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Seit 1990 pflegen ein Hamelner und ein Sankt Petersburger ihre ganz besondere Freundschaft

Levs Mutter floh noch vor den Deutschen …

Hameln/Sankt Petersburg. Über Wladimir Putin müssen sie nicht streiten. Dann schon eher über K+S, das Unternehmen, das Salzlauge in die Weser einleitet, worüber sich mancher die Haare rauft. Doch eine Diskussion bleibt aus, denn über das Unternehmen redet Lev Reibmann mit Eckhart Wunram lieber gar nicht, denn: K+S steht in gutem Kontakt zu Levs Arbeitgeber. Daneben zeichnet sich die ungewöhnliche deutsch-russische Freundschaft der zwei Männer eher durch Parallelen als durch Differenzen aus. Angefangen hat sie mit einem Hilfspaket an Levs 84-jährige Mutter …

veröffentlicht am 18.08.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:42 Uhr

Wiedersehen nach 14 Jahren in Sankt Petersburg: Lev Reibmann (li
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

November 1990: In der Dewezet liest Eckhart Wunram von dem strengen Winter in Leningrad. Viele alte Menschen hungern, Hamelner werden gebeten, Päckchen mit Grundnahrungsmitteln zu packen. Zusammen mit seiner damaligen Lebensgefährtin folgt Wunram dem Aufruf und ahnt noch nicht, dass er dadurch drei Jahre später neue Freunde finden wird. Tausende Seemeilen legt das Paket zurück und erreicht Levs Familie. Die Antwort kommt per Brief, auf Englisch. Lev – auf Deutsch Leo – bedankt sich für die Hilfe, schickt Fotos, erzählt von seinem Leben. „Töchter im ähnlichen Alter, beide Männer geschieden, beide inzwischen neu liiert“, fasst Eckhart Wunram zusammen, was amüsiert und die beiden Männer verbindet.

Tapfere Flucht vor den Deutschen

Drei Tage dauert die Fahrt im Bus über Schweden und Finnland, die das deutsche Paar im August 1993 nach Sankt Petersburg antritt, um den Brieffreund und dessen Familie zu besuchen, die bis dato nur von Fotos bekannt sind. „Wir haben uns gleich wiedererkannt und uns erstaunlich gut verstanden.“ Inzwischen auch auf Deutsch, das sich Lev selbst beigebracht hatte. „Ein herzlicher, freundlicher Mensch“, erzählt Wunram von seinem Freund. Die ganze Familie habe einen herzlichen Empfang bereitet, „die Enkelin Sasha hat uns mit einem deutschen Volkslied begrüßt, das war wirklich rührend“; Gäste und auch Klischees wurden bedient: Es gab „viel Wodka“.

Die Freundschaft wird auf dem Postweg gepflegt, und nur zwei Jahre später macht sich der Hamelner wieder auf den Weg, diesmal auf eigene Faust. Aus der Sowjetunion war zu diesem Zeitpunkt schon die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) geworden; die Veränderungen machen sich bemerkbar. Der Hamelner erinnert sich an diese „schwierigen Zeiten“, in denen Levs Firma privatisiert und neue Verträge ausgehandelt wurden, in denen keiner so recht wusste, was passiert.

Während das Land noch auf der Suche nach Stabilität ist, wird die Freundschaft stärker. Levs Tochter überrascht Eckhart und dessen Familie spontan zum 50. Geburtstag, im Expo-Jahr 2000 kommt Lev nach 36-stündiger Zugfahrt in Berlin an und reist weiter nach Hameln. Wer deutsch-russische Verbindungen aufrechterhalten will, muss Hürden überwinden: „Privatreisen sind immer noch etwas kompliziert. Wir mussten über die Stadt Hameln eine Einladung schicken, mit der Lev beim deutschen Konsulat in Sankt Petersburg ein Einreisevisum nach Deutschland beantragen konnte. Ich musste dazu eine Krankenversicherung abschließen und meine Einkommensverhältnisse offenlegen, mit der Verpflichtung, dass ich, falls Lev nicht nach Russland zurückgeht, für ihn sorgen könnte und er nicht dem deutschen Staat auf der Tasche liegt.“ Und auch umgekehrt ist es so: In St. Petersburg jemanden zu besuchen, ist ebenfalls nur mit Einladung möglich. Das Visum beim russischen Konsulat zu beantragen (Kosten 70 Euro) und genehmigt zu bekommen, dauert.

14 Jahre nach dem ersten Besuch reiste Wunram in diesem Sommer wieder zu Lev in ein völlig anderes Sankt Petersburg. „Es hat sich so viel geändert, dass ich doch überrascht war – das ganz normale, westliche Leben einer Großstadt“, einer hektischen, einer Sechs-Millionen-Stadt, in der man alles bekommt, in der deutliche Unterschiede zwischen den Einkommensschichten sichtbar sind. Dieses Mal sei nur noch ganz wenig Wodka geflossen, berichtet Wunram, überhaupt habe er weniger Betrunkene gesehen. Während der heute 65-Jährige, der früher bei Reintjes als Industriekaufmann gearbeitet hat, inzwischen Rentner ist, muss der Ingenieur Lev mit 74 Jahren weiterarbeiten; mit der Rente allein käme er nicht hin.

Dass das deutsch-russische Verhältnis längst nicht immer friedlich war, hat auch in Levs Leben Spuren hinterlassen. Als die Deutschen seine Stadt Leningrad während des Zweiten Weltkrieges aushungern lassen wollten und Millionen Menschen starben, flüchtete Levs Mutter 1944 mit ihrem Sohn über den zugefrorenen Ladogasee – die einzige Möglichkeit, der eingekesselten Stadt zu entkommen. Ein Orden und 500 Euro wurden ihm dafür kürzlich als Anerkennung überreicht. Levs Mutter, die tapfer die Strapazen und Gefahren der Flucht auf sich genommen hatte, und für die das einst gepackte Päckchen gedacht war, hat Wunram leider nicht mehr kennengelernt.

Die Beziehung beider Länder zueinander beschäftigt die Männer auch heute noch. Dass sich Ex-Kanzler Gerhard Schröder bei Gazprom eingemischt hat, habe Lev eher kritisch kommentiert, und auch dem eigenen Ministerpräsidenten Putin begegnet er mit Skepsis. Er greife immerwieder zu sehr in die Medien ein und lasse nicht genug Privatwirtschaft zu. „Es ist eine wichtige Sache, dass Konflikte auf politischer Ebene zwischen den Ländern in diesem kleinen Kreis entschärft werden können“, findet Eckhart Wunram. Wenn er von der Freundschaft erzählt, hört er noch heute gelegentlich abfällige Bemerkungen wie „Ach, Russland!“ Eckhart vermittelt, so gut es geht. Und plant schon Levs nächsten Besuch in Hameln – zum 20-jährigen Bestehen dieser deutsch-russischen Männerfreundschaft.

Nach ihrem Besuch im Expo-Jahr schickten Lev und Sveta diese Postkarte.

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