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Silke Jonasson erzählt über das Leben in der DDR, ihr Russischstudium und die Achtziger Jahre

"Man kann von vorn beginnen - das geht!"

Rinteln. Manchmal kann man Silke Jonasson (39) in einem prächtig blauen Kostüm und mit einer hohen Perücke auf dem Kopf durch die Stadt gehen sehen, auf dem Weg zu einer ihrer Stadtführungen als "Baronin Henriette von Oheimb". Sie sieht so hübsch aus. Und meistens lächelt sie vor sich hin, als hätte gerade jemand einen Scherz gemacht. "Das Leben gefällt mir", sagt sie, und ihre Ausstrahlung bestätigt, dass es wirklich so ist.

veröffentlicht am 31.01.2008 um 00:00 Uhr

Silke Jonasson. Foto: cok

Autor:

Cornelia Kurth

Aufgewachsen ist die Wahlrintelnerin in Erfurt, eine tolle Stadt, wie sie sagt, deren schöne, alte Bausubstanz locker 40 Jahre DDR überstanden habe. "Auch damals habe ich immer versucht, etwas Buntes, Besonderes zu machen!" Wo auffällige Kleider Mangelware waren, strickte sie sich Pullover selbst, bastelte sich Ohrringe, trug kurze Lederröcke: "Wir hatten unsere Achtziger Jahre genau so wie der Westen!" Aus einer recht strengen Arbeiterfamilie stammend, war sie eine sehr gute Schülerin, die als eine der wenigen in ihrer Klasse Abitur machte und sich mit ganzem Herzen in ein Deutsch- und Russischstudium stürzte, um Lehrerin zu werden. "Russisch, die Sprache des ,Großen Bruders', wollte damals niemand unterrichten und die Russischlehrer waren immer die blödesten", meint sie. "Gerade deshalb hatte ich das Fach gewählt, ich stellte mir vor, wie man mit Bildern und viel Spaß einen guten Unterricht machen kann." Ihr erster Mann warf ihr manchmal vor, sie hätte damals Scheuklappen aufgehabt und die Probleme der sozialistischen DDR ignoriert. "Vielleicht war es so? Ich weiß nicht, ich hatte bei allem was ich tat das Gefühl, für das Leben zu lernen." Für Russischstudenten war ein halbes Jahr Aufenthalt an einer russischen Universität vorgesehen, was den meisten wie eine Strafe vorkam, manche Frauen wurden sogar extra schwanger, um der Reise zu entkommen. Silke Jonasson verlor auch hier nicht ihre Neugier, lebte in einem Wohnheim mit 100 "Mädels", sah, wie sich die Russen durchschlugen mit Lebensmittelkarten und rationiertem Alkohol und kam1989 rechtzeitig zurück, um nicht ganz die Wende zu verpassen. "Nach der Wende, da galt ja gar nichts mehr", sagt sie. An den Schulen wurden die alten Lehrbücher vernichtet, der frontal ausgerichtete Unterrichtsstil sollte verändert werden, niemand mehr wollte russisch lernen, und Silke Jonasson hatte noch Glück, dass ihre Diplomarbeit sich mit litauischer Lyrik beschäftigte und nichts Konkretes mit dem Marxismus-Leninismus zu tun hatte - im Gegensatz zu anderen musste sie damit nicht ganz von vorn beginnen. Dennoch: Obwohl man sie mit ihren guten Noten durchaus in den Staatsdienstübernommen hätte - unter der Bedingung allerdings, noch weitere vier Jahre in die Lehrerinnenausbildung zu investieren - begann sie doch von vorn: "Ich wollte Geld verdienen, eine Familie gründen. Die anderen bauten schon ihre Häuser und ich hatte noch gar nichts." So nahm sie eine Sekretärinnenstelle im Amt zur Regelung von Vermögensfragen an, lernte Bürgermeister und westliche "blühende-Landschaften"-Investoren kennen und dann ihren Mann, dem sie nach Rinteln folgte, wo 1993 ihre Tochter Lucie geboren wurde. In der Stadt ist die "Zugezogene" vielen bekannt. Zwar arbeitet sie nach dem Besuch der hiesigen Fachhochschule für Verwaltung nun im Hamelner Finanzamt, dafür aber ist Rinteln die Stadt der schönen Hobbys. Lange schon gehört sie zum Kreis der "Lesefreunde" und trägt mit ihrer lebhaften Stimme zum Gelingen der Leseveranstaltungen bei. Und als "Baronin Henriette von Oheimb" bezaubert sie die Stadtführungsgäste mit ihrer gutgelaunten Art. Von ihrem ersten Mann ist sie getrennt und lebt nun mit ihrer Jugendliebe aus Thüringen, Dietmar Jonasson, zusammen, den sie vor 3 Jahren heiratete. "Was ich aus allem gelernt habe? Man kann noch mal neu beginnen - das geht!"

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