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Aus der Sicht einer Zugezogenen / Gleichermaßen fürsorgliches wie neugieriges Miteinander

Kunterbunt und familiär: Leben auf dem Dorf

Brünnighausen. Mäuserich Bernhard war gefangen, gerettet, gut aufgehoben – in der mit dem Küchenhandtuch gut verstopften Tonvase vom Wohnzimmertisch: Die Nachbarin von rechts stand strahlend vor der Tür. Die aus dem Unterdorf meldete zeitgleich per Telefon, dass die Bernhardinerschwestern mal wieder über das Feld im Angalopp auf ihr Grundstück gelaufen sind, während der zweijährige Sohn der Dorfnewcomer aus der Landeshauptstadt schon bei der ersten Entdeckertour durch die neue dörfliche Freiheit weder inkognito und erst recht nicht ohne mitverantwortliche Beobachtung am Bäckerladen vorbeistapfte.

veröffentlicht am 14.10.2009 um 15:27 Uhr
aktualisiert am 06.07.2010 um 15:43 Uhr

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Autor:

Ingrid Stenzel

Das Landleben hat viele Facetten – mancherorts ist der Blick allerdings nicht mehr wie einst.

Brünnighausen. Mäuserich Bernhard war gefangen, gerettet, gut aufgehoben – in der mit dem Küchenhandtuch gut verstopften Tonvase vom Wohnzimmertisch: Die Nachbarin von rechts stand strahlend vor der Tür. Die aus dem Unterdorf meldete zeitgleich per Telefon, dass die Bernhardinerschwestern mal wieder über das Feld im Angalopp auf ihr Grundstück gelaufen sind, während der zweijährige Sohn der Dorfnewcomer aus der Landeshauptstadt schon bei der ersten Entdeckertour durch die neue dörfliche Freiheit weder inkognito und erst recht nicht ohne mitverantwortliche Beobachtung am Bäckerladen vorbeistapfte. Erste Zuzüglerlektion: Nichts geht verloren, wird übersehen, bleibt unbeobachtet oder verborgen im gleichermaßen fürsorglichen wie neugierigen Miteinander der Dorffamilie. Bernhard, der tags zuvor im Sandkasten vergessene Wüstenrennmäuserich, war Spielzeug der achtschwänzigen Katzenmeute von jenseits des Zaunes geworden, bis die Nachbarin als Schiedsrichter eingriff. Das Alarmsystem um den bergab donnernden Hundesturm funktionierte ohne Absprache. Um den Sohn brauchten wir uns keine Sorgen zu machen. Denn Wohnen im Dorf heißt füreinander da sein – auch wenn bisweilen hinter oder auch vor dem Rücken die Fetzen fliegen –, heißt stressfreies Entdeckerparadies für junge Familien mit Auto, die Autofahren lieben und nichts gegen Vielfahrerei haben. Ist größere, kleinere oder auch keine Not an Mann, Frau, Kind, gern auch Tier, in der Dorffamilie, egal, wie lange du dazu gehörst, wird mithilfe eines stets topaktuellen Informationsnetzes zusammengehalten.

Freibier des Zuzüglers zum Einstand beim Osterfeuer ist gern gesehen und Eintrittskarte, zumindest mit einem Bein, auf Lebenszeit in die Dorfgesellschaft – mit Feiern und Gezapftem ohne Ende, Schlachtefest am dampfenden Wurstkessel in der Waschküche, gemeinsamen Weihnachtsfeiern vom Säugling bis zum Greis, regelmäßigen Rehbegegnungen beim morgendlichen Hundespaziergang im Wald vor der Haustür, zum Geburtstag das Haus voller Gäste – wenn man mag…

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Man muss nicht, man kann die Tür auch schließen und Schluss. Denn sie ist tolerant, die Dorfgemeinschaft und Konzentrat der gesamten Palette gesellschaftlicher Schrullen oder Normalitäten – halt nicht im Bigpack, sondern in Unikaten. Und da findet jeder Platz und Akzeptanz.

So war es damals von Beginn an, als wir aus Hannover nach Brünnighausen zogen: Freundschaftliches Winken uns damals völlig fremder Dörfler vom Fußweg auf der Fahrt durchs Dorf, beherztes Zupacken in unglaublichem Engagement für die Gemeinschaft beim gemeinsamen Bau einer Mehrzweckhalle für alle, Demo einer ganzen Grundschule mit Mutter und Kind gegen Lehrermangel in Hannover, während die Stadtkinder in der Schulbank noch über Stunden brav auf die Lehrerin warteten…

Menschliche Nähe, Begeisterungsfähigkeit und ehrenamtliche Arbeit waren aus der Stadt in diesem Ausmaß fremd, irritierten aber nur kurzfristig. Kleinheit, so die Erfahrung, bedeutet auch Stärke durch Nähe, hinterm Berg ist nicht gleich hinterm Mond; ist Leben, wo Kinder noch sehen, dass Kühe nicht lila sind, Käfer in Rückenlage Hilfe gebrauchen können und der Kaufmann im Tante-Emma-Laden besser weiß als ich selbst, welche Brötchen auf meinen Frühstückstisch gehören.

Und fast so ist es heute, 20 Jahre später, mit anderen als Bernhards Sandkastenproblemen und auch weniger Winkern vom Straßenrand, weil mehr mit dem Auto gefahren wird.

Das Miteinander der Menschen, da wo der Fuchs dem Hasen das Nachtlied singt, statt ihm an die Gurgel zu gehen, ist auch heute noch ein anderes als im Trubel der städtischen Geschäftigkeit oder der Anonymität der randlichen Schlafstadtrückzugsgebiete.

Auch „Landeier“ sind heute weltoffen

Die Dorffamilie lebt und hat Herz. Der Dörfler ist schon am Ortseingangsschild zu Hause, nicht erst an der Wohnungstür – eine übersichtliche Nähe, die nicht jedermanns Sache und erst recht nicht in jeder Lebensphase wirklich willkommen ist.

„Landeier“, egal ob frisch oder abgelagert, sind, wenn sie mögen, längst durch das Internet tagtäglich im Zentrum der Welt und ihrer Me-

tropolen, genießen dennoch zeitgleich die wellig grüne und waldige Ruhe, den weiten Blick über die Weite des Weserberglandes, seiner Naturschönheiten und Kulturbeschaulichkeiten.

Mit den Wasserdampfsäulen der Grohnder Kühltürme am Horizont habe ich mich im Laufe der Jahre arrangiert. Die nahe Windkraftanlage links dagegen – kurz vor ihrer vielfachen Vergesellschaftung in absehbarer Zukunft, der Bau einer Megamastanlage für flaumige Hähnchenküken, die nie auf dem Mist krähen oder scharren werden, in der Mitte meines Blickfeldes und der Schweinemaststall zur Rechten machen jedoch zunehmend nachdenklich: Ob die Familie bei gleichem Panorama damals wohl auch nach Brünnighausen gezogen wäre?

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