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Belgien-Vortrag des Kunsthistorikers Jan Hoet im Stift / Ab 2007 ist Frankreich an der Reihe

"Künstler in einem Land ohne Identität"

Obernkirchen (sig). Er ist ein Hochkaräter - dieser in Herford lebende Belgier Jan Hoet. Die Auszeichnungen und Ehrentitel des 70-jährigen Kunsthistorikers füllen eine A 4-Seite. Um so mehr ist es ihm anzurechnen, dass er recht kurzfristig anstelle einer ausgefallenen Referentin nach Obernkirchen kam, um im Festsaal des Stiftes den letzten Vortrag des "Treff im Stift" in diesem Jahr zu halten. Damit wurde das Kapitel "Belgien" abgeschlossen. In den beiden kommenden Jahren ist Frankreich an der Reihe. Der weltweit bekannte Wissenschaftler hatte in Brüssel Kunstgeschichte und Archäologie studiert, wurde später Professor, Direktor eines Museums für moderne Kunst in Gent und leitet seit 2001 das "MARTA" in Herford, ein Museum für Kunst und Design.

veröffentlicht am 11.11.2006 um 00:00 Uhr

Jan Hoet. Foto: sig

1992 war er künstlerischer Leiter der "Documenta" in Kassel, einige Jahre später Generaldirektor der japanischen Ausstellung anlässlich des 50. Jahrestages, der an den Abwurf der Atombomben in Hiroshima und Nagasaki erinnerte. Es gab noch viele Ausstellungen in allen Teilen der Welt, bei denen Jan Hoet als Kurator mitwirkte. Zu seinen zahlreichen Funktionen gehört die des künstlerischen Beraters des belgischen Königshauses. Das Museum in Herford, das Jan Hoet seit einigen Jahren leitet, wird als ein Ort bezeichnet, an dem Kunst und Leben in ein neues Verhältnis gesetzt und komplexe Fragen über die heutige Gesellschaft formuliert werden. Der Belgier ist ein in vielerlei Hinsicht ungewöhnlicher Mann, der Kunst lebt. Ungewöhnlich war auch das Thema, das er sich für seinen Vortrag in Obernkirchen gestellt hatte. Er formulierte es so: "Die Individualität der belgischen Künstler in einem Land ohne Identität." Eine gewisse Unsicherheit über die Zielrichtung war bei den Zuhörern zu erkennen. Belgien, ein Land ohneIdentität - das klang abwertend. So dachten sich offenbar nicht wenige im Auditorium, und eine Zuhörerin meinte sogar, das mit der fehlenden Identität empfinde sie nicht als zutreffend. Jan Hoet lieferte seine Begründung für diese Behauptung nach. Das seit 1830 selbstständige Belgien sei ein Zufallsprodukt, erklärte er. Vorher sei das Land von Spanien,Österreich, Frankreich und Holland besetzt gewesen. Es bestehe aus mehreren Regionen und verschiedenen Sprachräumen. Jan Hoet istüberzeugt davon, dass allein das belgische Königshaus die Klammer sei, die diesen Staat zusammenhalte. Die Denkweise der Belgier skizzierte er so: Jeder sorgt für sich selber, und man will so wenig wie möglich für den Staat tun, auch in finanzieller Hinsicht. Die Künstler seien dabei die größten Individualisten und ständen nicht wie einst Michelangelo in der Mitte der Gesellschaft. Sie würden zwar die Impulse aus der Gesellschaft aufnehmen, oft aber mit ein bis zwei Beinen außerhalb von ihr stehen. Beispielsweise wären sie Gegner der Industrialisierung gewesen. Den Jugendstil bewertete Jan Hoet als Gegenreaktion auf die zunehmende Technisierung. Die belgische Kunst sei, so der namhafte Experte, eine Synthese von verschiedenen Bewegungen und Stilen im Spannungsfeld zwischen Wissen und Fühlen. Seit der Weltausstellung in Brüssel im Jahre 1958 sei die zeitgenössische Kunst in Belgien auf dem Vormarsch. Jan Hoet zeigte anschließend eine Auswahl von Dias als Beispiele moderner belgischer Kunst, auch politisch orientierter, unter anderem von den Malern Luc Tuymans, René Magritte und Thierry Decordier, der auch als Bildhauer bekannt wurde. Der experimentierfreudige Künstler Jan Fabre kam sogar auf die ungewöhnliche Idee, die Säulen im Eingangsbereich einer Universität mit Schinken zu dekorieren. Ein Manuskript brauchte Jan Hoet nicht, doch zuhören können hätte man ihm noch stundenlang. Gibt es eine bessere Anerkennung?

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