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Ellen Faber verschwindet im KZ der Nazis / Zuvor Repressalien gegen sie und ihren Mann Dr. Karl Faber in Bad Eilsen

Man hat nie wieder etwas von ihr gehört

Die von mir geführten historischen Rundgänge in Bad Eilsen berühren immer auch die Dr.-Faber-Straße. Der Halt am Eckgrundstück Julianenstraße/Dr.-Faber-Straße erregt mich auch nach Jahrzehnten immer noch so sehr, dass ich dort beim Vortrag wohl ziemlich laut werde. Es geht an dieser Stelle immer um das Schicksal des Bad Eilser Badearztes Dr. med. Karl Faber und seiner jüdischen, bereits 1922 christlich getauften Ehefrau Ellen, geborene Hinrichsen aus Lübeck. Die Clique von hiesigen Nationalsozialisten, die auch bereits am 5. März 1933 den damaligen Bürgermeister Söhlke mit einem ultimativen Brief und Macht demonstrierenden Fackelzug zum Rücktritt zwangen, wollten auch Dr. Faber und Ehefrau Ellen aus ihrem Ort heraus und ihr Bad Eilsen judenfrei haben.

veröffentlicht am 06.03.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 20.04.2009 um 11:33 Uhr

Die ehemalige Villa der Fabers in Bad Eilsen. Hier verbrachte da

Autor:

Friedrich Winkelhake

Was da alles angestellt wurde, um das Ehepaar Faber aus ihrer schönen Villa zu vertreiben, ist nicht mehr genau herauszufinden. Zeitzeugen wissen von infamen Belästigungen aller Art, auch davon, dass mehrmals die Fensterscheiben der Dr.-Faber-Villa eingeworfen wurden.

Samt Ehefrau nach

Lindhorst versetzt

Am 4. März 1940 diskutierte man im „braunen“ Gemeinderat auch über das für NS-Mitglieder unzumutbare Paar Faber und entschied, dass die Eheleute aus „Sicherheitsgründen“ Bad Eilsen zu verlassen haben.

Dr. Faber aber blieb in Bad Eilsen – trotz aller Demütigungen, Anfeindungen und Drohungen.

Nach Dr. Karl Faber ist in Bad Eilsen eine Straße benannt. Fotos
  • Nach Dr. Karl Faber ist in Bad Eilsen eine Straße benannt. Fotos: tw

Nun versuchten die Nazis in Bad Eilsen andere Wege: Per Notdienstverordnung wurde es möglich, Dr. Faber samt Ehefrau nach Lindhorst zu versetzen. Ihre wunderschöne Bad Eilser Villa mussten sie verlassen und in den Lindhorster „Gasthof zum Bahnhof“ ziehen.

Doch auch in Lindhorst bemühte man sich nun mit allen Mitteln, möglichst schnell dieses unerwünschte Paar loszuwerden. Man intervenierte beim NS-Kreisleiter, und dieser wandte sich an den Gauärzteführer, den Parteigenossen Dr. Fenner in Münster.

Das Schreiben des hiesigen Oberabschnittsleiters Campe vom 22. Juli 1943 vermittelt uns das Vorgehen in solch einem Fall:

„Sehr geehrter Pg. Dr. Fenner! 22.7.1943

Nachstehend gestatte ich mir, Ihnen einen Fall vorzutragen, der meines Erachtens unbedingt bearbeitet bzw. geändert werden muss: In Lindhorst (Schaumburg-Lippe) betreibt der Herr Dr. med. Faber seine Praxis. Früher war Dr. Faber in Bad Eilsen ansässig. Er ist mit einer Jüdin verheiratet. In Bad Eilsen war er derartig – vor allem die Jüdin – unbeliebt, dass die Bevölkerung ihm es öfteren die Scheiben einschlug und ihm aus Sicherheitsgründen von der Behörde auferlegt wurde, aus Bad Eilsen zu verziehen.

Dr. Faber wurde dann in Lindhorst eingesetzt und mit seiner jüdischen Ehefrau bei dem Parteigenossen und Gastwirt Langhorst, der sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hat, zwangsläufig eingewiesen. Er wohnt nun in diesem Ort. Der Parteigenosse und Gastwirt muss ihn mit der Jüdin beherbergen und verpflegen. Es ist also praktisch so, im Bezug auf die Frau des Dr. Faber, dass ein Parteigenosse die Jüdin bedienen muss, auch die Familienangehörigen dieses Pg. für die Jüdin zwangsläufig parat zu stehen haben. Die Hausgehilfin muss, ob sie dem BDM angehört oder gar Führerin desselben ist, die Jüdin ebenfalls bedienen. Ich bin mir klar darüber, dass auf den Arzt Dr. Faber im hiesigen Gebiet an sich nicht verzichtet werden kann. Der Zustand, wie er jedoch hier ist, kann meines Erachtens weiterhin nicht geduldet werden. Ich bitte daher, einmal in Erwägung zu ziehen, ob nicht ein Austausch mit einem Arzt, evt. aus den durch Feindeinwirkung betroffenen Westgebieten, erfolgen kann, damit endlich die Jüdin, die auch in Lindhorst innerhalb der Partei- und Volksgenossenschaft sehr anstößig auftritt, aus dem hiesigen Kreis verschwindet.

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie dieser Sache Ihr besonderes Augenmerk zuwenden würden!

Partei-Gruß und Unterschrift: Campe (Oberabschnittsleiter)“

(Akten: Niedersächsisches Staatsarchiv Bückeburg)

Wie Ausgestoßene

gefühlt

In Lindhorst hatten die Nationalsozialisten schon vorher versucht, für das Ehepaar Faber eine andere Wohnung zu finden. Natürlich wollte niemand die Verfemten bei sich aufnehmen. Der Ortsgruppenleiter Meinefeld schlug vor , die beiden zum Juden Philippsohn nach Ottensen (Ziegeleibesitzer) zu schicken.

Die Situation für Fabers blieb unverändert schlimm. Sie mussten sich in Lindhorst wie Ausgestoßene fühlen.

Schließlich erreichte die Fabers Anfang September 1944 die polizeiliche Anweisung für Ellen Faber zum Abtransport nach Bielefeld. Bielfeld war in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts Sammelstelle der jüdischen Bürger aus Schaumburg-Lippe, Westfalen und Lippe zur Deportation in die Vernichtungslager der Nazis. Auf dem dortigen Hauptbahnhof wurden 1998 an einem Mahnmal 1841 Namen von dort deportierten Bürgern jüdischen Glaubens in eine Art Lesepulten eingraviert. Ellen Faber gehört dazu.

Ein Zeitzeuge aus Lindhorst berichtete mir, dass Dr. Karl Faber völlig aufgelöst die von Gestapo-Beamten nach Bielefeld gebrachte Ehefrau Ellen begleitete und alles versuchte, seine Frau wieder mitnehmen zu können. Hoffnungslos! Er konnte seine Frau nicht retten. Allerdings durfte er seine Frau Ellen regelmäßig einmal wöchentlich im Bielefelder Gefängnis besuchen

Am 8. Dezember 1944 wurde die 63-jährige Ellen Faber von Bielefeld ins Gefängnis nach Magdeburg überführt. Aus Berlin erreichte Dr. Faber Ende Januar 1945 noch einmal eine Postkarte mit Grüßen und dem Bericht, dass die Fahrt weiter gen Osten führen sollte. Es ging also für sie weiter ins Konzentrationslager Auschwitz. Man hörte nie wieder etwas von ihr.

Dr. Karl Faber wurde man in Lindhorst auch schnell los. Wieder mithilfe der Notdienstverordnung und des Gau-Ärzte-Führers versetzte man ihn nach Königsberg .

Meine Frage nach ungesühnter Schuld in Bad Eilsen gründet auf der Tatsache, dass jüdische Bürger aus Mischehen mit Ariern sowie die sogenannten Halbjuden und besonders bekannte Bürger sowie Ältere in der Regel sehr spät in das „Vorzeige“-Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurden und viele von ihnen, auch acht Schaumburg-Lipper, so überlebten.

Hätten die braunen Schergen Bad Eilsens und Lindhorsts die Fabers geduldet, wäre die getaufte Christin Ellen Faber als Ehefrau eines unbescholtenen und bekannten arischen Arztes höchst wahrscheinlich gar nicht deportiert worden oder in das KZ Theresienstadt gebracht worden und hätte dann durchaus eine Chance zum Überleben der schlimmen Zeit gehabt.



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