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Wissem Ben Larbi arbeitet als Dolmetscher in der Prince Rupert School

„Manchmal bin ich echt sprachlos“

Rinteln. Für den kurzen Weg von seinem Büro im Erdgeschoss der Prince Rupert School bis ins Obergeschoss kann Wissem Ben Larbi schon mal 20 Minuten brauchen. Betritt Ben Larbi den Flur, kommt er nur schleppend voran. Alle paar Schritte wird er von einem Bewohner der Notunterkunft angesprochen. „Wann bekomme ich mein Medikament?“, fragt eine Frau auf Arabisch. „Die Schusswunde von meinem Freund muss verarztet werden“, sagt ein Mann, ebenfalls auf Arabisch. „Ich vertrage mich nicht mit meinen Mitbewohnern“, sagt ein anderer auf Französisch. Als Dolmetscher ist der Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes unter den Flüchtlingen besonders gefragt.

veröffentlicht am 04.02.2016 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 04.02.2016 um 11:37 Uhr

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Ben Larbi beherrscht Arabisch, Englisch, Französisch und Deutsch. Damit ist er für die meisten der derzeit rund 500 Flüchtlinge in der Notunterkunft die erste und oft genug auch einzige Wahl. Aber seine Arbeit erschöpft sich nicht im bloßen Übersetzen. Er ist auch der erste Ansprechpartner für sämtliche Sorgen und Nöte der Flüchtlinge. Somit ist Ben Larbi nicht nur Dolmetscher, sondern auch Sozialarbeiter. Dabei kommt er aus der Welt der Zahlen.

Der Lemgoer hat Betriebswirtschaftslehre studiert. In Hannover. Bis zum Spätsommer letzten Jahres arbeitete er in der Landeshauptstadt in einem Marketingbüro. Aber als immer mehr Flüchtlinge kamen, ließ ihn das Thema nicht mehr los. „Das hat mich viel beschäftigt“, sagt Wissem Ben Larbi. So sehr beschäftigt, dass er sich kurzerhand beim Deutschen Roten Kreuz bewarb, um bei der Aufnahme der vielen Flüchtlinge zu helfen. „Ich wollte die Willkommenskultur unterstützen, die Flüchtlinge, die monatelang in irgendwelchen Lagern ausharrten und nirgendwo sonst aufgenommen wurden.“ Dass Deutschland in dieser Sache die Initiative ergriff, fand er gut.

Es dauerte nicht lange, und Ben Larbi trat seine Stelle an. Zunächst in der Jägerkaserne in Bückeburg, wo die erste Notunterkunft für Flüchtlinge in Schaumburg errichtet wurde. Mit der Verlegung der Flüchtlinge in die Prince Rupert School wechselte auch Ben Larbis Arbeitsort. Die Arbeit wurde dadurch eher mehr, im Wilhelm-Busch-Weg finden weit mehr Flüchtlinge Platz als in der Jägerkaserne.

Pro Tag, sagt Ben Larbi auf Anfrage, spricht er etwa mit 200 bis 300 Menschen. „Es ist ein großes Hin und Her“, sagt er. „Der eine braucht Zahnpasta, der andere muss zum Arzt, der nächste will einen Brief aufgeben und noch einer hat ein Problem mit seinem Zimmer.“

Aber es sind nicht nur Alltagsprobleme, mit denen die Menschen zu ihm kommen. Sie erzählen ihm auch von ihrem Leid. Da ist zum Beispiel die Frau aus Syrien, deren Mann sie misshandelt hat und mit ihren gemeinsamen Kindern nach Saudi-Arabien abgehauen ist. Unterdessen wurde sie Zeuge bestialischer Massaker des sogenannten Islamischen Staats. Sie floh. Aus der Ferne kämpft sie nun verzweifelt um ihre Kinder. „Manche Geschichten sind so krass, da bin ich manchmal echt sprachlos“, sagt er.

Am Anfang sei das schwierig für ihn gewesen. „Ich habe die Probleme der Menschen mit nach Hause genommen“, sagt er. Nach Lemgo, wo er mit seiner deutschen Frau und seinem kleinen Sohn (3) lebt. Inzwischen könne er das trennen.

„Aber die Arbeit ist manchmal schon krasser, als ich es mir vorher vorgestellt habe. Denn schließlich übernehmen wir nicht nur das Dolmetschen, sondern auch viele Verwaltungsaufgaben“, schildert Ben Larbi. Mit „wir“ meint er seine Kollegin Hala Bahrinipour aus Bückeburg, die ebenfalls Arabisch und Englisch beherrscht, und zwei weitere Frauen, die unlängst eingestellt wurden. Eine spricht neben Deutsch Kurdisch, die andere Persisch. „Alle Beschwerden landen zuallererst bei uns“, sagt Ben Larbi.

Ben Larbi kam

mit Mitte 20 als Student aus Tunesien

Entsprechend lang sind ihre Arbeitstage, die schon mal von 8 bis 23 Uhr andauern können. Die Überstunden, die er und die anderen machen, an die denkt Ben Larbi schon gar nicht mehr. „Aber wir sind ein gutes Team“, befindet Ben Larbi. „Wenn das Team nicht so gut wäre, hätte ich vielleicht schon das Handtuch geworfen.“

Krieg und Flucht, so etwas hat Ben Larbi zum Glück nie am eigenen Leib erfahren müssen. Er kam mit Mitte 20 aus Tunesien als Student nach Deutschland. In seiner Heimatstadt Nabeul hatte er bereits Business/Management studiert. Aber er wollte weiter studieren. Außerdem lebte er in Tunesien in einer Diktatur. Der sogenannte Arabische Frühling brach in seinem Land erst ein paar Jahre später aus und breitete sich dann auch in anderen Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens aus. Auch deshalb wollte er weg.

Für Deutschland hatte er sich schon länger interessiert, viel darüber gelesen und sich für die „typischen deutschen Tugenden“ begeistert. Doch als er dann hier ankam, habe er trotzdem einen Kulturschock erlitten. „Vom Wetter angefangen“, sagt Ben Larbi und lacht. „Und in Tunesien ist alles einfach viel langsamer.“

Deshalb kann er die Flüchtlinge in der Prince Rupert School in dieser Hinsicht besonders gut verstehen. „Ich weiß, wie es ist, in ein fremdes Land mit fremder Kultur zu kommen und sich erst mal zurechtfinden zu müssen“, sagt der 37-Jährige.pk



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