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Jörg See aus Holzminden in Afghanistan

Langfristige Arbeit für die junge Demokratie

Holzminden. „Es gibt viele Herausforderungen, die man bewältigen muss. Aber es ist immer gut zu wissen, wofür man es macht.“ Oberstleutnant Jörg See, Kommandeur des Panzerpionierbataillons 1 in Holzminden, wird in diesen Tagen an seinen Einsatz in Afghanistan erinnert. In den Zeitungen wird anlässlich des Nato-Gipfels und des Besuches von Bundeskanzlerin Angela Merkel am Hindukusch wieder über die bevorstehenden Präsidentschafts- und Provinzwahlen in Afghanistan berichtet. Dass diese Wahlen im August überhaupt möglich sind, daran hat Jörg See mitgearbeitet. Er hilft zusammen mit anderen Soldaten aus Nato-Ländern bei den Wahlvorbereitungen. Seine Aufgabe ist es, Afghanen den Eintrag in die Wählerlisten zu ermöglichen.

veröffentlicht am 08.04.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 13:21 Uhr

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Autor:

Frank Müntefering
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Im Sommer des vergangenen Jahres bricht See zum Auslandseinsatz nach Kabul auf. Zusammen mit 1300 Soldaten ist er in der Landeshauptstadt stationiert. Sein Arbeitsplatz befindet sich im afghanischen Hauptquartier der Nato. Mit 17 weiteren Offizieren hat er in der Planungsabteilung den Auftrag, die Registrierung der Wähler in ganz Afghanistan zu begleiten und die Planung der militärischen Absicherung durchzuführen. 2004 und 2005 haben die ersten demokratischen Wahlen in Afghanistan stattgefunden, damals ließen sich zehn Millionen Menschen in die Wählerlisten eintragen. Inzwischen sind viele Afghanen in ihr Heimatland zurückgekehrt. Außerdem müssen diejenigen, die ihren Wahlausweis verloren haben oder jetzt das Wahlalter von 17 Jahren erreicht haben, sich neu in die Liste eintragen lassen.

„Wir haben die Wahlen intensiv geplant“

„Wir haben intensiv mit den regionalen Kommandos von Isaf diese Vorbereitungen geplant“, erzählt See, der die vier Monate in Kabul als arbeitsreich und sehr intensiv in Erinnerung hat. Neben den regionalen Verantwortlichen der Nato-Streitkräfte muss See regelmäßig mit den Mitgliedern der afghanischen Wahlkommission, der Regierung und den örtlichen Machthabern sprechen und verhandeln. „Drei bis vier Mal in der Woche gibt es Termine in den Ministerien“, weiß der Oberstleutnant. Als einziger deutscher Offizier gehört See zum Vorbereitungsteam, seine Mitstreiter kommen unter anderem aus den USA, Großbritannien, Bulgarien, Schweden und den Niederlanden. „Die Sprachunterschiede sind kein Problem, es wird englisch gesprochen.“

Wo werden die „Registration Center“ aufgebaut, welche Sicherheitsfragen gibt es zu lösen, wann und wie müssen Isaf zusammen mit afghanischem Militär und örtlicher Polizei für die Durchführung sorgen, wann sollen die Registrierungen in den einzelnen Provinzen durchgeführt werden? „Das sind die Grundfragen, mit denen wir uns zu beschäftigen haben. Allerdings ist die örtliche Kenntnis ebenfalls wichtig. Denn es gibt Regionen im Hindukusch, in denen beispielsweise ab Oktober nichts mehr geht.“ Im Winter wäre dort eine Wählerregistrierung nicht möglich. Allein die geografischen Gegebenheiten durch hohe Gebirgsmassive und karge Wüstenlandschaften sorgen für Probleme. „Die Berge sind doppelt so hoch wie die Alpen, und in der Wüste ist es so platt wie auf Sylt“, erinnert sich See.

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Die Arbeit in Kabul hinterlässt bei Oberstleutnant See starke Eindrücke. „Das Miteinander innerhalb der Nato und den afghanischen Vertretern ist vom großen Respekt untereinander geprägt.“ Auch die Stadt ist unvergesslich für den deutschen Soldaten. Es herrscht in Kabul eine trockene Hitze bei 35 Grad. Die dünne Luft in 1800 Metern Höhe fordert ihren Tribut. „Die Stadt Kabul selbst ist ein Moloch.“ Natürlich spüre man auch in der Hauptstadt die Bedrohungslage. „Es ist eine Mischung aus objektiver und subjektiver Bedrohung, die man empfindet.“

Dass die Arbeit von Oberstleutnant Jörg See und seinen Kameraden erfolgreich ist, bekommen die Menschen in Badakhshan zu spüren. In der im äußersten Nordosten Afghanistans gelegenen Provinz, die flächenmäßig so groß ist wie Niedersachsen, gleichzeitig aber zum größten Teil aus zerklüftetem Hochgebirge besteht, ist die Erfassung der Wähler eine besondere Herausforderung. Vier Wochen lang kommen die Menschen zu den insgesamt 150 Registrierungsstellen und warten geduldig auf ihren Wahlausweis. Neben dem Passfoto ist ein Fingerabdruck entscheidend. Nur so ist in einem Land mit sehr hoher Analphabetenquote eine Fälschungssicherheit gegeben. Afghanische Armee und Polizei sorgen für Sicherheit. Unterstützt werden sie dabei von ISAF-Kräften.

See freut sich über die Registrierung

„Es ist gut zu sehen, dass die Registrierung durchgeführt werden kann und die Menschen die Chance nutzen“, freut sich Oberstleutnant See, der seit einigen Wochen wieder seinen Dienstposten in Holzminden übernommen hat. Während er hier das Bataillon führt und auf neue Herausforderungen vorbereitet, denkt er oft an die fordernde Zeit in Kabul zurück. Es ist gut zu wissen, dass man mit seiner Arbeit der jungen Demokratie in diesem Land vielleicht ein wenig helfen kann, bilanziert er seine Zeit in Zentralasien.

Oberstleutnant Jörg See (rechts) mit zwei Offizieren aus den USA und Rumänien in der Planungsabteilung in Kabul.

Ein Afghane zeigt seinen offiziellen Wahlausweis. Foto: Bundeswehr

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