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„Man sitzt wie im Freien, die Wolken so nah“

Schon nach wenigen Metern Anlauf hebt das orangefarbene Ding ab und ist in der Luft. Es ähnelt irgendwie dem von einem Kinderbuchautoren ersonnenen „Fliewatüüt“ – aber nein, schwimmen kann der „Gyrocopter“ nicht. Dafür aber ein Flugerlebnis der ganz besonderen Art vermitteln: „Man sitzt wie im Freien, die Wolken so nah“, schwärmt Rüdiger Busche, dem der einzige Tragschrauber auf dem Flugplatz Rinteln gehört.

veröffentlicht am 07.09.2010 um 18:53 Uhr

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Wer ihn zum allerersten Mal sieht, reibt sich verwundert die Augen. Er sieht aus wie ein Motorrad mit Rotor – oder wie ein fliegender Zweierbob. Auch akustisch kommt er verblüffend anders daher: Sein gleichmäßiges Motorengeräusch ist alles andere als typisch für Flugzeuge. Ruhiger und wesentlich langsamer. Ja, der „Gyrocopter“ ist schon ein besonderes Gefährt. Und ein einzigartiges, zumindest auf dem Flugplatz in Rinteln: Rüdiger Busche hat den Fuhrpark der Weserstadt im vergangenen Jahr durch seinen knallorangefarbenen „Tragschrauber“ ergänzt – so wird der Gyrocopter auch genannt.

In Rinteln haben nur zwei Piloten die „Lizenz zum Fliegen“ mit dem Gyrocopter: Rüdiger Busche und Sandra Nagel starten mit dem Tragschrauber vom Flugplatz Rinteln aus zu Flügen im Weserbergland. Passagiere sind willkommen – und die Flugzeiten sind sogar frei wählbar, morgens oder abends. Selbst an den Wochenenden ist der Gyrocopter sehr häufig in der Luft zu sehen.

Der 100-PS-Rotax-Motor ist zuverlässig, wird häufig für Flugzeuge in der Gewichtsklasse Ultraleicht verwendet. Zwischen 110 und 120 Stundenkilometern liegt die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit. Also etwas schneller, als Autos auf der Landstraße fahren dürfen. Dazu bietet der Tragschrauber noch eine moderate Reichweite, man kann bis zu viereinhalb Stunden in der Luft bleiben.

Gemächlich durch die Luft fliegen, das kann der Gyrocopter bestens. Seine Geschwindigkeit reicht von 30 bis etwa 180 Stundenkilometern. „Das langsame Fliegen bietet beste Voraussetzungen für einen Rundflug über die Sehenswürdigkeiten unserer Region“, hebt Pilot Rüdiger Busche aus Bückeburg die Vorteile hervor.

Zum Rintelner Team gehören außer Rüdiger Busche und Sandra Nagel aus Wennenkamp auch Ingo Schütte aus Rehren. Der Kraftfahrzeugmeister wurde vom Hersteller in die Triebwerksmechanik eingewiesen und kann, in Kooperation mit dem Hersteller Autogyro in Hildesheim, die Wartungen durchführen.

Besonders die Flugeigenschaften zeigen Vorteile des Tragschraubers auf: Der Kreiseleffekt des Rotors (griechisch „gyro“ = Kreisel) ermöglicht eine ruhige und stabile Luftlage und eine unwesentliche Reaktion auf Turbulenzen. Wie kein anderer Drehflügler kann der Gyrocopter daher auch bei starkwindigen Wetterbedingungen geflogen werden und ist praktisch ganzjährig einsetzbar. Weniger „windempfindlich“ als Sportflugzeuge ist er, da er eine geringere Angriffsfläche bietet. Windböen oder Seitenwind können dem kleinen Fluggefährt nicht so viel anhaben. Aber wie ein Hubschrauber einfach in der Luft stehen zu bleiben, das gelingt nur bei Gegenwind und langsamem Flug. Der Gyrocopter hat ein Leergewicht von rund 250 Kilogramm, er kann maximal mit 450 Kilogramm an Bord starten.

Entwickelt wurde der Tragschrauber in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von dem Spanier Juan de la Cierva, der sein Fluggerät „Autogiro“ nannte. Im Jahr 1920 begann de la Cierva mit „rotierenden Flügeln“, wie er sie nannte, zu experimentieren. Das Resultat war der erste erfolgreiche Flug eines Autogiro, des C4, am 9. Januar 1923 im spanischen Getafe. Die Erfindung des Spaniers, den Rotor im Gegensatz zum Hubschrauber nicht aktiv, sondern durch Autorotation anzutreiben, revolutionierte die Luftfahrt. Auch der Motor des heutigen Gyrocopters bewegt nur den Propeller und dient somit lediglich dem Antrieb des Fluggerätes. Der Rotor selber wird mithilfe des Fahrtwindes in Drehung versetzt und erzeugt durch diese Autorotation den Auftrieb des Tragschraubers. Dadurch verliert der Tragschrauber sogar bei einem Motorausfall nur langsam an Höhe und kann kontrolliert gelandet werden.

Eine wesentliche militärische Bedeutung erlangte der Gyrocopter jedoch nie – schnell übernahm hier der Helikopter eine bedeutendere Stellung. Heute werden Tragschrauber beinahe ausschließlich zu Hobbyzwecken geflogen. Beliebt sind sie unter anderem wegen des vergleichsweise geringen Anschaffungspreises und der eher niedrigen Betriebsmittelkosten. Die Einsatzmöglichkeiten des Gyrocopters reichen jedoch weit über den Freizeitbereich hinaus. So werden Tragschrauber in der Agrarwirtschaft, zur Überwachung von Verkehr oder Pipelines, für die Erstellung von Luftaufnahmen oder zur Erkundung entlegener Gebiete eingesetzt.

Und auch zur Erkundung heimischer Gebiete – ein atemberaubendes Flugerlebnis, das Sandra Nagel und Rüdiger Busche gerne auch Neulingen näher bringen. Ein Mitflug ist jederzeit nach Absprache möglich. „Wir zeigen gerne die Sehenswürdigkeiten des Weserberglands von oben“, wecken die beiden Piloten schnell auch mein Interesse.

Wir starten vor dem Hangar am Rintelner Flugplatz. Rüdiger Busche hat mich instruiert. Ich sitze hinter ihm in der offenen Kabine, sicher angeschnallt, trage einen Helm mit Mikrofon zur Verständigung. Hinter mir wird der Motor lauter, der Propeller dreht sich schneller. D-MDYR rollt über den Rasen zur Startbahn.

Wir stehen in Position. Mit dem Propeller fängt sich jetzt auch der Rotor über uns an zu drehen. Keine extrem hohe Frequenz, wie mir scheint.

Jetzt rollt der Tragschrauber über die Startbahn, wird zunehmend schneller. Nach wenigen Metern schon heben wir ab, sind in der Luft. Rüdiger Busche steuert uns über den Doktorsee, den Helenensee, am Südhang des Wesergebirges entlang Richtung Osten.

Die Sicht ist prächtig. Unter uns liegt jetzt Todenmann, es folgt die Rintelner Nordstadt, links von uns, fast auf Augenhöhe, Rintelns Wahrzeichen, der Klippenturm. Nach Steinbergen wechseln wir auf die Nordseite des Wesergebirges. Aus luftiger Höhe betrachten wir den Steinbruch am Messingsberg. Sehen den Stand des aktuellen Abbaus, die mächtigen Halden, aber auch das Ausmaß des Bergrutsches vom Dezember 2004.

Weiter geht unsere Reise über Westendorf, Deckbergen gen Schaumburg. Das schmucke Wahrzeichen haben wir ebenfalls fast auf Augenhöhe. Darüber thront die Paschenburg. Rüdiger Busche nimmt nun Kurs Richtung Süden. Wir sehen die riesigen Deckberger Kiesteiche. Unter uns liegt jetzt Kohlenstädt, der kleinste Rintelner Ortsteil.

Gegenüber auf der anderen Weserseite die nächste große Wasserfläche, der Kiesabbau von Hohenrode. Weiter geht die Reise nun gen Westen. Unter uns auf der Weser zieht ein Motorboot einen Wasserskiläufer. Der Blick schweift über Strücken und Exten. Kurze Zeit später erstreckt sich unter uns das Industriegebiet Rinteln Süd. Wir nehmen Kurs auf den Flugplatz Rinteln. Sinken gemächlich. Unter uns die Felder und dann setzen wir sanft auf der Wiese des Flugplatzes auf.

Rüdiger Busche fliegt seit 1985 schon – und seit den letzten anderthalb Jahren fast nur noch seinen orangenfarbenen Tragschrauber. „Es ist herrlich. Man sitzt wie im Freien. Die Wolken sind zum Anfassen nah.“ Ein ganz intensiver Genuss und eine besondere Augenweide sind Sonnenaufgangsflüge. Nach dem Start fliegt der Tragschrauber der aufgehenden Sonne entgegen. „Jedes Mal wieder ist dies wunderschön“, sagt der Bückeburger.

Kontakt: Wer Interesse an einem Mitflug im Gyrocopter übers Weserbergland hat, kann über die Homepage www.tragschrauber-weserbergland.de Kontakt zu Rüdiger Busche aufnehmen.

Ein Motorrad mit Rotor? Ein fliegender Zweierbob? Oder gar ein „Fliewatüüt“? Nein – mit einem Gyrocopter, einem Tragschrauber, unternehmen Sandra Nagel und Rüdiger Busche Flüge übers Weserbergland. Fotos: tol



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