weather-image
22°
Vor Gericht: Vom Totschlag-Vorwurf bleibt unerlaubter Waffenbesitz

"Lasst die Frau endlich in Ruhe"

Bückeburg (ly). Eine Bückeburgerin türkischer Abstammung, die Ende Juli 2005 an der Bahnhofstraße ihren Mann erschossen hat, kann für die Bluttat nicht bestraft werden. Vereinfacht ausgedrückt: Einem psychiatrischen Gutachten zufolge hatte die Frau zum Zeitpunkt der Schüsse eine Art Aussetzer und war schuldunfähig - die Folge eines Ehe-Martyriums, wie es weiter heißt. Schuld ist im deutschen Rechtssystem aber die Voraussetzung für Strafe. Deshalb wurde das Hauptverfahren wegen Totschlags eingestellt.

veröffentlicht am 22.06.2007 um 00:00 Uhr

Übrig geblieben ist lediglich ein Strafbefehl über ein Jahr Freiheitsstrafe mit Bewährung. Darin wird der 37-Jährigen, die längst wieder auf freiem Fuß ist, unerlaubter Waffenbesitz vorgeworfen. Bereits im Jahr vor der Tat hatte sie eine halbautomatische Pistole des Typs "Luger" vom Kaliber 9Millimeter beiseite geschafft, die ihrem Mann gehört haben soll. Angeblich hatte die Frau ursprünglich vor, sich mit der Waffe vor den Augen des 41-Jährigen selbst zu erschießen. Dann kam alles anders. Als der Kurde seine von ihm getrennt lebende Frau an einem Sonntagvormittag holen wollte, soll es erneut einen heftigen Streit gegeben haben, diesmal mit tragischem Ausgang. Von mindestens sechs Schüssen berichtete die Polizei. Außerdem habe die hinter der Haustür liegende Leiche des Mannes eine Stichverletzung am Hals aufgewiesen. Beim Eintreffen der Beamten hatte die Frau ein blutverschmiertes Küchenmesser in der Hand, das sie nach Aufforderung aber sofort fallen ließ. Auf dem Boden lag die Pistole, das Magazin war leer. Mit dem Tod des Mannes muss die Frau weiterleben. Ihr Verhalten steuern und das Unrecht der Tat einsehen konnte sie damals nach Auffassung eines Sachverständigen jedoch nicht. Gegen den Strafbefehl wegen unerlaubten Waffenbesitzes, eine schriftliche Verurteilung ohne Auflagen, hat Verteidiger Dr. Dieter Wissgott Einspruch eingelegt. Ihm geht es um den Arbeitsplatz der Frau. "Eine Bestrafung könnte zum Anlass genommen werden, ihr zu kündigen", erklärte er in einem Prozess vor dem Amtsgericht. Ein Jahr mit Bewährung würde im polizeilichen Führungszeugnis auftauchen. Wissgott drängt deshalb auf eine Verwarnung mit Strafvorbehalt oder die Einstellung des Verfahrens. "Diese Sache gehört eingestellt", sagte der Verteidiger und fügte an die Adresse von Staatsanwalt Klaus-Jochen Schmidt hinzu: "Lasst die Frau doch endlich in Ruhe. Sie hat ein Martyrium hinter sich." Keine Chance. "Bei den drakonischen Strafen denkt sich der Gesetzgeber etwas", erwiderte Schmidt. Der Prozess wird fortgesetzt.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare