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Was im Februar 2006 Gewässerfläche war, steht jetzt als "ausgetrockneter Flusslauf" zur Versteigerung

Landesregierung will Aue-Vorfluter versilbern

Achum. Das Land Niedersachsen bietetüber ein Rostocker Auktionshaus zwei Flächen im Bückeburger Ortsteil Achum zum Verkauf an. Das Angebot liest sich verlockend: 1843 Quadratmeter, Mindestgebot 400 Euro, vertragsfrei. Achums Ortsvorsteher, der mit den örtlichen Begebenheiten bestens vertraut ist, beurteilt die Offerte unterdessenvöllig anders. "Das grenzt an Betrug", sagt Gerhard Schöttelndreier. Den Modus Procedendi von Finanzministerium und Landesliegenschaftsfonds umweht in der Tat mehr als nur ein Hauch von Pikanterie.

veröffentlicht am 29.11.2006 um 00:00 Uhr

"Ausgetrockneter Flusslauf" oder gar ein "Kurpark"? Das Flurstüc

Autor:

Herbert Busch

Die Vorgehensweise kommt nach Schöttelndreiers Einschätzung einem "Stück aus dem Tollhaus" gleich. Bei den im Landesauftrag vom "größten Grundstücksauktionshaus in Norddeutschland" (Eigendarstellung), Norddeutsche Grundstücksauktionen AG (NGA), feil gehaltenen Arealen handelt es sich um die Flurstücke 14 und 81/31 der Gemarkung Achum. Das im Internet unter dem Adressennamen "ostsee-auktionen" erreichbare Haus lobt Flurstück 14 in seinem aktuellen Katalog als "genau neben der Aue befindliches Grundstück mit Bäumen und Sträuchern bewachsen, gelegen hinter einem kleinen Wohngebiet" aus. "81/31" wird als "ausgetrockneter Flusslauf" präsentiert - "umgeben von weiten Feldern und zwei bebauten Grundstücken daneben". Bei strikter Inaugenscheinnahme offenbart sich Flurstück 14 als ein relativ kleines, in unmittelbarer Nähe der Achumer Fußgänger-Auebrücke gelegenes Dreieck, dessen Erreichbarkeit ("ausgenommen landwirtschaftlicher Verkehr, Fahrräder und Handwagen") seitens ordnungsamtlicher Verfügung erhebliche Hürden entgegenstehen. Der Bewuchs, der in der Charakteristik der Rostocker einen Wald vermuten lässt, dezimiert sich bei genauem Hinsehen auf ein Holundergewächs. Und "81/31" ist keineswegs "ausgetrocknet" sondern einer der wichtigsten Achumer Entwässerungsgräben. "Den können sie ja zuschütten, falls sie ihn erworben haben", hat Schöttelndreier zu Beginn dieses Jahres aus Hannover erfahren. In einem auf den 24. Februar 2006 datierten Brief hatte das Finanzministerium das als "Gewässer III. Ordnung" beschriebene Grundstück drei Achumern zum Kauf angeboten. In der Nähe seien "entsprechende Gewässerflächen" vor einigen Jahren zum Preis von 1,53 Euro pro Quadratmeter verkauft worden - was eine derzeitige Summe von weit mehr als 2000 Euro nahe legte. Was den rabiaten Preisverfall begründet, wird in Achum ebenso heftig diskutiert wie die Mutation einer "Gewässerfläche" zum "ausgetrockneten Flusslauf". Schöttelndreier stößt darüber hinaus eine Reaktion der NGA unangenehm auf, der ein diskussionsbedürftiges Desinteresse der Versteigerer hinsichtlich objektiver Beschreibungen zugrunde zu liegen scheint. "Wer sich über die Obliegenheiten im Zusammenhang mit einem Grundstück nicht vorher erkundigt", habe er aus Rostock erfahren, handele grob fahrlässig und "ist selbst schuld". Die vermeintliche Schuld, wird in Achum befürchtet, wird der Ortschaft im Anschluss an einen Verkauf kaum weiterhelfen. "Wer kümmert sich in Zukunft um die ordnungsgemäße Räumung des Vorfluters?", lautet die wichtigste Frage. Diese Arbeiten sind bislang, aus Eigeninteresse und wegen der Untätigkeit des Landes, von den Anrainern des "ausgetrockneten Flussbettes" erledigt worden. Zudem stößt in Achum die fotografische Darstellung der Flurstücke im aktuellen NGA-Katalog auf. "Wer die Abbildung von 81/31 sieht, glaubt, dass er einen Kurpark kauft", tadelt Schöttelndreier die drastisch die Tatsachen umgehende Aufnahme, in der ein beliebig platzierter roter Pfeil jeglicher Realitätsnähe Hohn spricht. Außerdem warnt der Ortsvorsteher eventuelle Käufer vor den in Aussicht stehenden Vermessungskosten. Die könnten bei etwa zwanzig (nicht mehr vorhandenen) Grenzsteinen das Einstiegsangebot - NGA: Außerordentlich günstige Startpreise - um etliche tausend Euro übersteigen. Warnung von Gerhard Schöttelndreier: Im Vergleich zu den vom Hörensagen her schlitzohrigen und geschäftstüchtigen Ostfriesen, die angeblich leichtgläubigen Touristen bei Ebbe trocken gefallenen Sandstrand anzudrehen wissen, erweist sich das niedersächsische Finanzamt als noch wesentlich geschickter...

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