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Vor dem Bau der Südumgehung müssen die Eigentumsverhältnisse neu gemischt werden

Kröten schlucken oder Goldstücke gewinnen?

Hameln. Karl-Ludwig Schulz hat gut reden. Wenn er über Neuordnung spricht, zeigt er ja erst einmal nur auf die Powerpoint-Präsentation, die hinter ihm auf der Leinwand leuchtet. Vor ihm aber sitzen rund 30 Männer, um deren greifbaren Grund und Boden es geht, und die heute nicht wissen, welche Ländereien in Zukunft noch ihre sind, welche „Goldstücke“ sie aufgeben werden und welche „Kröten“ sie schlucken müssen, wie Schulz es sagt. Offiziell heißt es „Unternehmensflurbereinigung“, was etwa 100 Eigentümern bevorsteht. Das Wort „Enteignung“ will niemand in den Mund nehmen, aber letztlich ist es das, zumindest kurzzeitig –

veröffentlicht am 27.10.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

Kröten schlucken oder Goldstücke gewinnen?

-.Von Birte Wulff

Hameln. Karl-Ludwig Schulz hat gut reden. Wenn er über Neuordnung spricht, zeigt er ja erst einmal nur auf die Powerpoint-Präsentation, die hinter ihm auf der Leinwand leuchtet. Vor ihm aber sitzen rund 30 Männer, um deren greifbaren Grund und Boden es geht, und die heute nicht wissen, welche Ländereien in Zukunft noch ihre sind, welche „Goldstücke“ sie aufgeben werden und welche „Kröten“ sie schlucken müssen, wie Schulz es sagt. Offiziell heißt es „Unternehmensflurbereinigung“, was etwa 100 Eigentümern bevorsteht. Das Wort „Enteignung“ will niemand in den Mund nehmen, aber letztlich ist es das, zumindest kurzzeitig – auch, wenn die Neuordnung der Flächen südlich von Hameln zu ihren Gunsten sein soll. Dennoch: Wenn aufgrund der geplanten Südumgehung an bestehenden Grenzen von 1856 gerüttelt wird, macht sich erst einmal Skepsis breit.

„Vielen ist noch gar nicht bewusst“, was passiert, beschreibt Landwirt Friedrich-Wilhelm Börner die Stimmung unter den Eigentümern. Zum ersten Mal sitzen sie alle zusammen, aus Rohrsen, aus Groß und aus Klein Hilligsfeld, aus Hameln und hören sich im Gasthaus Schrader gemeinsam die Ergebnisse aus vier Arbeitskreissitzungen an. Alles, was dort hinter Schulz schwarzgestrichelt umrandet ist, soll verfügbare Masse sein, soll hin- und hergetauscht werden können, um die zu entschädigen, die Land für den Bau der Südumgehung hergeben müssen. Rund 70 Hektar werden zwischen Rohrsen und Hameln „verschluckt“, so Schulz von der GLL, der Behörde, die so wenig eingängig „Behörde für Geoinformation, Landentwicklung und Liegenschaften“ heißt.

Das Land, das den Eigentümern dadurch verloren geht, sollen sie an anderer Stelle ersetzt bekommen. In der Fläche eins zu eins, in der Qualität des Bodens und der Lage aber ist das nicht immer machbar. So solidarisch wie möglich soll es dabei zugehen, damit nicht einzelne Betriebe in ihrer Existenz gefährdet werden. Kann kein Grundstück zur Verfügung gestellt werden, zahlt der Unternehmensträger, in diesem Fall der Bund, eine Entschädigung.

Neue Wege entstehen in der Feldmark, alte, auf denen sich Spaziergänger gerade dreckige Füße holen, werden verbessert, hier werden Felder zu größeren Einheiten zusammengelegt, dort werden sie getrennt. „Manchmal geht das konfliktfrei“, sagt Schulz und spricht von „Chance“, denn so günstig könne man nie wieder zu Strukturverbesserungen kommen: „Alle Maßnahmen, die aus der Ortsumgehung resultieren, bezahlt die Straßenbauverwaltung. Maßnahmen, die darüber hinausgehen, werden aus der Gemeinschaftsaufgabe mit etwa 70 Prozent bezuschusst, die verbleibenden 30 Prozent müssen in irgendeiner Form noch aufgebracht werden. „Im Regelfall wird man sich einig“, versucht Schulz, Optimismus zu verbreiten und Mut zu machen. Wer die 30 Prozent bezahlt, muss geklärt werden. Gibt es zu den vorgestellten Planungen und zu den getroffenen Absprachen keine weiteren Ergänzungswünsche, „so würde der zu leistende Beitrag nach heutigem Stand etwa bei 60 000 Euro liegen – auf alle landwirtschaftlichen Flächen des bislang ausgewählten Gebietes (1000 Hektar) umgelegt, müsste jeder Eigentümer einmalig 60 Euro zahlen“, rechnet Schulz vor. Die Zuhörer greifen zum Stift, die Summe landet im Block.

Unmut allerdings kommt bei die Begründung auf, warum die Domäne Hagenohsen nicht bereit sei, ihr Land mit zur Verfügung zu stellen. Die Flächen würden benötigt, um mit deren Ertrag die daraufstehenden Wirtschaftsgebäude zu unterhalten. „Das müssen wir doch auch!“, hallt es Schulz entgegen. Die Männer wundern sich über die vermeintliche Ungleichbehandlung. Man werde nochmal mit der Domäne sprechen, beschwichtigt Schulz. Doch alles, was mit der Domäne zu tun habe, sei auch eine politische Entscheidung, sagt er gegenüber der Dewezet. Als Kulturgut habe sie einen anderen Stellenwert.

Fragen und Wünsche wie jene nach einer Bedarfsampel am Friedhof nimmt die GLL auf ebenso wie Uta Weiner-Kohl von der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr. Auch diese Maßnahme könnte im Rahmen der Neuordnung abgedeckt werden. Sie stellt klar, dass es in Groß Hilligsfeld keine dritte Ampel geben wird, die den Landwirten ein sicheres Queren an allen drei derzeit möglichen Überwegen an der Bundesstraße 217 ermöglicht. Zwei seien genug; trotzdem wolle sie das Anliegen noch einmal prüfen. Die Eigentümer können mitreden, die Informationspolitik sei bislang gut, bestätigt Friedrich-Wilhelm Börner, und Schulz gebe sich alle Mühe, die Vorteile der bevorstehenden Änderungen an den Mann zu bringen, zum Beispiel Betriebskosten senken, indem Flächen zusammengelegt werden.

Größtes Problem derzeit: „Es fehlen noch etliche Hektar“, die den abgebenden Eigentümern als Ersatz angeboten werden können, so Schulz. Zwar habe die Stadt signalisiert, dass sie Grundstücke für das Straßenbauvorhaben als Austauschland zur Verfügung stellen wird, aber das reiche noch nicht. „Halten Sie Augen und Ohren offen“ appelliert Schulz an die Zuhörer. Vielleicht kenne ja jemand jemanden, der schon länger sein Grundstück verkaufen wolle – das müsse auch nicht im sogenannten Suchgebiet liegen.

Richtig ernst wird es in einem Jahr. „Dann gibt’s kein Entkommen mehr“, sagt Börner über den bedrohlich klingenden Paragraf-5-Termin. Dann wird festgezurrt, welche Goldstücke ein Eigentümer abgeben muss und welcher Kröten er sich entledigen kann. Oder umgekehrt. Bis dahin stehen noch viele Gespräche an.

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