollten ihren Katzen nicht das Sexualleben verderben. Doch Kater und Katzen vermissen nicht, was sie niemals erlebt haben. Die Kastration verlängert ihr Leben und die Lebensqualität. Katzen erkranken dann außerdem kaum an Gebärmuttervereiterung, eine der häufigsten Todesursachen bei den weiblichen Tieren.“

Bei Hunden sollte man von Fall zu Fall abwägen, ob eine Kastration sinnvoll ist. Bei aggressiven Rüden sei es allerdings keine Frage, dass die Operation sein muss, damit sie nicht zur Gefahr für andere Hunde und ihre Besitzer werden. Zudem würden einige Rüden sehr unter ihrem Sexualtrieb leiden, den auszuleben sie ja kaum eine Chance hätten. Dackel, Pudel, überhaupt die Zwerghunderassen, sie hätten nichts von ihren Erektionen und könnten im Gegenteil oft geradezu hysterisch werden, wenn eine läufige Hündin in der Nähe sei. „Da wundern sich die Besitzer, warum ihr Waldi nicht mehr isst, schläft oder vielleicht sogar epileptische Anfälle bekommt“, sagt sie. „Alles, weil sie an kein Weibchen rankommen.“

Zum Glück erweist sich eine Kastration als erstaunlich unproblematische Operation, fast so, als habe die Natur es vorgesehen, dass der Mensch auf diese Weise für eine Verhütung sorgt. Bei männlichen Tieren, deren Keimdrüsen außen am Körper liegen, genügen sowieso kleine Schnitte, um sie zu entfernen. Aber auch, wer schon einmal bei einer Katzenkastration dabei war, wird danach keine Horrorvorstellungen mehr von diesem Eingriff haben.

Der Bauch wächst von beiden Seiten her zusammen, verbunden durch die „linea alba“, die weiße Linie, an der entlang der Körper sich durch das Skalpell wie mit einem Reißverschluss öffnen lässt. Ein Handgriff in das Innere, die Eileiter hervorgeholt, abgebunden und dann die Gebärmutter herausschneiden – fast ein Kinderspiel. Schnell verheilt die zugenähte Wunde entlang der Wunderlinie, und schon nach wenigen Tagen hat sich das Tier vollkommen erholt.

Sehr häufig, wenn ein Tier in die Praxis gebracht wird, sind Kinder dabei, kleine Mädchen, die Tierärztin werden wollen ebenso wie ängstliche oder aufgeregte Kinder, die Panik vor einer Spritze haben und schnell den Raum verlassen, sobald ihr Kaninchen geimpft werden soll. Oft geht es auch nur darum, zu prüfen, ob eine Katze Flöhe hat und ihr ein geeignetes Flohmittel verschreiben zu lassen. Ein Tipp der Tierärztin: Sind auch Menschen von Katzen- oder Hundeflöhen geplagt, dann das befallene Tier nicht aussperren, sondern zu sich holen: Die Flöhe bevorzugen nämlich tierisches Blut und springen zum eigentlichen Wirt zurück.

Seit einigen Jahren werden viele Hunde mit einem elektronischen Chip versehen, inzwischen schreibt das neue niedersächsische Hundegesetz die Ausstattung mit Chip sogar vor (wir berichteten). Der speichert alle Daten über das Tier und kann automatisch ausgelesen werden, was gefordert ist, wenn man das Tier mit auf eine Reise in andere EU-Länder nehmen will. Zudem hat dieser Mikrochip-Transponder den Vorteil, dass ein entlaufener Hund mit seiner Hilfe meist schnell wieder dem Besitzer übergeben werden kann. Die Implantation erfolgt mit einer Spritze in die linke Nackenseite des Tieres, ist schmerzlos durchzuführen und behindert das Tier nicht in seinem alltäglichen Leben.

„Ja, eigentlich geht es bei mir meistens gar nicht so viel anders zu als in der Praxis eines Hausarztes“, meint Claudia Daum. „Wehwehchen, Vor- und Fürsorge und die Behandlung von Altersschwächen stehen im Vordergrund.“

Soll tatsächlich eine intensive Krebsbehandlung vorgenommen oder eine komplizierte Operation durchgeführt werden, überweist sie die Tiere in eine Spezialklinik. Was in der Tierarztpraxis kaum geschieht: die Geburt des Nachwuchses.

„Menschenmütter gehen dazu ja fast immer ins Krankenhaus. Bei den Tieren aber ist das Zuhause dafür der friedlichste Ort“, so die Tierärztin. „Wenn ich auch immer gern dabei bin – es gefällt mir trotzdem, dass das so ist.“

Kleine Dramen, große Geschichten: Der Besuch einer Tierarztpraxis geht Herrchen oder Frauchen oft wesentlich näher als dem Tier selbst. Und manchmal muss vor der Behandlung erst einmal erklärt werden, was eigentlich Tod ist.

Claudia Daum ist Veterinärin auf dem Lande, in Escher im Auetal. Von „Schönheitsoperationen“ an der Hauskatze bis zur ersten Konfrontation eines Kindes mit dem Tod kann ihre Arbeit von Tag zu Tag wirklich alles mit sich bringen.



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