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„Man kann ein Stück Leben zurückgewinnen“

Wenn Menschen alt werden, kommt oftmals irgendwann der Zeitpunkt, ab dem sie nicht mehr viel von ihrer Umgebung mitbekommen. Pflegende Angehörige sind oft ratlos. Doch es gibt Methoden, um ursprüngliche Sinne des Menschen anzusprechen – durch die „basale Stimulation“.

veröffentlicht am 26.09.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 16:02 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Die alte Frau liegt still in ihrem Bett. Sie ist taub und sieht auch nicht mehr gut. Ohne Hilfe kann sie sich kaum bewegen. Ihr Blick fällt auf die weiße Zimmerwand, immer auf die weiße Zimmerwand. In ihrem Leben tut sich fast gar nichts mehr. Sie hört nicht, wenn jemand den Raum betritt, und zuckt dann erschrocken zusammen, wenn sie überraschend berührt wird. Mahlzeiten bedeuten ihr nichts mehr. Manchmal schreit sie auf und weint. Was nur kann man für diese alten, schwachen, oft alzheimerkranken Menschen tun?

Während pflegende Angehörige da oft ganz ratlos sind, steht gut geschultem Pflegepersonal zum Glück eine ganze Palette von Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung. „Basale Stimulation“ heißt das Stichwort.

„Man darf und man muss nicht aufgeben“, sagt Ralf Ober, Leiter des Rintelner Seniorenheimes in der Landgrafenstraße und lud Angehörige altersschwacher Menschen zu einer Veranstaltung ein, in der seine Mitarbeiterinnen ganz konkret zeigten, wie man zu einer Kommunikation ohne Worte findet. Wer kaum noch sieht, hört, schmeckt und bewegungsfähig ist, besitzt dennoch Basissinne, die man „stimulieren“ kann.

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„Zurückkehren zu den allerersten Sinnen“: Bei der basalen Stimulation werden ganz bewusst einfache Reize auf den Körper ausgeübt, es wird viel mit Berührungen gearbeitet.

„Wir müssen die einfachsten Dinge tun“, erklärt Ergotherapeutin Anne Lampe. „Zurückkehren zu den allerersten Sinnen, die sich bereits beim Baby im Mutterleib entwickeln. Das sind nämlich auch diejenigen Sinne, die als letztes noch ansprechbar sind: Berührungen, Wärmeempfinden und das Gespür für Vibrationen.“ Es sei wie mit den Erinnerungen. Während altersverwirrte Menschen sofort wieder vergessen, was gerade geschehen ist, könnten sie sich an weit zurückliegende Geschehnisse aus der Kindheit meistens noch erinnern. „Basale Stimulation“, das ist eine Kommunikationsform, die so lange gelingt, wie überhaupt noch ein Funken Leben in einem Menschen steckt.

Die vielen Zuhörer, entweder Eheleute oder Kinder von betroffenen Senioren, sind aufmerksam dabei. Viele von ihnen kennen verzweifelte Situationen, in denen der alte Mensch unruhig ist oder richtig aggressiv wird, weil er sich so unverstanden fühlt. Und auch sie selbst erlebten schon, wie Wut und Tränen in ihnen hochstiegen, wenn weder gute Worte noch lieb gemeinte Taten den kranken Angehörigen zu erreichen scheinen. „Meine Mutter will gar nicht, dass ich die anfasse“, sagt eine Frau. „Sie schlägt dann zurück, als hätte ich was Böses vor.“

Damit kann man gleich ins Thema einsteigen. Wo sich nichts erklären lässt, müssen Rituale her. Im Seniorenheim nähern sich die Mitarbeiter ihren verwirrten oder geistesabwesenden Klienten immer mit einer typischen Berührung an der Schulter. Nach und nach wird diese Berührung das Zeichen für den Beginn einer Kommunikation. Kein Auffahren und Erschrecken mehr. „Oft ist so ein alter Mensch fast ganz abgeschnitten von der geordneten Wahrnehmung seiner Umgebung und einem sinnlichen Gefühl für den eigenen Körper“, so Pflegedienstleiterin Marina Heise. „Wir müssen ihn vorsichtig zu einer Selbstwahrnehmung zurückführen. Das ist möglich.“

Auf dem Fußboden des Vortragsraumes liegt eine Matratze mit Kopfkissen für allerlei Vorführungen bereit. Die Mitarbeiterinnen tragen weitere Kissen heran, längliche, anschmiegsame Kissenrollen. Die sind für den „Nestbau“ da. Man legt sie dicht rund um den Körper des bettlägerigen Menschen, bis er überall spüren kann, wo sein Körper endet, die Kissenwand beginnt. Ergotherapeutin Sabine Lübkemann stellt sich für so eine „Nestlagerung“ zur Verfügung und sieht richtig glücklich aus. Auch für einen Gesunden hat diese an die Existenz im Mutterleib erinnernde Lagerung etwas Beruhigendes. So schützend umhüllt, fällt es leichter, den eigenen Körper als Einheit zu empfinden.

Die basale Stimulation arbeitet viel mit Berührungen aller Art. Die Haut ist das größte Sinnesorgan, über sie ist der Mensch auf vielfältige Weise „ansprechbar“. Da gibt es den kleinen „Igelball“ oder auch die Noppenbürste, um damit über Arme, Beine und Rücken zu fahren, die Durchblutung anzuregen und die Muskelspannung zu erhöhen. Der Akupunkturring, bestehend aus lauter winzigen Kugeln, lässt sich über einzelne Finger streifen und verursacht angenehme Kribbelgefühle, die die Konzentration verbessern. Die „Kopfkralle“ ist ein Massagegerät für die Kopfhaut; ihre biegsamen Drahtstäbe vervielfachen die wohltuenden Reize einer Kopfmassage. „Aber auch Vorsicht“, so Ergotherapeutin Anne Lampe. „So mancher ist von diesen Reizen überfordert. Man muss gut darauf achten, wann es genug ist.“

Solche Stimulationen können für die Beteiligten, alter Mensch und Pflegender, fast den Charakter einer Meditation bekommen. Man braucht nicht zu reden und hat doch etwas miteinander zu tun. Die Pflegerinnen der ganz altersschwachen, dementen Bewohner, die an keinen Angeboten des Seniorenheimes mehr teilnehmen können, nehmen sich auf diese Weise Zeit für die ihnen Anvertrauten. Das ist auch vorbildlich für alle, die ihre alten Angehörigen zu Hause pflegen und oft nicht wissen, was sie ihnen Gutes tun könnten. „Lieber diese ,Quality-Time‘ zusammen verbringen, als stattdessen ständig Radio oder Fernseher laufen zu lassen“ sagt Anne Lampe. „Das würde nur zu noch mehr Abstumpfung führen.“

Warm und kalt, auch das sind Empfindungen, die selbst auf Schwerkranke wirken. Für eine anregende Waschung sollte die Wassertemperatur nicht mehr als 28 Grad betragen. Dann führt man den Waschlappen gegen die Haarwuchsrichtung und fügt außerdem entsprechende, duftende Badezusätze bei. Geht es eher um die Beruhigung, soll das Wasser 37 bis 40 Grad warm sein, man wäscht mit der Haarwuchsrichtung und macht dabei lange, flächige Bewegungen. Auch wenn es einfach um ein bisschen „Unterhaltung“ geht, kann man mit unterschiedlichen Temperaturen spielen, zum Beispiel mit drei Schüsseln mit kaltem, lauwarmen und warmen Wasser, in die der alte Mensch abwechselnd seine Finger taucht.

In Situationen, wo ein altersverwirrter Angehöriger schrecklich unruhig ist, sich hin und her wirft und doch nicht sagen kann, was ihn belastet, erweisen sich Vibrationsgeräte als hilfreich. Eine Frau aus dem Publikum legt sich bereitwillig auf die Matratze und lässt es geschehen, dass Sabine Lübkemann den bügeleisengroßen „Vibrax“ direkt neben ihrem Körper auf die Matratze drückt. Die dabei entstehenden Schwingungen breiten sich durch Knochen und Gelenke fort, und wer sich ihnen überlässt, kann im Handumdrehen einschlafen. Auch zur Fußmassage ist so ein Gerät geeignet.

Wie aus einem Zauberkasten holen die Mitarbeiterinnen immer weitere Utensilien für die „basale Stimulation“ hervor: Große Klangschalen, die nicht nur angenehme Töne erzeugen, sondern auch Schwallwellen, die den Körper spürbar durchdringen; einen „Fühlkasten“, in dem sich Dinge verstecken lassen, die zu erspüren, zu erraten sind; eine Platte, auf der unterschiedliche Materialien befestigt sind, die sich auch ganz unterschiedlich anfühlen; einen Geräuschsimulator, der Vogelstimmen herbeiruft, oder ein Meeresrauschen oder das Zirpen von Grillen.

Was viele pflegende Angehörige auf bedrückende Weise kennen: dass die alten Menschen jegliches Interesse an der Nahrungsaufnahme verloren haben. Weil Geschmacks- und Geruchssinn eng miteinander verbunden sind, können hier starke Düfte anregend wirken. Gläser mit Muskat, Kümmel oder Curry machen die Runde unter den Zuhörern und sofort beginnen alle, über ihre Lieblingsmahlzeiten zu reden. Pflegedienstleiterin Marina Heise hat einen durchaus überraschenden Tipp parat. Wenn die Mutter gerne mal einen Likör getrunken hat, oder der Vater seinen Schnaps, dann solle man einen Wattebausch damit tränken und ihn über die Lippen des Kranken führen. Oftmals würde derjenige dann zum ersten Mal nach langer Zeit wieder neugierig werden und den Mund leicht öffnen.

„Man muss akzeptieren, dass sich die Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen im hohen Alter oft stark zurückentwickelt und dann manchmal nur noch die basalen Sinne ansprechbar sind“, erklärt sie. „Doch kann man viel tun, um die Reizverarmung aufzubrechen und ein Stück Leben zurückzugewinnen.“



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