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Ordnungsamt entscheidet Einäscherung gegen den Willen einer Verstorbenen

Makabres Spiel oder geltendes Recht?

Stadthagen (gus). Für Reinhard Jürgens ist der Herbst ein Alptraum gewesen. Im September starb eine Bekannte, die bis zum Tode bei ihm gewohnt hat. Anschließend wurde deren Leichnam gegen ihren eigenen Wunsch eingeäschert. Jetzt weiß Jürgens nicht einmal, wo das Grab der langjährigen Freundin ist.

veröffentlicht am 03.11.2007 um 00:00 Uhr

Jürgens versteht sich aufgrund einer vom Notar erstellten Vorsorgevollmacht als deren Interessenvertreter. In dieser Funktion lag es dem Stadthäger am Herzen, eine Urnenbestattung zu verhindern. Die Freundin habe eine Erdbestattung gewünscht. Es stellte sich lediglich die Frage, wer das Begräbnis bezahlt. Da keine Verwandten ausfindig gemacht werden konnten, und auch Jürgens die Kosten nicht allein aufbringen konnte, oblag die Aufgabe dem Ordnungsamt. Dieses ist in solchen Fällen laut Niedersächsischer Gemeindeordnung verpflichtet, die Beisetzung in Auftrag zu geben. Im diesem Fall verzögerte sich die Prozedur, weil Jürgens eine Obduktion der Leiche wünschte. Seine Bekannte war im Kreiskrankenhaus Stadthagen gestorben. Jürgens wollte die Umstände klären lassen. Inzwischen sei eine natürliche Todesursache attestiert worden. Nun hätte sich Jürgens gern um die Beerdigung gekümmert. Das Ordnungsamt hat aber am 11. Oktober bei einem Stadthäger Bestatter die Einäscherung in Auftrag gegeben. Jürgens ist empört. Mehrmals habe er in den Tagen zuvor mit einem Ordnungsamtsmitarbeiter telefoniert und seine Vollmacht eingereicht. Am 10. Oktober habe er sogar einen vom Rechtsanwalt erstellten Rechtsbehelf gegen die Feuerbestattung eingereicht. Am 12. Oktober erfuhr Jürgens von der Einäscherung. So vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, nennt der Trauernde "ein makabres, dreckiges Spiel". Stadthagens Pressesprecher Fritz Wehling erklärt, dass sich das Ordnungsamt lediglich an das "geltende Recht" gehalten hat. Es habe keine Verwandten gegeben und in Jürgens' Vollmacht habe sich kein expliziter Passus bezüglich der Zuständigkeit bei Begräbnisfragen befunden. Es sei nach bestem Wissen gehandelt worden. Die Urnenbestattung ist laut Wehling die kostengünstigste Variante. Dies müsse eine Kommune beachten. Jürgens lässt das nicht gelten. Die Vorsorgevollmacht sei "über den Tod hinaus" gültig. Das habe sein Rechtsbeistand bestätigt. Deshalb hat Jürgens Klage beim Verwaltungsgericht Hannover gegen das Vorgehen der Stadt eingereicht. "Wir sehen dem gelassen entgegen", sagt Wehling. Ein weiteres Problem ergibt sich daraus, dass die Urnenbestattung anonym vorgenommen worden ist. Eine Trauerfeier ist nach Angaben von Jürgens nur auf Initiative der Kirchengemeinde zu Stande gekommen. Wo sich das Grab der Freundin befindet, wisse er nicht, er wolle aber die Grabpflege übernehmen. Jürgens hat seinen Anwalt beauftragt, die nötigen Informationen einzuholen. "Wir möchten endlich in Frieden Abschied nehmen", sagt er, illusionslos hinsichtlich des Rechtsstreits: "Die können gar nicht bezahlen, was sie angerichtet haben."

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