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Sonderregelung ermöglicht ausgelernte Auszubildende in die Kurzarbeit zu übernehmen

Kurzarbeit ist während der Ausbildung tabu

Hameln (tk). Die Wirtschaftskrise trifft immer mehr Unternehmen. Und zwingt auch heimische Firmen wie Lenze, Volvo, die Aerzener Maschinenfabrik (AM), Marc Shoes oder den Elektronikhersteller Phoenix Contact zur Kurzarbeit. Im Gebiet der IG Metall Alfeld-Hameln-Hildesheim sind derzeit 7000 Menschen von Kurzarbeit betroffen. Im Agenturbezirk Hameln stellten im Mai 64 Betriebe für 3600 Beschäftigte Neuanträge auf Kurzarbeit.

veröffentlicht am 25.06.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

In der Öffentlichkeit weitgehend unbeleuchtet ist jedoch die Situation von Auszubildenden in Betrieben mit Kurzarbeit. Junge Schulabsolventen, die in eine betriebliche Ausbildung starten, fragen sich, wie sich die Kurzarbeit auf ihre Ausbildung auswirkt.

Ihnen antwortet Christiane Rasokat, Sprecherin der Agentur für Arbeit in Hameln: „Betriebe gehen eine Ausbildungsverpflichtung ein und müssen in Vollzeit ausbilden, damit alle prüfungsrelevanten Inhalte vermittelt werden“. Das Berufsbildungsgesetz (BBiG) erlaubt keine Kurzarbeit für Azubis. „Sollte sie angeordnet werden, ist der Ausbildungsbetrieb verpflichtet, alle Mittel auszuschöpfen, um die Ausbildung zu gewährleisten“, erklärt Gewerkschaftssekretär Mathias Neumann von der IG Metall Alfeld-Hameln-Hildesheim.

„Ausbildungsbereitschaft ist moderat“

Denkbar ist eine Umstellung des Lehrplans durch Vorziehen anderer Lehrinhalte, Versetzung des Auszubildenden in eine andere Abteilung, Rückversetzung des Auszubildenden in die Lehrwerkstatt oder Durchführung besonderer Ausbildungsveranstaltungen, heißt es in der vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag herausgegebenen Zeitschrift „position“. Problematisch werde die Situation erst dann, wenn die Betriebe diese Möglichkeiten nicht wahrnehmen können. Erst wenn alle Möglichkeiten für eine möglichst vollständige Fortführung der Ausbildung ausgelotet sind, kann Kurzarbeit auch für Auszubildende infrage kommen.

Ein derartiger Fall ist Rasokat und Neumann im Landkreis Hameln-Pyrmont nicht bekannt. Nur der Fertigungsbetrieb SBV in Groß Berkel verfahre so – dass sei aber „eine absolute Ausnahme“, bestätigt Neumann. Ansonsten schätzt Berufsexpertin Rasokat die Lage auf dem regionalen Ausbildungsmarkt im Vergleich zum bundesdeutschen Durchschnitt als „moderat“ ein, und lobt die Ausbildungsbereitschaft vieler Unternehmen vor Ort: „Nach unserer Wahrnehmung bilden Betriebe mit Kurzarbeit weiterhin regelmäßig aus“. Exemplarisch agiert Lenze. Das Unternehmen hat derzeit rund 70 Auszubildende. „Ihre Ausbilddung ist nicht von der Kurzarbeit betroffen, sondern läuft ganz normal weiter“, bestätigt das Unternehmen. Bisher wurden bei Lenze die Auszubildenden in der Regel übernommen, auch das soll so bleiben. Als regional verwurzeltes Unternehmen sieht die Betriebsleitung es als soziale Verantwortung an, „jungen Menschen eine gute Ausbildung als Start in ihr Berufsleben zu bieten“.

Seit Oktober des vergangenen Jahres wurden der Arbeitsagentur Hameln bis Ende Mai 2097 offene Ausbildungsstellen zur Besetzung gemeldet, 53 oder 2,5 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Bundesweit betrug der Rückgang Ende Mai 7,7 Prozent.

Jugendarbeitslosigkeit steigt weiter an

Eine andere Situation gestaltet sich für Auszubildende, die nach der Lehre auf eine Übernahme hoffen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) forderte bereits im April, „Auszubildende nach ihrem Abschluss zu übernehmen, notfalls auch in die betriebliche Kurzarbeit“ – damit die Jugendlichen nicht die ersten Opfer der Krise würden. Beim DGB registriert man mit Sorge einen Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit, die deutlich über dem Vorjahresniveau liegt. Im März diesen Jahres gab es bereits 9,3 Prozent mehr jugendliche Arbeitslose unter 25 Jahren als im Vorjahresmonat. 1859 arbeitslose junge Menschen verzeichnete der Agenturbezirk Hameln Ende Mai; 110 oder 6,3 Prozent mehr als im Mai des Vorjahres. Junge Erwachsene sind mit 9,1 Prozent knapp überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit betroffen.

„Die Übernahme von Auszubildenden sieht dieses Jahr kritisch aus“, meint auch Christiane Rasokat. Während in den letzten Jahren flächendeckend Lehrlinge übernommen wurden, sei dies momentan stark rückläufig. Verantwortlich macht sie die prekäre Auftragslage vieler Branchen. „Wo Aufträge einbrechen, werden auch keine neuen Stellen besetzt.“ Besonders Jüngere hätten derzeit unter Arbeitslosigkeit und Kündigungen zu leiden, weil Zeitarbeitsverträge nicht verlängert würden, sie keine Kinder haben und erst kurze Zeit dem Betrieb angehören und somit bei der Sozialauswahl der Betriebe durchfielen.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken hat die Agentur für Arbeit eine Sonderregelung zur Kurzarbeit erwirkt. In dieser heißt es, dass ausgelernte Auszubildende ohne weitere Auflagen von kurzarbeitenden Unternehmen in ein Beschäftigungsverhältnis eingestellt beziehungsweise übernommen werden können – notfalls auch direkt in Kurzarbeit. Die arbeitsrechtliche Sonderregelung stellt sicher, dass Neueinstellungen möglich sind, wenn es sich um dringend benötigte Fachkräfte handelt, die aus den Reihen der Belegschaft nicht gewonnen werden können oder wenn vertragliche Bindungen vorliegen, die vor der Zeit der Kurzarbeit eingegangen wurden.

„Dies war vorher nicht möglich“, erklärt Rasokat, „da man nicht einerseits Kurzarbeitergeld zahlen, andererseits aber frank und frei Leute einstellen kann“. Diese Regelung sei ein Angebot an die Arbeitgeber. „Denn Beschäftigung nach der Ausbildung ist ein gesellschaftlicher Wert, und verlange Flexibilität. Gewerkschafter Neumann spricht angesichts der Sonderregelung von einem starken Impuls in die Wirtschaft: „Mir sind fertig ausgebildete Jugendliche in Kurzarbeit tausendmal lieber, als wenn sie auf der Straße stehen.“

In den meisten regionalen Unternehmen bleibt die Ausbildung von Kurzarbeit ausgeschlossen. Um eine gute Ausbildung zu erhalten, werden sie in Vollzeit angelernt.

Fotos: Bilderbox



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