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Tellbüscher: Unternehmen langfristig sichern / Extertals Bürgermeister spricht von „einer Katastrophe“

Lenze sieht zum Stellenabbau keine Alternative

Groß Berkel / Bösingfeld (cb). Der geplante Stellenabbau beim Aerzener Unternehmen Lenze AG ist vom Vorstandsvorsitzenden Dr. Erhard Tellbüscher offiziell bestätigt worden. Das Unternehmen werde in den nächsten Jahren rund 2700 Mitarbeiter beschäftigen. Etwa 600 von derzeit 3300 Stellen würden abgebaut, darunter 300 in Deutschland. Allein an den beiden Standorten in Groß Berkel, gleichzeitig Hauptsitz der Lenze AG, und im Extertal seien jeweils rund 125 Mitarbeiter betroffen. Entlassungen werde es auch im Angestelltenbereich geben.

veröffentlicht am 24.03.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

„Uns ist daran gelegen, zum jetzigen Zeitpunkt die richtig

„Wir waren jetzt gezwungen, Ende Februar Entscheidungen zu treffen“, sagte Dr. Tellbüscher bei einem Pressegespräch unter Hinweis auf die globale Wirtschafts- und Finanzkrise. Seit Mitte letzten Jahres habe das Unternehmen die Szenerie beobachtet, als es schon Rückgänge bei den Aufträgen gegeben habe. Der große Rückgang erfolge seit November „mit gewisser Dramatik“, wobei „die Tiefe des Abschwungs nicht absehbar“ sei. Das Unternehmen erwarte weitere Jahre, in denen der Umsatz nahezu 20 Prozent unter dem des Geschäftsjahres 2007/2008 (Gruppenumsatz 621 Millionen Euro) liegen werde. Der aktuelle Personalbestand sei aber auf ein starkes Wachstum und hohen Umsatz ausgelegt. „Uns ist daran gelegen, zum jetzigen Zeitpunkt die richtigen Maßnahmen zu treffen, um für die Zukunft gerüstet zu sein“, sagte Dr. Tellbüscher zum Stellenabbau, der nun nach zehn Jahren starken Wachstums notwendig werde. Es gehe um die langfristige Sicherung des Unternehmens, das nach wie vor solide aufgestellt sei, aber vermeiden wolle, „in eine wirkliche Krise zu geraten“.

In den vergangenen Monaten habe es bereits Anstrengungen gegeben, die Kostensituation zu verbessern. Dabei handele es sich auch um das Auslaufen von befristeten Verträgen und Leiharbeit sowie Kurzarbeit. Das Instrument der Kurzarbeit, seit Jahresbeginn für 468 Mitarbeiter in Extertal und Groß Berkel geltend, reiche aber wegen der negativen Prognosen über die Entwicklung der kommenden Jahre nicht aus. „Je länger wir warten, desto größer ist der Kapitalverzehr“, so der Vorstandsvorsitzende. „Damit gehören wir möglicherweise zu den ersten Unternehmen, die Maßnahmen ankündigen.“ Dr. Tellbüscher kündigte bereits für diese Woche erste Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern an, um möglichst schnell über Lösungen zu beraten und zu entscheiden.

Harte Verhandlungen kündigte der Betriebsrat an. „Wir als Arbeitnehmervertreter fordern, dass unser Arbeitgeber alle rechtlichen und betrieblichen Möglichkeiten zur Beschäftigungssicherung und -förderung nutzt, damit Lenze zukünftig mit seiner engagierten Belegschaft gestärkt aus der Krise hervorgeht“, teilte Konzernbetriebsratsvorsitzender Dirk Brockmann mit. Lenze habe sich zu einem hervorragenden Unternehmen entwickelt – „und einen großen Anteil daran haben die Beschäftigten der Lenze-Gruppe“, so Brockmann, der als Arbeitnehmervertreter dem Aufsichtsrat angehört. In den letzten fünf Jahren seien unter anderem aufgrund der betrieblichen Leistungen der Beschäftigten beachtliche Gewinne eingefahren und eine vorbildliche Eigenkapitalquote aufgebaut worden. Uwe Mebs von der Gewerkschaft IG Metall kündigte an, Alternativen zu prüfen, um Beschäftigung zu sichern. „Es ist noch lange nicht der Zeitpunkt, den Personalstand so zu stutzen.“

D. Brockmann

Extertals Bürgermeister Hans Hoppenberg sagte auf Anfrage: „Wir müssen jetzt gut überlegen, wie wir weiter vorgehen.“ Er sprach von „einer Katastrophe“ für seine Gemeinde. Hier gehe es nicht um einen kleinen Betrieb, sondern um ein weltweit operierendes Unternehmen. Noch vor drei Wochen sei ihm versichert worden, dass es mit den arbeitsmarktpolitischen Instrumenten zu schaffen sei, die Krise zu überstehen.

Der Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes der Unternehmen im mittleren Wesergebiet (AdU), Dieter Mefus, sagte: „Wir befürchten seit längerem, dass Kurzarbeitsmaßnahmen nur greifen, wenn die betreffenden Firmen keine strukturellen Probleme haben. Für exportorientierte Unternehmen greifen die Maßnahmen der Bundesregierung nicht – das Konjunkturpaket II ist sehr stark binnenorientiert. Der Fall Lenze bestätigt, dass exportorientierte Unternehmen auch mit strukturellen Problemen zu kämpfen haben. Auf mittlere Sicht ist zu befürchten, dass weitere Unternehmen mit Entlassungen folgen.“



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