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Zwei Verletzte in Stadthagen / Hochspannungsleitungen reißen / A 2 gesperrt

"Kyrill" -der rasende Holzfäller

Überall im Landkreis hat der Orkan Bäume umgeknickt wie hier im Auetal (links) und neben der Stadthäger St.Martini-Kirche. Fotos: rnk/rg Landkreis (jl/fh/rnk). Stundenlanger Einsatz für Feuerwehren, Straßenmeistereien und kommunale Bauhöfe: Das Orkantief "Kyrill" hat von gestern Nachmittag bis in die Nacht im Landkreis heftig gewütet. Dabei haben die extrem schnellen und kräftigen Luftmassen vor allem vielen Bäumen den letzten Stoß gegeben und unzählige Dächer abgedeckt. Zwei Verletzte hat es bis zum frühen Abend in Stadthagen gegeben.

veröffentlicht am 19.01.2007 um 00:00 Uhr

Gerissene Hochspannungsleitungen fielen auf die B 83. Foto: fh

Die Opfer sind nach Angaben der Stadthäger Polizei zwei Radfahrer gewesen. Der erste, ein 41-jähriger Mann, wurde gegen 17.15 Uhr in der Nähe der Bahnunterführung an der Lauenhäger Straße von einem Ast eines umstürzenden Baum getroffen. Der Mann zog sich eine leichte Rückenverletzung zu. In denselben Baum fuhr fast zeitgleich ein Autofahrer der in Richtung Stadthagen unterwegs war. Der Fahrer blieb unverletzt. Etwa eine Dreiviertelstunde später kollidierte auf der Enzer Straße ein 20-jähriger Radfahrer mit einem umgestürzten Baum. Obwohl es laut Polizei auf den ersten Blick schlimm ausgesehen hatte, hieß die ärztliche Diagnose schließlich Gehirnerschütterung. Der Mann wurde ins Krankenhaus gebracht. Weil der Sturm Oberleitungen an einem Hochspannungsmast zwischen Luhden und Bad Eilsen abgerissen hat, saßen die Einwohner von Ahnsen, Buchholz und Bad Eilsen gestern abends im Dunkeln. Die Leitungen waren auf die Bundesstraße 83 gestürzt und schlugen dort Funken. Personen wurden aber nicht verletzt. Nach Polizeiangaben rissen gegen 17 Uhr drei Oberleitungen eines Hochspannungsmastes. Die dicken Kabelstränge fielen auf die B 83. Beim Bremsvorgang überrollte ein Pkw ein Kabel, dass sich in seinem Radkasten verhakte. Nach Augenzeugenberichten sprühten Funken. Ein ihm entgegenkommender Rettungswagen sicherte die Einsatzstelle ab. Für rund eine Stunde musste der Autofahrer in seinem Wagen auf das Eintreffen der Mitarbeiter des Stromversorgers warten. Die B 83 war in beiden Richtungen komplett gesperrt, was zu erheblichen Verkehrsbehinderungen führte. Nach rund einer Stunde hatten Eon-Mitarbeiter die Stromzufuhr für die abgerissenen Leitungen ausgeschaltet und die Kabel konnten von der Straße geräumt werden. Dafür gab es ein anderes Problem. Weil es auch im Auetal Probleme mit der Versorgungsleitung gab, saßen die Einwohner von Ahnsen, Bad Eilsen und Buchholz stundenlang im Dunkeln. Die Polizei in Bückeburg meldete für ihren Bereich bis 21 Uhr lediglich reihenweise umgeknickte Bäume Im Auetaler Ort Rehren hatte sich das Ehepaar Wiktor und Edith Leicht gerade mit ihren Kindern Patrick und Julia an den Abendtisch gesetzt, als der Orkan vorbeischaute: Ein Dachziegel flog durch die geschlossene Jalousie, durch das Küchenfenster, klatschte auf den Tisch und zersprang in mehrere große Teile, von denen eins wiederum ein großes Glas zerschmetterte. Dort hatte wenige Minuten zuvor noch der älteste Sohn Rafael gesessen. Das Glas wurde so heftig zerschmettert, dass die Splitter sich in die Wand bohrten und dort stecken blieben. "Hier hätte jemand tot sein können, wir haben richtig Glück gehabt", ist sich Rafael Leicht sicher. Glück haben gestern Abend auch die Autofahrer zwischen Rehren und Borstel auf dem "Auetal-Highway" gehabt, denn eine der großen Pappeln wurde vom Orkan niedergestreckt. Sie fiel in Richtung Rehren in den Graben. Wäre "Kyrill" ein paar Grad weiter östlich angerast gekommen, der Baum wäre auf die Landesstraße geschmettert. Die Feuerwehr Rehren ließ ihn im Graben liegen und schnitt die Krone eines anderen, die auf die Straße gestürzt war, in Kleinteile. Da die Autobahn in Richtung Dortmund zu diesem Zeitpunkt bereits umgeleitet wurde, staute sich hier ebenfalls der Verkehr. Zu einem Verkehrsunfall kam es in Bernsen, wo ein Autofahrer in einen niedergestürzten Baum fuhr. Niemand wurde verletzt. Große Probleme mit dem Wasser gab es in Rolfshagen und Borstel. Auf der Reihe in Rolfshagen floss wieder einmal das Wasser in Sturzbächen von den Äckern und wurde von der Feuerwehr - mittlerweile recht routiniert - weggefegt. Ortsbrandmeister Rüdiger Teich, mit 18 Mann im Einsatz, hatte zuvor seine Wehr geteilt. Ein Trupp war zwischen Ortsausgang und "Süßer Mutter" damit beschäftigt, herabgestürzte Bäume zu zerkleinern. Die Hochwasserdebatte dürften Borstel demnächst wieder aufleben: Gute 20 Zentimeter stand das Wasser auf der Hauptstraße. Zwischen Borstel und Poggenhagen war gesperrt: Zwei Pappeln hatten sich so stark niedergelegt, dass ihre Spitzen die Straße küssten. Die Feuerwehr beseitigte das Problem. Fast pünktlich gegen 16 Uhr liefen in der Rettungsleitstelle des Landkreises in Stadthagen die Telefone warm. "Kyrill" war gegen 16.30 Uhr in fast allen Ecken des Kreises am Wüten, vorwiegend immer noch als der große Holzfäller. Eine halbe Stunde nach der "Ankunft" des Orkantiefs liefen über die Leitstelle nach Angaben von deren Leiter Rolf Hartmann 14 Einsätze zeitgleich - und das "quer durch den Kreis". Um diese Zeit muss der Probsthäger Pastor Jan-Uwe Zapke einen großen Schreck bekommen haben, weil unmittelbar neben dem Pfarrhaus eine 100 Jahre alte, mächtige Buche in die Bornau gekracht ist. Schon zu diesem Zeitpunkt waren die Mitarbeiter der Straßenmeistereien und kommunalen Bauhöfe wegen der Schadenshäufung in einigen Bereichen des Kreises an ihre Grenzen gestoßen. "Den Bauhof Rinteln kann ich nicht mehr einschalten", merkte Hartmann dazu an. Deswegen mussten die Feuerwehren verstärkt ran. Die Einsatzkräfte mussten größtenteils unter den unwirtlichsten Bedingungen arbeiten: Sturm, starker Regen und zeitweilig Gewitter. Gegen 17 Uhr haben "Kyrill" und das von ihm entfachte Gewitter eine härtere Gang art eingelegt. Da standen große Teile Stadthagens plötzlich im Dunkeln. Als Ursache haben die Stromversorger der Polizei "mehrere durchgebrannte Transformatoren" genannt. Rund um den Marktplatz konnte nur noch in Gebäuden mit Notstromaggregaten halbwegs regulär gearbeitet werden. In vielen Geschäften und Kneipen wurde improvisiert. So empfing etwa das Team des Feinkosthauses Tietz Kunden mit Kerzen. Nach etwa einer Stunde war der Spuk vorbei, Stadthagen stand wieder unter Strom. Zu diesem Zeitpunkt ging bei Hartmann und dessen Kollegen in der Leitstelle nach deren Worten "die Welt unter". Detaillierte Auskünfte über die Einsatzlage waren nicht mehr möglich, weil "Kyrill" überall im Landkreis Bäume umknickte und Dächer abdeckte. Der Orkan schlug vielerorts zu. So musste am frühen Abend die A 2 bei Bad Eilsen voll gesperrt werden. Die zeitlichen Prognosen der Wetterdienste hat "Kyrill" ziemlich genau eingehalten. Demnach sollte sich das Zentrum des Orkans in Schaumburg von 16 bis 23 Uhr erstrecken. Deswegen hat es gestern nach Angaben der Ersten Kreisrätin Eva Burdorf keinen von oben verordneten frühzeitigen Schulschluss gegeben. Die Schulen mussten selbst entscheiden. Allerdings sollte es nach dem Willen des Kreises keine Nachmittagsangebote geben, weil deren Ende mit dem Eintreffen von "Kyrill" zusammenfallen würde.

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