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Hendrik Kubitzky war in Heiligendamm dabei: "Es gibt Schlimmeres, als ein bisschen zu träumen"

"Man muss Flagge zeigen - und keine Steine werfen"

Rinteln. Drei Tage lang hat Hendrik Kubitzky am G8-Gegengipfel teilgenommen. Der 25-jährige Rintelner war zum zweiten Mal auf einem G8-Gegengipfel, um zu demonstrieren, als Teil des "Schaumburger Bündnisses für eine andere Welt". Über seine Erfahrungen sprach er mit SZ-Redakteur Frank Westermann.

veröffentlicht am 13.06.2007 um 00:00 Uhr

Für eine andere Welt: In Rostock wird friedlich demonstriert. Al

Steine geworfen? Natürlich nicht! Ich finde es auch nicht angemessen, immer nur auf dieses Klischee reduziert zu werden. Warum nicht? Ich bin derÜberzeugung das es keine Rechtfertigung für Gewalt geben kann. Ich verurteile jede Art von Gewalt gegen Menschen, egal ob sie gegen Demonstranten oder Polizisten gerichtet ist. Steine transportieren keine Inhalte sondern bedeuten das Ende der Diskussion. Die Inhalte wären ja beinahe unter Debatte über Autonome und schwarze Blöcke untergegangen. Die Berichterstattung hatte sich ja nur auf die "action-news" spezialisiert. Schon im Vorfeld wurde sehr vielüber die möglichen Ausschreitungen und das hohe Gewaltpotential berichtet. Ich fand es sehr schade, dass in der Öffentlichkeit der friedliche Protest der anderen 60 000 wenig Gehör fand. Stellt sich die Frage, wer überhaupt von den schrecklichen Bildern profitiert hat. Was vermuten Sie denn? Man kann auf jeden Fall feststellen, dass es den G8-Kritiker nicht geholfen hat, denn diese Bilder haben den Protest auf eine falsche Ebene gebracht oder zumindest sehr erschwert hat. Zumindest war es die Grundlage für ein noch weitläufigeres Demonstrationsverbot um Heiligendamm. In der Medienberichterstattung wurde ein brennendes Rostock in bürgerkriegsähnlichen Zuständen gezeigt. Tatsächlich spielte sich die Auseinandersetzung zwischen Autonomen und der Polizei lediglich in einem Teil des Stadthafens ab. Die Abbildung der immer gleichen Bilder aus den verschiedensten Perspektiven vermittelt jedoch den Eindruck einer sehr viel umfangreicheren Zerstörung, welches nicht der Fallwar. Sämtliche Bilder der friedlichen Aktionen an denen 10 000 Menschen aus allen Gesellschaftsteilen teilgenommen haben, wurden völlig ausgeblendet. Die Umweltorganisation Greenpeace inszenierte ein so genanntes "human Banner" und formte mit Hilfe von 600 Menschen die Worte "G8 Act now! Stop Global Warning". Die globalisierungskritische Bewegung "Attac" lud Aktivisten ein, Lügen zum Thema Klimawandel auf einem Stück Stoffzu formulieren. Die Stoffstreifen sollen zusammengebunden "Lügen am laufenden Band" ergeben. Tausende von Demonstranten tanzten und feierten friedlich für mehr Demokratie und Umweltschutz. Diese kreativen und gewaltfreien Aktivitäten sind in der Presse jedoch kaum wiedergegeben worden. Es hieß, die Polizei habe bei den Krawallen aktiv mitgearbeitet - getreu dem Motto, irgendwie müssen diese Sicherheitsmaßnahmen ja gerechtfertigt sein. Können Sie was zur Rolle der Polizei sagen? Die Demo am Samstag verlief viele Stunden ohne jeden Zwischenfall - absolut friedlich. Die Situation eskalierte dann für mich völlig überraschend. Neu war für mich jedoch der Sachverhalt, dass zivile Beamte sich als Autonome verkleiden und in den "schwarzen Block" mischen. Bei den Auseinandersetzungen sind später Zivilbeamte von ihren uniformierten Kollegen verletzt worden. Ich habe mich gefragt, warum? Habendiese Straftaten verübt oder wurden auch friedliche Demonstranten angegriffen? Warum sollten man demonstrieren? Ich möchte zuerst einmal sagen, dass ich kein Globalisierungsgegner bin, sondern verschieden Aspekte der Globalisierung, wie die unkontrollierte Liberalisierung der Finanzmärkte, kritisiere. Ich selbst arbeite in einem großen international tätigen Logistikunternehmen in Frankfurt, profitiere also von der Verknüpfung der Märkte und dem steigenden Welthandel. Dennoch bin ich der Meinung, dass es Themen gibt, für die wir neue Regeln brauchen damit es nicht nur Gewinner und Verlierer gibt. Natürlich wird man mit dieser Einstellung häufig als Träumer abgestempelt. Aber ich glaube es gibt Schlimmeres als ein bisschen zu träumen. Demokratie war ja auch einmal eine Träumerei. Sie sind in Heiligendamm als Teil des "Schaumburger Bündnisses für eine andere Welt" aufgetreten. Wer macht dort mit? Ein Kreis von Leuten, die jetzt in Deutschland und Europa verteilt studieren oder arbeiten. Viele junge Leute verlassen Schaumburg, weil es hier wenig Möglichkeiten gibt. Aber die meisten sind immer noch Schaumburger und identifizieren sich mit dem Landkreis. Die Mitglieder dieses alten Aktionsbündnisses, das früher Veranstaltungen und verschiedene Arbeitsgruppen zu politischen Themen organisierte, haben sich nicht aus den Augen verloren und treffen sich heute woanders. Eben in Heiligendamm oder in Evian, wo der G8-Gipfel 2003 stattfand. Man muss Flagge zeigen.

Hendrik Kubitzky
  • Hendrik Kubitzky


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