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Stadt hat nach der Eingemeindung von 1973 viel in die Ortsteile investiert / Halvestorf gilt als Liebling

Längst nicht jeder wollte Hamelner werden

Hameln. Interkommunale Zusammenarbeit wird in Zeiten des demografischen Wandels wichtiger denn je. Wenn Einwohnerzahlen sinken, verlieren viele Orte ihre Fähigkeit, eigenständig zu agieren – Schulen und Kindergärten stehen leer, und mit dem Verlust von Bedeutung geht zumeist auch ein Verlust an Finanzkraft einher. Nicht zuletzt deswegen, aber auch, um auf manchen Gebieten Synergieeffekte zu erzielen, planen Kommunen, sich zusammenzuschließen, etwa Bodenwerder und Polle.

veröffentlicht am 02.09.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 06.07.2010 um 16:00 Uhr

Längst nicht jeder wollte Hamelner werden

Autor:

Christa Koch

Hameln. Interkommunale Zusammenarbeit wird in Zeiten des demografischen Wandels wichtiger denn je. Wenn Einwohnerzahlen sinken, verlieren viele Orte ihre Fähigkeit, eigenständig zu agieren – Schulen und Kindergärten stehen leer, und mit dem Verlust von Bedeutung geht zumeist auch ein Verlust an Finanzkraft einher. Nicht zuletzt deswegen, aber auch, um auf manchen Gebieten Synergieeffekte zu erzielen, planen Kommunen, sich zusammenzuschließen, etwa Bodenwerder und Polle. Doch das Thema Fusion ist emotional stark besetzt. Das hat nicht zuletzt auch die Gebietsreform gezeigt, mit der am 1. Januar 1973 zwölf bis dahin selbstständige Umlandgemeinden der Stadt Hameln zugeschlagen wurden. Und nicht alle kamen gern.

„Verrohrsenung“ befürchtet

Groß war etwa der Protest in Klein Berkel, das sich lieber mit Groß Berkel zusammentun wollte. Mit Plakaten warnten die Bürger damals die Reformer vor einer „Verrohrsenung“, was sich auf Rohrsen bezog, das bereits in den 20er Jahren zu Hameln gekommen war. In Tündern, das sich mehr nach Emmerthal orientierte, gab es gar eine Bürgerbefragung, und auch Afferde als wichtiger Industriestandort und deshalb reicher Gemeinde regte sich Widerstand gegen die Pläne aus dem niedersächsischen Innenministerium. Selbst im Landkreis Hameln-Pyrmont gab es Gegner: So hatte etwa der damalige Oberkreisdirektor Günter Graumann einen ausgewählten Kreis von Bürgermeistern zu einem informellen Treffen mit Essen in die Gaststätte „Forellental“ eingeladen, um Stimmung zu machen gegen die Reform. Er befürchtete, dass Hameln dadurch zu groß und zu mächtig werden könnte. Erst später kam das heraus.

„Die Afferder waren ganz dezidiert gegen die Eingemeindung“, weiß Hannelore Fließ, die auch ein Buch mit dem Titel „Kennen Sie Afferde?“ verfasst hat. Man habe Sorge gehabt, Unabhängigkeit und Vermögen zu verlieren, weiß die Chronistin, die auch im Ortsrat gesessen hat. Afferde sei der Meinung gewesen, über sämtliche Einrichtungen der Daseinsfürsorge für seine knapp 4000 Einwohner zu verfügen. Heute sei die Stimmung zwar nicht mehr so negativ, aber vermutlich eher deshalb, weil man sich damit abgefunden habe, ein Ortsteil von Hameln zu sein. „Es blieb uns ja nichts anderes übrig. Das wurde in Hannover entschieden.“

Auch alte Tünderaner erinnern sich teilweise noch heute mit Unwillen an die Reform, mit der man in der Landeshauptstadt Grenzen verschob. „Wir wollten nach Emmer-thal“, weiß der frühere Ortsbürgermeister Hans-Hermann Weper. Immerhin durfte der verstorbene Werner Bruns, auch im Rat der Stadt Hameln vertreten, nach der Eingemeindung den Ortschafts- oder Umlandausschuss leiten. Und so konnte der „Löwe von Tündern“ noch einiges durchsetzen.

In Klein Berkel regierte übrigens noch weit nach der Gebietsreform die Sturheit in Person des langjährigen Ortsbürgermeisters Siebelt Eden. Der gebürtige Ostfriese hatte sogar fertige Pläne für ein eigenes Schwimmbad in der Schublade, das er der Stadt abtrotzen wollte.

In den übrigen Ortschaften war die Stimmung positiver. Groß und Klein Hilligsfeld etwa hatten kaum Einwände gegen die Eingemeindung, das Sünteltal hatte sich ohnehin für Hameln ausgesprochen. Massiver Protest regte sich in Haverbeck und vor allem in Halvestorf, allerdings nicht gegen Hameln. Die Halvestorfer wandten sich vielmehr dagegen, dass sie mit Hemeringen eine Einheits- oder Samtgemeinde bilden sollten. Der damalige Gemeinderat formulierte, ermutigt durch ein klares Votum der Halvestorfer Bürger, eine entsprechende Stellungnahme an den Innenminister und machte seinen Wunsch deutlich, künftig zu Hameln zu gehören. Rolf Bremeyer (68), der später Ortsvorsteher und dann viele Jahre Ortsbürgermeister werden sollte, erinnert sich dankbar: „Da hat der Hamelner SPD-Landtagsabgeordnete Heinz Hoffmann sogar gegen seine eigene Fraktion gestimmt, damit Halvestorf zu Hameln kommen kann.“

Und so geschah es bekanntlich auch: Mit Beginn des Jahres 1973 war Hameln dank der eingemeindeten zwölf Ortschaften um etliche Einwohner reicher. Aber damit kamen natürlich auch neue Verpflichtungen auf die Stadt zu: Kanalisation, Friedhofskapellen, Sporthallen, Straßen, KVG-Verkehr – alle neuen „Kinder“ sollten ein gleiches Niveau bekommen. Das hat Hameln zwar Geld gekostet, in den Orten aber auch für große Zufriedenheit gesorgt. Halvestorf etwa war stets dunkel gewesen: Zwei Tage vor Heiligabend ging den Bürgern dort ein Licht auf – die Straßenbeleuchtung war da. Und als die Stadt auf dem Halvestorfer Friedhof alte Grabsteine umkippen ließ, ohne die Einwohner rechtzeitig vorher davon zu unterrichten, kam Oberbürgermeister Dr. Walter-Dieter Kock höchstpersönlich, um sich zu entschuldigen. „Halvestorf ist unser liebstes Kind“, pflegte er stets zu sagen. Aufgrund der guten Erfahrungen verweigert sich der Ortsteil auch heute Neuerungen nicht. So wurden beispielsweise schon die Schulen Halvestorf und Haverbeck zusammengelegt, damit sie vorerst lebensfähig bleiben. Und die Einwohner hoffen jetzt, trotz des großen Baulandangebots in der Kernstadt, auf ein neues Baugebiet. Damit sie sich als Dorf weiterentwickeln und dem demografischen Wandel so etwas entgegensetzen können.



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