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Zu: „Behinderte werden oft ein Opfer von Vorurteilen“, vom 30. November

Laute Maschinenhalle nichts für Schwerhörige

1,4 Millionen behinderte Menschen, davon 840 000 schwerbehinderte, leben in Niedersachsen. Behinderte Menschen sind Mitbürger jedes Alters mit anerkanntem Grad der Behinderung (GdB) von 30 oder 40. Beispielhaft handelt es sich um Diabetiker, die Insulin spritzen und ihren Blutzucker messen müssen, oder Menschen mit stärkeren Wirbelsäulenbeschwerden.

veröffentlicht am 17.12.2019 um 17:23 Uhr

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Auch ein Zusammentreffen mehrerer Erkrankungen wie Herzschädigung bei Bluthochdruck plus Knie-Arthrose kann eine Behinderung begründen. Man sieht: Die behinderten Menschen haben oft alltägliche Leiden, welche weit verbreitet sind. Daher kommt es auch, dass eine sicher hohe Dunkelziffer von Menschen besteht, die zwar ebenso gesundheitlich eingeschränkt, aber nicht anerkannt behindert sind. Denn: Steuerpflichtig wird man von Amts wegen, behindert nur auf Antrag. Nur wer einen Antrag stellt, löst das amtliche Prüfverfahren zur Anerkennung einer Behinderung oder Schwerbehinderung aus.

Die Anerkennung einer Schwerbehinderung setzt einen GdB von mindestens 50 voraus. Während die meisten Krebserkrankungen für sich allein einen GdB zwischen 50 und 100 begründen, sind bei anderen Erkrankungen auch meist Kombinationen maßgeblich. So etwa Herzkranzgefäßleiden mit früherem Herzinfarkt plus Wirbelsäulenleiden plus mittelgradige Schwerhörigkeit und viele andere denkbare Kombinationen. Neben der GdB-Höhe als Zahlenwert sind von Bedeutung die zusätzlichen Nachteilsausgleiche wie Gehbehinderung, Notwendigkeit ständiger Begleitung, Hilflosigkeit, Blindheit, Gehörlosigkeit. Auch sie lösen bestimmte Unterstützungsmechanismen von Staat und Gesellschaft aus.

Bezogen auf das Arbeitsleben ist die Einstellung von schwerbehinderten Menschen in nahezu allen Berufen möglich, jeweils abhängig von der Art der Beeinträchtigung. So können seelisch-psychisch behinderte Menschen (zum Beispiel wegen Depressionen) oft nicht gut mit stressigem Publikumsverkehr umgehen, aber durchaus auch schwer körperlich arbeiten. Bei Menschen mit orthopädischen Leiden ist es vielleicht genau umgekehrt. Das Beispiel der Behindertenbeauftragten des Landes, Gehörlose in lauten Maschinenhallen einzusetzen, ist allerdings schlecht gewählt. Da die meisten Patienten mit dem Nachteilsausgleich „Gehörlos“ nicht gehörlos, sondern höchstgradig schwerhörig sind, wäre die Maschinenhalle genau der Ort, wo sie ihre Rest-Hörfähigkeit einbüßen würden. Auch die oft segensreiche Versorgung mit Cochlea-Implantaten erlaubt natürlich keinen Einsatz an solchen Arbeitsplätzen. Dass Blinde Tumore ertasten können, gehört eher in das Medizin-Verständnis des vorletzten Jahrhunderts.

Die Vermittlung gesundheits- und behinderungsgerechter Arbeitsplätze ist und bleibt eine Herausforderung an die Arbeitsverwaltung und die Arbeitgeber, unabhängig davon, ob eine Behinderung anerkannt oder noch nicht beantragt wurde. Die Betroffenen sollten abwägen, ob sie einen Antrag stellen, sind in der Regel aber gut beraten, es zu tun.



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