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Eldorado für Patronensammler: Vom Papiergeschoss bis zum Großkaliber gibt es alles beim Treffen

Lieblinge mit durchschlagender Wirkung

Hessisch Oldendorf (ah). „Als Kind habe ich in einer Scheune eine Patrone gefunden – so hat das alles angefangen“, erzählt Reinhold Peschke aus Franken. Nicht nur, dass er Schütze im Verein wurde – nein, zugleich ist er passionierter Sammler von Patronen. „1000 verschiedene Kaliber befinden sich mit behördlicher Genehmigung in meiner Sammlung“, etwa 4000 Patronen seien es insgesamt, erzählt er. Aufbewahrt werden sie im abgeschlossenen Kellerraum hinter einer dicken Metalltür – das schreibt das Gesetz vor. Richtig aufgeräumt sehe es dort nicht unbedingt aus, aber jede einzelne Patrone habe in einer Schublade ihr Fach. Zwei „Sonderpatronen“-Poster hat Reinhold Peschke herausgebracht, die am Wochenende im Baxmann-Zentrum aushängen: Sie zeigen einen Schnitt durch 116 unterschiedliche Patronen im Kaliber neun Millimeter. Der gelernte Feinmechaniker, Spezialist im Schneiden von Patronen, erklärt: „Es kommen noch mehr dazu.“

veröffentlicht am 27.09.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 08:41 Uhr

Wie Sherlock Holmes untersuchen die Patronensammler, im Vordergrund Präsident Rudi Keim, die Inschriften auf den Patronenhülsen.
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Ein Truppenübungsplatz, in dessen Nähe er aufwuchs, ist die Keimzelle von Rudi Keims Leidenschaft für das Patronensammeln. „Jedem Sammler sein Pläsierchen“, sagt der Präsident der deutschsprachigen Gruppe der Europäischen Patronensammlervereinigung (ECRA). In Hessisch Oldendorf trifft sie sich zum 25. Mal, erstmals im großen internationalen Rahmen. Unter den 235 Teilnehmern aus 22 Nationen befinden sich neben Sammlern aus ganz Europa auch Südafrikaner, Amerikaner, Kanadier, die mehrere 10 000 Patronen, Hülsen und Geschosse ausstellen. Der Leiter der zuständigen Waffenbehörde ist anwesend, genehmigt Importlizenzen auswärtiger Teilnehmer.

„Vom Arbeiter bis zum Hochschulprofessor ist hier alles vertreten“, sagt Keim. Schützen, Jäger, Waffensammler, Feuerwerker, aber auch Angehörige von Polizei, Bundeswehr und Bundesgrenzschutz gehören zu den Mitgliedern der ECRA. Sie alle teilen das Interesse für Munition, erweitern auf der Tausch- und Kaufbörse ihr Wissen.

„Was hier ausgestellt ist, ist die Munitionsentwicklung von der Papierpatrone aufwärts“, erklärt Rudi Keim. Alle Patronen und Geschosse haben gemein: Die Hülsen sind leer. Sie liegen ordentlich in Schubkästen aufgereiht, einzeln am Tisch, in Tütchen oder Kartons verpackt. Neben einer offenen Kiste mit Schrotpatronen mit Plastikhülsen steht ein Sparschwein – die Gäste nehmen und geben. „Patronen können hier für einen Preis von fünf Cent aufwärts erworben werden“, berichtet Keim. Er nimmt vorsichtig ein besonderes Sammlerstück in die Hand: eine Papierpatrone aus dem Jahre 1840 aus Dänemark im Wert von 350 Euro. Daneben lagern 150 Jahre alte kupferne Randfeuer- und Zentralfeuerkaliber für 60 Euro. „Patronen haben auch ein Vorleben“, erzählt er und weist auf die vielfältige Technik, die zielballistischen Leistungen hin. Über 50 Bücher hat die Vereinigung über Patronenforschung herausgebracht, etwa die „Deutsche Infanteriemunition von 1869 - 1945“. Gäste des internationalen Treffens blättern darin, andere tauschen Broschüren, fachsimpeln oder leisten detektivische Arbeit. Mit einer Lupe in der Hand suchen sie aufmerksam auf alten Hülsen Inschriften. „Was, wann und wo hergestellt wurde, das ist, was uns interessiert“, betont der Präsident. Manchmal seien es regelrecht verschlüsselte Angaben, die kriminalistisches Gespür erfordern.

Eine Papierpatrone aus dem Jahre 1840 aus Dänemark.
  • Eine Papierpatrone aus dem Jahre 1840 aus Dänemark.
Sammler Reinhold Peschke
  • Sammler Reinhold Peschke

Leere Flak-Messinghülsen oder ein leeres Dummy-Geschoss dienen als Anschauungsobjekte, ebenso wie Schnitte durch Zünder. Auch leere Signalmunition ist ausgestellt, außerdem ein Meter lange Großkaliberpatronen aus den USA und Russland. „Das sind völlig spreng- und treibmittelfreie Ausbildungs- und Trainingsmodelle aus militärischem Bestand; für 250 Euro können Sammler sie kaufen, manche nutzen sie als Regenschirmständer“, verrät Rudi Keim.

Patronen mit Holzgeschossen liegen aus, lange wie kurze, alte wie neue Schrotpatronen, Patronen mit Stiften an der Seite, sogenannte Stiftfeuerzünder. Eingraviert in den Messingboden: zwei Herzen, 16 R.W.S. – Rheinisch-Westfälische Sprengstofffabriken. Auch Zubehör wie Schrotbeutel, Wiederladewerkzeug, Patronenrahmen und -schachteln ist zu entdecken. Ein besonderes Schätzchen ist eine ungeöffnete, zweisprachig bedruckte Originalverpackung: „Scharfe Pistolen-Patrone, Schweizerische Eidgenossenschaft, gefertigt am 28.12.‘43“ steht darauf.

Familiär geht es beim Patronensammlertreffen zu, das zum 25. Mal aus waffenrechtlichen Gründen unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. „Das Interesse ist groß, doch hier kommt keiner rein, unsere Eingangskontrollen sind streng“, betont Organisatorin sowie Sportschützin Uta Klünder. Ein Viertel der Vereinsmitglieder sind Frauen, bei der Börse sind sie unterrepräsentiert.

„Wie die kleinen Kinder vorm Tannenbaum“, beschreibt Uta Klünder die Stimmung an den Tischen. An einem sitzt „Familiensenior“ Heinz Bosse, der mit 88 Jahren noch Patronendisplays fertigt und sie beschriftet. Reinhold Peschke hat beim Abschied neue Patronen im Gepäck. „Je ein Norweger, Tscheche und Schweizer haben sie mir zum Schneiden mitgegeben, nächstes Jahr bringe ich sie ihnen wieder mit nach Hessisch Oldendorf.“

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