weather-image
10°
Interview mit Koordinator Dr. Günter Schlusche - Architekt, Stadtplaner und Autor aus Berlin

Mahnmal für Opfer: Streit kann klärend sein

Stadthagen. Zur Entwicklung eines Erinnerungsprojektes für die Opfer der Nationalsozialisten in Schaumburg hat die Stadt Stadthagen einen namhaften Experten als Koordinator gewonnen: Günter Schlusche (57), Architekt, Stadtplaner und Autor. Aufgewachsen in Obernkirchen, studierte er Architektur in Berlin und Stadt- und Regionalplanung an der London School of Economics. Seit 1988 hat der promovierte Stadtplaner ein Büro für Planungs- und Baukoordination in Berlin. Von 1996 bis 2005 war er dort für die Planungs- und Baukoordination des Denkmals für die ermordeten Juden Europas ("Holocaust-Mahnmal") verantwortlich. Seit 2006 ist er mit der Erweiterung der Gedenkstätte Berliner Mauer beauftragt. Im Interview äußert sich Schlusche zu grundlegenden Aspekten des Erinnerungsprojekts (Auftaktveranstaltung: Dienstag, 16. Oktober, 19 Uhr, Aula der Schule Am Schlosspark) auf Fragen von Stefan Rothe.

veröffentlicht am 09.10.2007 um 00:00 Uhr

Mahnmal-Koordinator Günter Schlusche.

Herr Schlusche,über das geplante Erinnerungsprojekt, zumal mit Blick auf ein mögliches Mahnmal, zeichnen sich in Stadthagen Auseinandersetzungen ab. Bei Erinnerungsprojekten mit Blick auf die schrecklichste Phase der deutschen Geschichte kommt es eigentlich immer zu Auseinandersetzungen oder Streit. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus ist im Land der Täter nun einmal belastet und schmerzvoll, zumal wenn es konkret um die eigene Region, auch um die Nennung von Namen geht. Viele schrecken davor zurück. Ich begrüße, dass Stadthagen sich dem stellt. Denn derartige Auseinandersetzungen sind nichts an sich Destruktives. Sie können etwas sehr Klärendes, Konstruktives haben. Ich finde es wichtig, mit allen Einwänden sorgfältig umzugehen - das habe ich mir als Koordinator jedenfalls vorgenommen. Wieso ist diese Auseinandersetzung so wichtig? Es gibt Stimmen, die sagen: lasst uns endlich einen Schlussstrich ziehen. Ein solches Verhalten gibt esüberall. Auch andere Völker tun sich schwer mit dunklen Phasen ihrer Geschichte. Das hängt mit der menschlichen Neigung zu Vergessen und Verdrängen zusammen. Das mag verständlich und erklärbar sein, aber es ist nicht zielführend. Das gilt für die persönliche wie für die gesellschaftliche Dimension. Denn derart Verdrängtes taucht irgendwann unkontrolliert an anderer Stelle wieder auf, oft mit destruktiver Wirkungsmacht. Warum gerade jetzt ein Erinnerungsprojekt für die Nazi-Opfer - mehr als 60 Jahre nach Kriegsende? Ehrlich gesagt, ich kann Ihnen keinen rationalen Grund nennen, warum das hier gerade jetzt zum Thema geworden ist. Sowas wird ja nicht gesteuert. Ich beobachte aber: Es passt in die gegenwärtige gedankliche Landschaft in Deutschland. Seit etwa einem Jahrzehnt ist die Erinnerung an den Nationalsozialismus in der gesellschaftlichen Debatte enorm wichtig geworden, sicherlich als Antwort auf den wieder erstarkenden Neonazismus. Wahrscheinlich hat das aber auch etwas mit der Überwindung der deutschen Teilung zu tun. Das hat offenbar den gemeinsamen Blick auf diese Phase frei gemacht. Wichtig finde ich, dass dies die Chance eröffnet, Erinnerungsprojekte anzuschieben, solange Überlebende der Opfer- als auch der Täterseite noch leben. Das wird ja nicht mehr lange so sein. Warum muss das Erinnern hier vor Ort sein, reichen nicht große nationale Gedenkstätten? Geschichte wird erlebbar im Konkreten, wenn Namen und Orte genannt werden. Oft verhilft erst der Bezug zur eigenen Lebenswelt zu einem verbindlichen Geschichtsbewusstsein. Insofern hat die Fokussierung auf die eigene Region eine eigene Qualität und ist eine wichtige, ja unverzichtbare Ergänzung zum Großen. Beim ersten Vorschlag für ein Mahnmal vor der Amtspforte im Frühjahr hat es heftige Proteste - bis hin zu Unterschriftenlisten - gegeben. Ja, die kann ich teilweise auch nachvollziehen. Durch das zu schnelle und nicht richtig abgestimmte Vorgehen haben sich viele Bürger zu Recht überrumpelt gefühlt. Daher ist es gut, dass der Rat ein öffentliches Verfahren mit einer breiten Bürgerbeteiligung in Gang gesetzt hat. Standort und Gestaltung eines Mahnmals sind wieder völlig offen. Was soll jetzt anders gemacht werden als im Frühjahr? Es ist klug, dass der Rat der Stadt gesagt hat, er macht das nicht alleine. Stattdessen hat er einöffentliches Verfahren mit breiter Bürgerbeteiligung in Gang gesetzt und die Schaumburger Landschaft mit dessen Durchführung beauftragt. Die gesamte Bürgergesellschaft kann ihren Beitrag leisten. Das heißt auch: Der Prozess ist sehr ergebnisoffen. Besonders konzeptionelle Ausrichtung, Standortund Gestalt eines Mahnmals werden sich Schritt für Schritt entwickeln. Das Angebot zur Einbeziehung der ehemaligen Synagoge ist ja schon ein erstes, sehr positives Ergebnis. Unser Ziel ist ein gesellschaftlicher Konsens darüber, wie in Stadthagen und Schaumburg ein nachhaltiges Erinnerungsprojektzum Nationalsozialismus aussehen und fortwirken kann. Dem ersten Projektansatz wurde der Vorwurf gemacht, zu ausschließlich die jüdischen Nazi-Opfer im Blick gehabt zu haben. Wir wollen alle Opfergruppen beachten, egal ob sie aus religiösen, politischen, weltanschaulichen oder körperlichen Gründen verfolgt wurden. Aber klar muss bleiben: die Zahl der jüdischen Opfer war auch hier in Schaumburg bei weitem überwiegend. Das muss auch deutlich werden. Diese Frage wird Teil der Prozessentwicklung sein. Welchen Stellenwert hat für Sie ein Mahnmal? Erinnern heißt für mich nicht, irgendwo einen Stein abzusetzen und dann mit dem Gefühl nach Hause zu gehen: So, jetzt können wir das abhaken. Ein Denkmal ist eine Ausdrucksform des Erinnerns, die in die Zukunft wirken muss. Sie kann angemessen und richtig sein, aber solch ein Denkmal kann nicht alles leisten. Wichtig ist aber, dass ein Erinnerungsprojekt langfristig angelegt ist. Es gibt eine pädagogische, eine kulturelle und auch eine emotionale Ebene. Ganz wichtig ist die Frage, wie erreichen wir die junge Generation, um ihr das Geschehene zu vermitteln, ihr damit den Wert von Demokratie und Menschenrechten nahezubringen. Da muss das jetzige Erinnerungsprojekt in Schaumburg nicht bei Null anfangen. Das stimmt. Hier im Landkreis ist zu dem Thema an verschiedenen Stellen schon viel gelaufen, worauf man gut aufbauen kann. Darum liegt mein Blick als Koordinator auch darauf, zu fragen, wie eine Stadthäger Gedenkstätte - vielleicht auch unter Einbeziehung der früheren Synagoge - vorwärtstreibender Bestandteil im Netzwerk aller Projekte in Schaumburg werden kann. Welche Gesamtkonzeption verfolgen wir zusammen, welche Ausrichtung soll das haben? Wir wünschen uns darüber eine breite konstruktive Beteiligung.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2017
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare