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Frauenpower ist nichts Neues: Vor 250 Jahren wird die schaumburg-lippische Fürstin Juliane geboren

Machthaber in Kleidern und Röcken

Frauenpower“ ist keine Erfindung der Neuzeit. Schon vor gut 200 Jahren hatten starke Angehörige des schwachen Geschlechts eine Menge zu sagen. Einige beherrschten als „Thronherrinnen“ sogar große Teile Europas. In Oesterreich-Ungarn gab Maria Theresia (von 1740 bis 1780 ) die Richtung vor. Das russische Zarenreich wurde (zwischen 1762 und 1799) von Katharina der Großen regiert. Die Geschicke im nahen (Lippe-) Detmold lenkte die kluge Fürstin Pauline (1802-1820). Und im heimischen Schaumburg-Lippe hatte von 1787 bis 1799 deren junge Kollegin Juliane das Sagen.

veröffentlicht am 02.07.2011 um 00:00 Uhr

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Die damalige Häufung Kleider und Röcke tragender Machthaber ist kein Zufall. Anfang des 18. Jahrhunderts war in vielen europäischen Kaiser-, Königs- und Fürstenhäusern ein neues Bewusstsein eingekehrt. Das Denken und Handeln der Mächtigen wurde mehr und mehr von Vernunft, Respekt vor Mensch und Natur und von der eigenen Verantwortung gegenüber dem Allgemeinwohl bestimmt. Hexenwahn, Leibeigenschaft und blinder Gotteseifer gerieten ins Abseits. Stattdessen begann man – wenn auch nur zaghaft – über Toleranz, menschliche Würde und das Recht der Untertanen auf Wissen und Bildung nachzudenken. Historiker sprechen von „aufgeklärtem Absolutismus“.

Bei der Mitgestaltung dieser Entwicklung spielte die vor 250 Jahren geborene schaumburg-lippische Fürstin Juliane eine besondere Rolle. Dabei hatte es anfangs gar nicht nach einer großen politischen und/oder menschlichen Karriere der aus der gräflichen Nebenlinie Hessen-Philippstal stammenden jungen Dame ausgesehen. Mit 19 wurde sie dem 57-jährigen Bückeburger Schlossherrn Philipp Ernst angetraut. Juliane sollte dem alternden Witwer und seinem kleinen Land einen Thronfolger gebären. Dessen vier Kinder aus erster Ehe, darunter zwei männliche Erben, waren verstorben. Das „Unternehmen Erbprinz“ gelang. Juliane brachte neben drei Töchtern auch einen Sohn (Georg Wilhelm) zur Welt. Allerdings war es um dessen Aussichten, eines Tages die Nachfolge seines Erzeugers als schaumburg-lippischer Landesherr anzutreten, schlecht bestellt. Kurz nach dem Tode Philipp Ernsts im Jahre 1787 drohte das Ende der politischen Selbstständigkeit des kleinen Territoriums. Die knapp 26-jährige Witwe und ihre vier unmündigen Kinder waren drauf und dran, ein Opfer überregionaler Machtkämpfe und Intrigen zu werden.

Doch es kam anders. Die Neider und Gegner Julianes hatten deren Energie und Durchsetzungsvermögen unterschätzt. Mithilfe des ihr zur Seite gestellten Vormunds und Beraters Graf von Wallmoden-Gimhorn vermochte sie die kleine Grafschaft „über Wasser“ zu halten. Zur Klarstellung ihrer Ansprüche ließ sie sich als „Fürstin“ anreden. Als Begründung diente ein „Beförderungsakt“ in ihrem Herkunftsland Hessen. Die dort residierende Landgrafendynastie war 1803 in den (Kur-) Fürstenstand erhoben worden.

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Mehr noch als von ihrem politischen Geschick waren die Leute von der Ausstrahlung der jungen Landesherrin fasziniert. Zeitzeugenberichte schildern sie als willensstark, streng, schön, erotisch, naturverbunden und kunstsinnig. Juliane sprach fließend französisch, englisch und italienisch. Besonders ausgeprägt war ihr Faible für Theater, Tanz und Musik. Bei vielen Inszenierungen soll sie selbst als Schauspielerin oder als Gesangs- und Klaviersolistin aufgetreten sein.

Zu Julianes verlässlichsten Stützen am Bückeburger Hof gehörte ein junger Offizier namens Clemens August von Kaas. Er wurde für sie schon bald mehr als ein loyaler Helfer. In heimatkundlichen Überlieferungen ist von einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung die Rede. Besonders heiß soll es in den lauschigen Ecken und Winkeln der zum „Lustschloss“ umgebauten Klus und in den Quellbächen und Büschen des Schaumburger Waldes zugegangen sein. Das ungebremste Treiben hatte Folgen. Aus der Liaison gingen zwei Jungen hervor. Zur Entbindung pflegte Juliane „zur Kur“ nach Frankreich zu reisen. Die beiden illegalen Söhne wuchsen unter dem Namen „von Althaus“ in Süddeutschland auf. Sie wurden später des Öfteren bei diskret anberaumten Familientreffs im Schloss beobachtet.

Die unverhohlen ausgelebte Liebesbeziehung der jungen, gegenüber ihren Untertanen äußerst strengen Landesherrin stieß nicht nur den Konservativen im Lande übel auf. Auch im Volk grollte und gärte es. Während die Landesherrin „fremdging“ und uneheliche Kinder in die Welt setzte, wurden anderer junge Frauen und Paare genau wegen dieser Delikte unnachgiebig verfolgt und bestraft.

Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser von Lebenslust, Leidenschaft und menschlicher Schwäche geprägten Widersprüchlichkeit lebte die junge Regentin nach ihrem plötzlichen Tod im Jahre 1799 in der Erinnerung der Untertanen als herausragende und glanzvolle Erscheinung fort. Politische Leistungen und Verdienste wie die Neuordnung der Militärdienstpflicht oder die Förderung des Schul- und Gesundheitswesens gerieten hingegen schnell in Vergessenheit. Heute ist die zwölf Jahre andauernde Frauenpower-Periode im Bückeburger Schloss vor allem mit der Gründung des Schwefelbades Eilsen, dem Neubau des „Lustschlößchens Klus“, der Ausgestaltung von Schloss Hagenburg, der Anlage von Parks, Erholungszonen und Friedhöfen und – last but not least – mit der ungewöhnlichen Grabanlage Julianes im Schaumburger Wald verknüpft.

Fürstin Juliane zu Schaumburg-Lippe, geborene Gräfin zu Hessen-Philippstal (Portrait des Malers Heinrich Tischbein d. Ä. aus der Zeit um 1780).

Drei Zeitgenossinnen Julianes und tatkräftige Vertreterinnen des „aufgeklärten Absolutismus“: Die österreichische Kaiserin Maria Theresia (v.l., hier auf einem Bild des Schweizer Malers Jean-Étienne Liotard), Katharina die Große von Rußland (r., Gemälde des österreichischen Künstlers Giovanni Battista Lampi, und Pauline Fürstin zu Lippe, (M.) hier dargestellt von dem westfälischen Porträtisten Johann Christoph Rincklake. Repros: gp



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