weather-image
16°
Tollkühne Männer in ihren fliegenden Kisten: Als die Flugtage im Schaumburger Land boomten

Luftkampf die Sensation des Tages

Enttäuschung, Ratlosigkeit und Wut – die Stimmungslage der Deutschen nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg war mies. Zur Trauer über den Verlust der nationalen Ehre kamen Massenarbeitslosigkeit und Wohnungsnot. Hoffnung auf Besserung war nicht in Sicht. Trotzdem oder gerade deswegen machte sich mehr und mehr ein geradezu unbezähmbarer Wunsch nach Spiel, Spaß und Ablenkung breit. Tanzböden, Ausflugslokale und Kinos erlebten einen nie zuvor gesehenen Besucherandrang.

veröffentlicht am 17.04.2010 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.05.2010 um 12:26 Uhr

Wer bei den Flugtagen nicht selber mitfliegen konnte, weil der G

Von Wilhelm Gerntrup

Enttäuschung, Ratlosigkeit und Wut – die Stimmungslage der Deutschen nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg war mies. Zur Trauer über den Verlust der nationalen Ehre kamen Massenarbeitslosigkeit und Wohnungsnot. Hoffnung auf Besserung war nicht in Sicht. Trotzdem oder gerade deswegen machte sich mehr und mehr ein geradezu unbezähmbarer Wunsch nach Spiel, Spaß und Ablenkung breit. Tanzböden, Ausflugslokale und Kinos erlebten einen nie zuvor gesehenen Besucherandrang. Noch beliebter waren Sport, Spiel und Unternehmungen in freier Natur. Und großes Interesse lösten auch spektakuläre Showdarbietungen aus – vor allem, wenn es dabei technische oder menschliche Höchstleistungen zu bestaunen gab. Zu den größten Publikumsrennern jener Zeit im Schaumburger Land wurden die „Flugtage“.

Die meisten gingen ab Anfang/Mitte der 1920er Jahre im heutigen Bückeburger Ortsteil Müsingen über die Bühne. Als Start- und Landepiste diente ein nördlich des Dorfs und der B 65 sowie östlich der mittlerweile als Gewerbegebiet ausgewiesenen Gemarkung „Kreuzbreite“ gelegener Exerzierplatz. Anders gesagt: Die in der dortigen Gegend lebenden Leute waren schon mit Luftverkehrsbewegungen vertraut, als von dem nach dem Zweiten Weltkrieg ganz in der Nähe gebauten Flugplatz Achum noch keine Rede war.

Als zweiter heimischer Veranstaltungsort wurde in der Folgezeit auch das Rintelner Exterfeld überregional bekannt. Nach den zeitgenössischen Berichten müssen alle damals in der hiesigen Region in Szene gesetzten Flugtage wahre Besuchermagneten gewesen sein. Schon in den Vormittagsstunden seien große Menschenmassen unterwegs gewesen, wusste die Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung über die erste heimische Show dieser Art am 11. Mai 1924 im Müsinger Feld zu berichten. Bereits mehrere Stunden vor dem offiziellen Start habe es eine riesige Völkerwanderung gegeben. Ein großer Teil der Leute sei den Zügen aus Richtung Hannover und Minden entstiegen. „Die Straße war schließlich belagert von unzähligen Spaziergängern, Fuhrwerken und Radlern, sodass es manchmal gefahrdrohend erschien“. Laut Presse-Schilderung hatte sich selbst „die längste Anreise gelohnt“. Von den Piloten „wurden sehr schöne Hoch- und Kunstflüge aufgeführt, die allgemeinen Beifall fanden, besonders der von zwei Maschinen ausgeführte Luftkampf, der die Sensation des Tages bildete“.

Hauptaustragungsorte der Flugtage im Schaumburger Land waren das
  • Hauptaustragungsorte der Flugtage im Schaumburger Land waren das Exterfeld und das Müsinger Feld. Einer der bekanntesten und prominentesten Akteure war der Jagdflieger Ernst Udet – hier fotografiert bei einer spektakulären Rückenflug-Einlage. Udet wurde – nicht nur hierzulande – wegen seiner hohen Luftkampf-Abschussquote im Ersten Weltkrieg als Nationalheld gefeiert.
Der bekannte Fallschirmspringer Resch brachte es auf Absprunghöh
  • Der bekannte Fallschirmspringer Resch brachte es auf Absprunghöhen von mehr als 5000 Metern und ließ sich begeistert feiern.
Sensationsfilme in den heimischen Kinos wie „Duell in den
  • Sensationsfilme in den heimischen Kinos wie „Duell in den Lüften“ regten das Interesse am Fliegen und an den Flugtage-Veranstaltungen zusätzlich an.
Ballonfliegen und „Ballonhüpfen“ standen häufig auf
  • Ballonfliegen und „Ballonhüpfen“ standen häufig auf dem Programm von Flugtagen.
Hauptaustragungsorte der Flugtage im Schaumburger Land waren das
Der bekannte Fallschirmspringer Resch brachte es auf Absprunghöh
Sensationsfilme in den heimischen Kinos wie „Duell in den
Ballonfliegen und „Ballonhüpfen“ standen häufig auf

Eine weitere Attraktion sei das Angebot zum Mitfliegen gewesen. „Namentlich Damen wagten das große Unbekannte und stiegen mit auf“, hieß es in der Landes-Zeitung. Anfangs zaghaft, dann aber „voll erfüllt von der Wichtigkeit des Augenblickes“ hätten sich die Fluglustigen „dem vollen Genuss des herrlichen Fluges“ hingegeben, der sie weit über Bückeburg schweben ließ, das ihnen von oben herab wie ein Märchenbild erschien. „Alle waren begeistert und des Lobes voll und wären am liebsten andauernd mit aufgeflogen, wenn nicht der Geldbeutel Einhalt geboten hätte“. Ein zehn bis 15 Minuten dauernder Flug kostete 20 Mark. „So viel hat nicht jeder, bei den Zeiten, die wir haben, so locker im Säckel sitzen“, schrieb der Redakteur damals.

Die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse jener Zeit waren wohl auch der Grund dafür, dass viele Zuschauer trotz moderater Eintrittspreise (1 Reichsmark pro Erwachsener und 0,50 Pfennig je Kind) auf den Zugang zum eigentlichen Flugfeld verzichteten und den Vorführungen aus mehr oder weniger großer Entfernung als Zaungäste miterlebten. Die Vorführungen, die sie zu sehen bekamen, wurden von Jahr zu Jahr spektakulärer.

Mitgetragen und befördert wurden die Veranstaltungen von viel patriotischem Drumherum und hehren vaterländischen Parolen. Die Flugtage müssten Deutschland an seine Tradition als Luftfahrtgroßmacht erinnern, war in den Pressekommentaren zu lesen, „zumal da die feindlichen Völker versuchen, das deutsche Flugwesen zu erdrosseln“. Gemeint waren die harten Auflagen und Einschränkungen des Versailler Waffenstillstandsvertrags. Danach war es der Weimarer Reichsregierung strikt untersagt, Geld für die Neubelebung der einst weltweit als führend geltenden deutschen Luftfahrtindustrie auszugeben.

Dass es trotzdem schon wieder tüchtig bergauf ging, bekamen die Leute beim Lufttag im Juli 1930 auf dem Exterfeld zu sehen. Ab 3.30 Uhr nachmittags stiegen in schneller Folge eine ganze Reihe der damals besten, noch aus dem Ersten Weltkrieg bekannten Piloten gen Himmel, um mit ihren fliegenden Kisten waghalsige und atemberaubende Schau-, Kunst- und Rückenflüge hinzulegen. Zu einem besonderen Spektakel gerieten auch die Luftturniere, Ballonjagden und Fallschirmabsprünge aus bis zu 800 Metern Höhe. Auf und neben der Start- und Landebahn waren Raketenflugzeug- und Heißluftballon-Modelle zu bestaunen. „Schokoladenregen“, Bierausschank, Würstchenbuden und Blasmusik rundeten das Programm ab.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare