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Leser wollen Papier in der Hand haben

Seit etwa zwei Jahren bietet der deutsche Buchhandel E-Books an, sagt Ilke Heinzelmann von der Hamelner Buchhandlung Matthias. Doch die Hamelner greifen immer noch lieber zum Papier: Der Verkauf von E-Books mache weniger als 1 Prozent vom Gesamtumsatz aus, erläutert die Assistentin der Geschäftsleitung.

veröffentlicht am 11.05.2011 um 11:06 Uhr

Zum Blättern im E-Book streicht der E-Book-Benutzer mit dem Finger über den Bildschirm.

Autor:

Monika Dietz

Die Texte der E-Books erscheinen meist im PDF-Format, das heißt, Gestaltung und Schrift sind wie im gedruckten Buch. Oder sie erscheinen als E-Pub-Dokumente, die in ihrer Gesamtgröße abgestuft werden können und den Textfluss dem Display anpassen. Zum Lesen der digitalen Bücher, also der Dateien, ist ein Lesegerät, der sogenannte Reader, erforderlich.

„Seit Frühjahr 2009 haben wir bis jetzt ein einziges Lesegerät verkauft“, berichtet Heinzelmann. Der Reader von Sony hat ein 6 Zoll großes Display, er speichert 160 bis 13 000 E-Books und kostet 299 Euro. Allerdings könne das Gerät vom Käufer in der Buchhandlung nicht getestet werden. „Sony stellt uns kein Muster zur Verfügung“, klagt Heinzelmann.

Auch die Inhaberin der Buchhandlung von Wedemeyer in der Hamelner Baustraße hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Die Kunden wollen erst mal eine Auswahl von Lesegeräten sehen, bevor sie sich eines kaufen“, sagt Cornelie von Wedemeyer. In naher Zukunft wolle sie sich selbst ein Lesegerät zulegen, um mit ihren Kunden die Vor- und Nachteile zu erfahren. Verkauft habe sie bisher weder einen Reader noch ein E-Book, das über die Internetseite ihrer Buchhandlung bestellt werden kann.

Claudia Möhlmann von der Hamelner Bücherstube Seifert in der Deisterallee berichtet: „Wir hatten Kunden, die sich bei uns E-Books auf ihr Lesegerät geladen haben.“ Einen Reader habe sie noch nicht verkauft. Sie selbst „liebäugele damit“, sich im Herbst zur Frankfurter Buchmesse einen zuzulegen.

Dennoch gibt es E-Book-Pioniere in Hameln, die ein Lesegerät besitzen und benutzen. Einer von ihnen ist Carsten Holzendorff, Geschäftsführer der CW Niemeyer Buchverlage GmbH. „Ich lese die Manuskripte, die mir Autoren zusenden, als E-Book“, sagt der 49-Jährige. Dabei schone er die Umwelt, weil er kein Papier ausdrucken muss. Mit seinem iPad habe er gleichzeitig E-Mail-Anschluss, eine Art Kleinbüro, das anwenderfreundlicher sei als ein reines Lesegerät.

„Der Trend geht in die Richtung“, sagt Holzendorff. Allerdings stecke der E-Book-Markt „noch sehr in den Kinderschuhen“. Der Nutzer werde entscheiden, wie sich der Markt weiterentwickeln wird. „Wünschenswert wären mehr Anbieter von Readern und geringere Preise“, so Holzendorff.

„299 Euro für einen Reader von Sony oder 500 Euro für ein iPad sind kein Pappenstiel“, sagt Ilke Heinzelmann. Das Lesegerät Kindle vom Online-Händler Amazon gibt es für 139 und für 189 Euro. Für Jugendliche sei der Gebrauch von E-Books daher viel zu teuer. Obwohl es gerade für junge Menschen „normal“ sei, sich elektronisch zu unterhalten.

Der wesentliche Unterschied zwischen diesen Geräten bestehe in der Größe des Bildschirms: Ein Reader von Sony hat 6 Zoll, das iPad von Carsten Holzendorff 9,7 Zoll. Allerdings wiegt es auch 730 Gramm, ist also schwerer als Umberto Ecos „Der Name der Rose“. Das hat im Taschenbuchformat 655 Seiten und wiegt 500 Gramm.

„Der ganz große Vorteil eines E-Books liegt in der Platz-Ersparnis, der Verstellbarkeit und der Helligkeit der Schriftgröße“, erklärt Heinzelmann. Für Menschen mit Sehschwäche sei es „eine feine Sache“. Wer für sechs Wochen in den Urlaub fahren möchte, spare mit E-Books eine Menge Platz, ergänzt Cornelie von Wedemeyer. „Endlich können die Leute 300 Bücher gleichzeitig mit sich herumtragen“, zitiert von Wedemeyer den Autor Horst Evers aus seinem Buch „Für Eile fehlt mir die Zeit“, mit der Geschichte „Gutenberg 2.0“.

Generell sei ein E-Book günstiger als das entsprechende Buch aus Papier, erklärt Heinzelmann. So kostet der neue Weserbergland-Krimi „SchattenHaut“ von Nané Lénard als Paperback 9,95 Euro, als E-Book 7,99 Euro. Es entstünden nicht in dem Maße Material-, Herstellungs- und Lagerkosten.

Doch ein Buch aus Papier hat auch Vorteile gegenüber einem E-Book. „Man kann Lesezeichen und Notizzettel reinlegen und auch etwas reinschreiben wie eine Widmung“, sagt von Wedemeyer. Ein Pappeinband reagiere bei Sonnenschein nicht mit Spiegelung wie das Display eines Lesegerätes, führt Heinzelmann an. Außerdem habe sie immer den Überblick, wo sie sich gerade im Buch befinde, wenn sie es aufschlägt. Bei einem E-Book gehe ihr das Gespür verloren, wann sie mit dem Buch fertig ist.

Die Meinungen der Buchhändlerinnen sind einstimmig: „Ich brauche das Gefühl des Papiers, das Umblättern, den Farbgeruch und das Aussuchen im Buchladen“, sagt Ilke Heinzelmann. „Buch und E-Book widersprechen sich im Grunde, weil meine Kunden möchten, dass weiterhin Bücher gedruckt werden und es nicht nur digitale gibt“, sagt Cornelie von Wedemeyer. Bücher seien für sie etwas Haptisches, also zum Ertasten. „Aber vielleicht sind wir Dinosaurier, und es gibt in 30 Jahren nur noch E-Books“, fügt sie mit einem Augenzwinkern hinzu.

Auch in der Stadtbücherei Hameln ist das E-Book noch nicht angekommen. „Die Nachfrage der Bibliothekskunden nach ,normalen‘ Büchern ist immer noch überwältigend“, sagt der Leiter der Stadtbücherei, Bernhard Greten. Erst in ein paar Jahren werden sich E-Books durchsetzen, vermutet er. Das werde über den Preis gehen und über die Masse an E-Book-Readern in den Haushalten. „Deshalb würde ich es heute für unverantwortlich halten, den begrenzten Medien-Etat für E-Books auszugeben, nur um sagen zu können: Haben wir auch!“, so Greten.

Der Leiter der Stadtbücherei besitzt privat auch keinen Reader. „Für mich sind die Geräte, die ich im Laden mal ausprobiert habe, einfach noch nicht attraktiv genug, um Geld dafür auszugeben“, sagt Greten. Warum solle er sich E-Books kaufen, wenn er echte Bücher in der Bibliothek deutlich günstiger entleihen kann? So werde es wohl auch seinen Kunden gehen.

„Die Akzeptanz für E-Books im Allgemeinen ist noch sehr gering“, bestätigt auch Dr. Jan-Felix Schrape, Soziologe und Autor des Buches „Gutenberg-Galaxis Reloaded? Der Wandel des deutschen Buchhandels durch Internet, E-Books und Mobile Devices“.

Nur wenige Leser wollten bislang auf das gedruckte Buch verzichten, denn im Unterschied zum Abruf von Film- und Musikinhalten, der seit jeher den Einsatz von technischen Geräten voraussetzt, bieten digitale Bücher auf dem Publikumsmarkt bislang kaum Mehrwerte, die einen Umstieg rechtfertigen könnten, so Schrape. Im Fachbuch-Bereich sehe dies anders aus, weil dort schnelle Recherchierbarkeit und unkomplizierte Weiterverarbeitungsmöglichkeiten im Vordergrund stünden.

Im Jahr 2010 betrug der Anteil von E-Books am Gesamtumsatz des deutschen Buchhandels je nach Schätzung höchstens 0,5 Prozent, erläutert Schrape. In den USA waren es 2010 immerhin 8 Prozent. „Eines ist sicher“, sagt der Soziologe voraus, „das E-Book wird sich in Deutschland langsamer durchsetzen, als vielfach vermutet.“ Positiv geschätzt, könnten seiner Meinung nach die E-Books hierzulande im Jahr 2015 die 8 Prozent Gesamtumsatz erreichen, die 2010 in den USA vorlagen.

Laut Branchenexperte Kevin Kelly könnte Amazon den Reader Kindle schon im November 2011 verschenken. Schrape ist da skeptisch: „Ich rechne nicht damit, dass Tablets oder E-Reader hierzulande in den kommenden Jahren kostenfrei angeboten werden – und wenn, dann werden das nicht die State-of-the-Art-Geräte sein, welche die Kunden wollen.“

Als Johannes Gutenberg um 1450 die beweglichen Metall-Lettern erfand, begann die maschinelle Massenproduktion von Büchern aus Papier. Heutzutage, im 21. Jahrhundert, ist es möglich, digitale Bücher ohne Papier herzustellen, die sogenannten E-Books. Sind sie auch schon bei den Hamelner Lesern angekommen?



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