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„Krieg“ in der Bar, Haie zum Küssen

Lissabon – Stadt für Schwindelfreie

Wer aus dem Minus-15-Grad-Eisschrank Deutschland kommt, legt spontan Jacke und Pulli ab. Im Februar ist hier T-Shirt-Time.

veröffentlicht am 03.03.2012 um 03:09 Uhr

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Autor:

Hans Weimann

Lissabon ist eine angesagte Stadt. Jüngst war Axel Prahl da (besser bekannt als Tatortkommissar Thiel aus Münster) mit seiner Freundin Maria. Jetzt wissen wir, Prahl kann Fado auf der Gitarre spielen, den portugiesischen Weltschmerzgesang und er kann Puddingtörtchen backen.

Fado ist Folklore und in Lissabon was für Touristen. Taxifahrer dröhnen ihren Fahrgast im Februar nicht mit Fado, sondern mit Britney Spears und Witney Houston zu. Wie überall auf dieser Welt. Schließlich gibt es auch in Lissabon Lidl, Esprit, Mac Donalds und Mercedes.

Taxis sind allgegenwärtig, halten überall und sind billig. Wer in Lissabon bleiben will, sollte auf Rent-a-car verzichten. Ganz einfach deshalb, weil er keinen Parkplatz finden wird. Autos parken an steilen Straßen mit Holperpflaster und hohen Bordsteinen Stoßstange an Stoßstange. Das sorgt für Ein-Euro-Jobs. Die Einweiser warten in den Hauseingängen. Vor Schrammen schützt das trotzdem nicht. Kein Ort für pingelige Samstagnachmittagwagenwäscher.

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300 000 Menschen behauptet die Gewerkschaften, haben Anfang Februar in Lissabon gegen die Sparbeschlüsse der Regierung protestiert. Einen Tag später keine Spur mehr davon. Die Innenstadt ist aufgeräumt, doch die Ursachen der Proteste nicht zu übersehen. Am Abend in Hauseingängen Obdachlose, den Kopf in einem Karton. Vor dem Cartier-Shop mit den Edel-Uhren ab 10 000 Euro ein Saxofonspieler, der den Hut aufhält, auf Armlänge ein Security-Mann. Koexistenz auf Portugiesisch. Die Bettler sind hier touristenkompatibel, sie nerven nicht. Nicht einmal um Mitternacht, wenn das Pflaster auf der Avenue da Liberdade im Lampenlicht honiggelb schimmert. Man kann darauf bis zum Tejo laufen und überlegen, welche Sklavenscharen haben diese Millionen von kleinen Pflastersteinen verlegt?

In Lissabon verirrt man sich nicht. Es geht entweder bergauf oder bergab. Wer Meer will, hat die Wahl: nördlich zum “Mare of Inferno”, westlich an die Costa da Caparica. Zum Inferno am besten mit dem Zug (3,40 Euro für Hin- und Rückfahrt). Inferno ist zwar maßlos übertrieben, aber die wild zerklüftete Küste beeindruckend.

Zum Hausstrand der Lissaboner kommt man mit der Fähre (1,50 Euro) über die Tejomündung, dann mit dem Bus (Linie 124) an Hochhausgebirgen vorbei zur Costa da Caparieca. Der 20 Kilometer lange Sandstrand ist so sauber wie die Küche des Pächters im Strandpavillon “Waves”. Der kommt aus der Schweiz und es ist vermutlich für ihn wohl eine Frage der Ehre, mehr Käse auf den gebutterten Toast (Torrada) zu packen als die Konkurrenz.

Als Touri braucht man Locations. Zum Abhaken. Also auf zum Castelo de S. Jorge (mit wahrlich majestätischen Ausblick auf Meer und Stadt), dann zum Fahrstuhl in die Oberstadt (es knirscht so nostalgisch im Getriebe). Museen, Kultur? Sorry, aber dafür ist das Wetter im Februar einfach zu schön. Auf dem Expo-Gelände am Hafen wurde 1998 das Oceanario gebaut, ein gigantisches Meerwasseraquarium mit 500 Arten im 5-Millionen-Liter-Tank, behauptet der Reiseführer. Das Oceanario ist ein Ort, um Mondfischen und Tigerhaien Aug in Aug gegenüber zu stehen. Keine Angst. Haifischzähne stoppen 60 Zentimeter Kunststoffglas, stabil wie eine Festungsmauer.

In der China-Bar im Altstadtviertel Bairro Alto mit einer telefonbuchdicken Cocktail-Karte schweben über dem Gast Spitfires, Lancaster-Kampfbomber, dazu ein Pulk Fallschirmjäger.

Keine Panik, hier ist nicht der Krieg ausgebrochen, sondern die Sammelwut. Schlachtenszenarien, Militärutensilien zu besichtigen in raumhohen Vitrinen in allen Räumen.

Fisch in allen Variationen haben die Lissaboner, doch, sorry, italienische oder französische Köche können das besser. Der kürzeste Gastrowitz heißt dann auch: portugiesische Gourmet-Küche. Brotauflauf ist eine Spezialität und schmeckt wie weich gekochte Pantoffeln. Der Kuchen hat die Konsistenz einer frisch geteerten Landstraße. Nur süßer. Dafür ist „green wine“ eine Offenbarung, frisch und fruchtig, ideal zum Nachspülen.

Lissabon ist multikulti. Im Vorortzug nach Cascais blickt man in mehr afrikanische als europäische Gesichter. Was eine Verständigung problemlos macht. Jeder spricht englisch, die Sprache der Popsongs und Computerkids.

Ade Lissabon. Eine tolle Stadt, eine Stadt für Entdecker. Wir kommen wieder.

Zurück ein Tiefflug über das Hochhausmeer. Dann gibt es Drinks. Nicht für uns. Wir reklamieren und die Stewardess lächelt: “Ab Reihe 32 wird nie bedient”. Eben immer für einen Lacher gut, die Crew der Lufthansa.

Der Flieger landet in Frankfurt, meine Frau will das Handy einschalten. Doch da ist kein Handy. Von zu Hause ein Anruf im Hotel “Lisboa Plaza”. Ja klar, der Zimmerservice hat ihr Handy beim Aufräumen gefunden. Selbstverständlich schicken wir es ihnen. Gestern ist es angekommen. Eben „Old School“, der Service im „Lisboa Plaza“!



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