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Der Vorstandsvorsitzende Erhard Tellbüscher über Verluste, Entlassungen und die Zukunft

Lenze: Haben in der Krise 1600 Jobs gerettet

Weserbergland. Die Lenze AG gehört zu den weltweit agierenden Vorzeige-Unternehmen des Weserberglandes. Der Systemanbieter für Antriebs- und Automatisierungstechnik ist seit Jahrzehnten auf den Maschinenbau-Märkten erfolgreich. Die weltweite Wirtschaftskrise hinterlässt aber auch bei Lenze Spuren: Auftragsrückgang, Personalabbau und Verschlankung sind die Folge. Für die Dewezet sprachen Christian Branahl und Thomas Thimm mit dem Vorstandsvorsitzenden Dr. Erhard Tellbüscher über Lage und Aussichten bei Lenze.

veröffentlicht am 16.09.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

Herr Tellbüscher, wie geht es Lenze nach den harten Einschnitten der letzten Monate?

Lenze geht es gut, gleichwohl ist die Krise nur extrem schwierig zu bewältigen. Wir sind nach wie vor ordentlich finanziert. Wir haben dringend notwendige Maßnahmen zur Kostenentlastung durchgeführt, um unsere Liquidität zu sichern. Die Lage des Maschinenbaus ist aber sehr angespannt. Wir rechnen damit, dass wir auch im nächsten Jahr noch auf jetzigem Niveau verharren werden.

Gerade ihre Branche kam allerdings auch von einem extrem hohen Niveau …

Die Jahre 2004 bis 2008 waren große Wachstumsjahre, deshalb kommen wir international von einem hohen Niveau, und deshalb war der Absturz auch gravierend. Es ging ab November pro Monat zehn Prozent runter. Das war ja branchenweit so, das hatte nichts mit Lenze zu tun.

In einer Prognose gehen Sie davon aus, dass die Durststrecke bis 2013 andauern wird. Wird es erst dann wieder besser?

Wir haben versucht, sozusagen unseren eigenen Konjunkturverlauf zu prognostizieren. Wir sind jetzt auf einem niedrigen Niveau, und wir müssen wieder an Wachstum denken. Unser Unternehmen hat knapp 35 Prozent weniger Umsatz gemacht als in den besten Jahren, und das Ergebnis ist überproportional runtergegangen.

Können Sie genaue Zahlen nennen?

Unsere Bilanz-Pressekonferenz liegt noch vor uns. Wir können jetzt nur einen Richtwert nennen: Im Geschäftsjahr 2008/09 hatten wir einen Umsatzrückgang von 18 Prozent, das Ergebnis ist drastisch gesunken und liegt im einstelligen Minusbereich.

Gibt es für die Zukunft eine strategische Neuausrichtung von Lenze?

Es gibt keine grundsätzlich neue Strategie, wir bleiben ein Anbieter von Antriebs- und Steuerungstechnik. Diesen Weg werden wir weiter gehen, das ist ein Stück Zukunftssicherung für Lenze. Wir werden weiterhin 30 bis 35 Millionen Euro pro Jahr in Neuentwicklungen investieren. Was wir aber viel kritischer betrachten müssen, sind die Produkte, die keinen großen Ergebnisbeitrag leisten. Diese Motorentypen und Komponenten lassen wir auslaufen. Wir werden unsere Produktpalette verkleinern.

Sie konzentrieren sich also aufs Kerngeschäft – und setzen damit ihre Strategie fort, die vor Jahren mit Auslagerungen zum Beispiel von Intorq begonnen hat?

Wir haben in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Geschäften an Mitarbeiter verkauft. Letztendlich haben wir das gemacht, um unser Portfolio zu schärfen. Und das geht jetzt weiter. Zugleich werden wir alle unsere Produkte auf eine Plattform stellen, sodass wir dann einen einzigen technologischen Kern haben und nicht auf verschiedenen Plattformen entwickeln müssen. Auch das bedeutet eine Verschlankung.

Die Verschlankung hat vor allem auch Entlassungen zur Folge. Auf welchem Personalstand sind Sie derzeit angekommen?

Wir gehen von 1650 Mitarbeitern aus, die an den deutschen Standorten bleiben werden. Wir hatten am 30. April des letzten Jahres 3500 Mitarbeiter. Wir wollen bei 2600 insgesamt landen.

Das sind 900 weniger …

Das ist richtig. Und das wird auch unser Unternehmen verändern. Wir haben zum Glück kein wesentliches Know-how verloren. Wir müssen nun durch organisatorische Maßnahmen die Lücken schließen.

In der Branche wird Lenze als positives Beispiel dargestellt. Sie machen das vor, was alle machen müssten. Am schlimmsten wäre doch für Sie, dass nun der Aufschwung schnell kommt und Ihnen plötzlich wieder die Fachkräfte fehlen …

Lenze ist im Produktionsbereich hoch automatisiert, da ist das nicht ganz so schwierig. Wir müssen natürlich auch in der Zukunft sehen, wo wir die Arbeit hinlegen. Wir haben ja Produktionsstätten im In- und im Ausland und werden möglicherweise Werke in China, Polen oder Amerika mehr auslasten. In Amerika und China wachsen wir schon wieder leicht. Wir produzieren in Amerika seit Mai rund 30 Prozent mehr, wir verbreitern unsere Kundschaft, wir kommen in mehr Maschinen rein. In Amerika hat man aber auch eine andere Haltung bei den Mitarbeitern: Wenn keine Arbeit da ist, erwarten die, dass sie nach Hause geschickt werden, und wenn wieder Arbeit da ist, holt man sie wieder. Zwischendurch suchen sie sich andere Jobs zum Beispiel an der Tankstelle, weil sie dort Geld verdienen und Trinkgeld bekommen. Das ist eine völlig andere Mentalität zur Arbeit und zur sozialen Absicherung.

Aber Sie wollen die 900 Entlassenen doch nun nicht alle zur Tankstelle schicken …

Wenn wir zwei Jahre lang Mitarbeiter durch Kurzarbeit an Bord halten, fallen dadurch hohe Kosten für das Unternehmen an und es ergeben sich Effizienzverluste. Und noch etwas anderes: Wenn jemand zwei Jahre lang in Kurzarbeit ist und dann doch entlassen wird, lebt dieser Mitarbeiter zwei Jahre lang in der Hoffnung, dass es sich zum Positiven wendet. Wenn man entlassen wird, ist das schlimm genug. Wenn man in eine Transfergesellschaft gehen kann, ist es schon deutlich besser. Weil man einen neuen Vertrag hat, nicht arbeitslos ist und auf die Zukunft vorbereitet wird. Dadurch schöpft man Hoffnung.

Es dürfte schwierig sein, nach draußen zu vermitteln, dass man aus fürsorglichen Gedanken Mitarbeiter freisetzt …

Woraus denn sonst? Wirklich aus Fürsorglichkeit?

Aus Fürsorglichkeit für die Mitarbeiter. Ich finde, sowohl die Presse als auch alle im Umfeld machen einen riesigen Fehler. Es wird über 300 Mitarbeiter hier in Deutschland gesprochen, und nicht über 1600 Mitarbeiter, deren Arbeitsplätze verloren gehen können, wenn Lenze pleite geht. Was glauben Sie denn, wie es um die Maschinenbaufirmen bestellt ist, die seit Februar keinen einzigen Auftrag mehr bekommen haben und 18 Tage im Monat Kurzarbeit machen? Was glauben Sie denn, wie es den Unternehmen geht, die keinen Kredit bekommen? Und die Frage ist doch in dieser Situation gar nicht, ob ich 100 oder 200 oder 300 Mitarbeiter entlassen muss. Die Frage ist, wie viele kann ich halten, kann ich auf Dauer die Strategie fortsetzen, kann ich auf Dauer das Unternehmen sichern? Das ist in dieser Situation die Kernfrage, und alle konzentrieren sich unentwegt darauf, dass 100, 200 oder 300 entlassen werden. So bitter das auch klingt, und das sind natürlich extreme Probleme, die damit verbunden sind. Aber es geht in erster Linie darum, zu überleben und vielen anderen Mitarbeitern einen sicheren Arbeitsplatz zu geben. Es geht auch darum, diese Phase mit Anstand zu überwinden in einem Unternehmen, das eines der besten in dieser Region ist, das eines der besten in ganz Norddeutschland ist, das zu den 15 besten in ganz Deutschland zählt. Und gegen dieses Unternehmen wird unentwegt gehetzt.

Von wem?

Naja, auf den Marktplätzen hier. Und Sie schreiben auch so etwas in ihrer Presse. Wir verfolgen das ja: Es gibt Unternehmen, die immer hoch gelobt und in der Presse sind – und kurz darauf pleite sind.

Fühlen Sie sich als Lenze gegenüber anderen von der Öffentlichkeit schlecht behandelt?

Wir denken schon, dass man auch auf uns positive Blicke werfen kann. Wir standen nicht vor der Pleite. Wir sind ein gesundes Unternehmen, weil wir rechtzeitig Maßnahmen getroffen haben. Jeder, der etwas von Betriebswirtschaft versteht, der weiß, dass die Anteilseigner sehr viel Geld im Unternehmen lassen. Wir haben in den letzten Jahren rund 200 Millionen Euro investiert, in die Entwicklung, die Produktion und in die Vermarktung. Wir hatten zum 30. April eine Liquidität von 50 Millionen Euro einschließlich Krediten.

Wie lange geht das noch gut?

Wir sind in einer Phase, in der wir Monat für Monat zwischen einem und vier Millionen Euro Verluste fahren. Trotz Kurzarbeit, trotz Kostensenkungen und trotz Lohnverzicht. Auch unsere leitenden Angestellten verzichten übrigens auf Einkommen zwischen 10 und 30 Prozent. Wenn Sie Monat für Monat solche Verluste machen und 50 Millionen Euro haben, dann können Sie ausrechnen, wann es zu Ende ist.

Sie werden aber nicht nur rechnen und abwarten. Wie sieht ihre Prognose für die Zukunft aus?

Natürlich gilt ein knallhartes Sparprogramm. Wir müssen in diesem Jahr noch einen deutlichen Millionenbetrag sparen, und zwar durch Kurzarbeit für alle.

Wenn Wachstum kommt, profitieren dann vor allem die ausländischen Werke?

Soweit sie darauf eingerichtet sind, ja. Das, was jetzt hier passiert ist, initiiert ja nicht unbedingt dazu, hier weiter Arbeitsplätze auszubauen.

Ist das eine Drohung an die Arbeitnehmerschaft?

Nehmen Sie das so. Es ist aber auch schon immer Teil unserer Strategie gewesen, dass wir hier in Deutschland nur Erhaltungsinvestitionen betreiben, keine Ausbauinvestitionen.

Warum?

Weil der Standort Deutschland der teuerste ist und weil ich das Know-how für manche Produkte auch im Ausland bekomme. Mit den Kosten, die wir hier in Deutschland haben, ist internationaler Wettbewerb nur schwer durchzuhalten.

Wenn man diesen Gedanken zu Ende denkt, stünde irgendwann eine Schließung in Groß Berkel an. Gibt es ein Bekenntnis von Lenze für den hiesigen Standort?

Die Gefahr der Schließung gibt es nicht. Wir brauchen unsere deutschen Standorte, wir haben hier hervorragende Ingenieure. Und hier werden wir immer unseren Know-how-Standort behalten.



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