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Geschichte des Christbaums im Schaumburger Land: Von diebischen Untertanen und Kunstbäumen

Licht für’n Pfennig vom Seifensieder

Kein Weihnachten ohne Christbaum. In den meisten heimischen Familien gehört das kerzenbestückte Grün zum unverzichtbaren Festzubehör. Seit Wochen sind Straßen, Plätze und Schaufenster mit bunt glitzerndem Nadelgehölz geschmückt. Der bundesdeutsche Bedarf soll bei 30 Millionen Einzelexemplaren liegen.

veröffentlicht am 18.12.2009 um 23:00 Uhr

Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Über Bedeutung, Ursachen und Anfänge des boomenden Weihnachtsbaumkults ist schon viel nachgedacht und geschrieben worden. Nach Aussage der Volkskundler standen immergrüne Gewächse während der farblos-tristen Wintermonate seit alters her hoch im Kurs. Schon in vorchristlicher Zeit sollen Tanne, Fichte, Eibe und Kiefer als Symbole der Wiederauferstehung und des andauernden Lebens gegolten haben.

Die Idee, einen grünen Nadelbaum als Weihnachtsschmuck in die Wohnstube zu stellen, soll vor gut 400 Jahren im Elsass entstanden sein. „Auf Weihnachten richtet man Dannenbäume in den Stuben auff, daran hencket man Roßen auß vielfarbigem Papier geschnitten, Äpfel, Oblaten, Zischgold, Zucker etc.“, heißt es in den Notizen eines Straßburger Stadtschreibers aus dem Jahre 1604. Zweihundert Jahre später war der neue Brauch auch in anderen Gegenden in Mode gekommen. So verbrachten nach eigenem Bekunden in den 1790er Jahren auch Goethe und Schiller (in Weimar) sowie Mathias Claudius (in Hamburg) ihre Feste unterm Weihnachtsbaum.

Die älteste Meldung von einem „schaumburger Tannenbaum“ stammt aus dem Jahre 1801. Der Baum schmückte die Wohnstube des damaligen Pastors Conrad Friedrich Bertelsmann im heutigen Bückeburger Stadtteil Petzen. Wenig später war es offensichtlich auch in anderen heimischen Ortschaften soweit. Nach den vor 75 Jahren in der Schaumburger Zeitung abgedruckten Lebenserinnerungen des seinerzeit bekannten Heimatkundlers Wilhelm Bartz wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch in Rintelner Familien ein Christbaum geschmückt.

2 Bilder
Postkarte aus dem Jahre 1909.

Als Zubehör dienten Zuckersachen, Backwerk, Äpfel und „vergoldete“ Nüsse. Die Lichter (Kerzen) kaufte man für einen Pfennig beim Seifensieder. Die Befestigung am Baum war kompliziert: „Zu diesem Zweck wurden der Stärke der Lichter entsprechende Äste des Holunders in zolllange Stücke geschnitten und ausgehöhlt“, schilderte Bartz das Verfahren. „Ein jedes wurde an dem Ende eines zugespitzten runden Holzstäbchens von der Länge der Fichtenzweige befestigt, und diese bohrte man dann mit den Ästen abwechselnd in den Stamm ein. In die Holunderhülsen kamen die Lichter, 12 an der Zahl, und damit war die Beleuchtungsfrage erledigt“.

Noch schwieriger als das Anbringen der Lichter dürfte das Beschaffen der Bäume gewesen sein. Grund: Nadelgehölze waren äußerst knapp. In den heimischen Wäldern standen – wegen deren Nutzung als Weide und Mastgrund für Kühe, Ziegen und Schweine – nahezu ausschließlich Buchen und Eichen. Das änderte sich erst, als die Obrigkeit den Leuten die weitere Ausführung des „Hütens- und Grasens-Frevels“, des „Mast-Frevels“ und des „Holzhauens-Frevels“ verbot und zur Rettung der mittlerweile völlig ruinierten Forsten in großem Stil Tannen, Fichten und Kiefern anpflanzen ließ.

Das wiederum scheint nicht wenige Untertanen auf den Gedanken gebracht zu haben, den bislang nur für höher gestellte Kreise erschwinglichen Weihnachtsbaum aus den neu angepflanzten Schonungen zu holen. Jedenfalls sah sich der schaumburg-lippische Fürst Georg Wilhelm genötigt, der zunehmenden Räuberei mit harten Strafandrohungen entgegenzutreten: „Da durch den Gebrauch der Weihnachtsbäumchen jährlich eine bedeutende Anzahl im besten Wuchse stehende Tannen- und Fichtenbäumchen zum Verderb der Waldungen und Gärten gänzlich zerstört wird, so wird hierdurch bei einer Geldstrafe von zwey bis fünf Reichsthalern oder nach Befindung angemessener Gefängnisstrafe Jedermann von nun an gänzlich untersagt, dergleichen natürlich gewachsene Bäumchen dazu anzuwenden“, heißt es in einer 1820 verfassten „Bekanntmachung die Weihnachtsbäumchen betreffend.“

Als Ersatzlösung für die ehrlichen Zeitgenossen kamen „Kunstbäume“ in Mode. Vor allem während der heute als „Biedermeierzeit“ bezeichneten Epoche zwischen 1815 (Wiener Kongress) und 1848 (Beginn der bürgerlichen Revolution) wurden mehr oder weniger kunstvoll gestaltete Holzkonstruktionen angeboten. Im Jahre 1824 empfahl sich der Bückeburger Tischlermeister Schotte mittels Anzeige in den „Landes-Anzeigen“ dem „geehrten Publikum mit eigens gefertigten Christbäumchen auf Weihnachten“. Und sein Kollege König daselbst brachte in einer Annonce „in Erinnerung, daß von ihm auf Weihnachten Tannenbäume zur Freude der Kinder verfertigt werden, bittet aber recht sehr, daß sie doch einige Tage vorher bestellt werden mögen“.

Mit der Zeit scheint sich – nicht zuletzt dank der schnell nachwachsenden Neupflanzungen – die Bedarfssituation deutlich entspannt zu haben. Spätestens ab Mitte des 20. Jahrhunderts konnte in nahezu allen heimischen Stuben guten Gewissens „O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter“ angestimmt werden. Genau genommen hätte es damals noch „O Fichtenbaum“ heißen müssen, denn das Gros der bis vor gar nicht allzu langer Zeit hierzulande geschmückten Weihnachtsbäume waren Fichten. Regelmäßig zur Adventszeit versuchten die heimischen Zeitungen ihren Lesern den Unterschied zwischen „Picea“ (Fichte) und „Abies“ (Tanne) deutlich zu machen: „Tannen sind kugeliger und dichter gebaut. Ihre Nadeln sind doppelt so lang wie Fichtennadeln. Tannenzapfen stehen aufrecht auf dem Zweig, Fichtenfrüchte hängen herunter“. Heute spielen solche Details keine Rolle mehr. Seit Jahren kommen immer mehr veredelte und/oder exotische Arten den Markt. Und eine große Zukunft in den deutschen Wohnzimmern wird – angesichts der stetig steigenden Verkaufszahlen – auch dem Plastik-Weihnachtsbaum vorhergesagt.



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