weather-image

1918 eröffnete die Kriegswirtschafts-AG ein Lager für demontierte Güter – die Geburtsstunde des Industriegebiets Süd

Kriegsbeute am Hamelner Hafen

Aus einem Sammellager für Beutegut, das 1918 am Hamelner Hafen entstand, entwickelte sich später das wichtigste Industriegebiet der Stadt.

Von Wilfried Altkrüger und Bernhard Gelderblom

veröffentlicht am 08.08.2014 um 10:48 Uhr

Hafen

Aus einem Sammellager für Beutegut, das 1918 am Hamelner Hafen entstand, entwickelte sich später das wichtigste Industriegebiet der Stadt.

Von Wilfried Altkrüger und Bernhard Gelderblom

Über die Entwicklung der Hamelner Industrie während des Krieges liegen nur spärliche Informationen vor. Nachdem die Vergrößerung der Garnison von 1500 auf 5000 Mann und der Bau des riesigen Kriegsgefangenenlagers zunächst befruchtend gewirkt hatten, dürfte die weitere Entwicklung ähnlich verlaufen sein wie im Reich. Zahlreiche Unternehmen stellten sich auf die Erzeugung von Waffen und Munition um. In den Betrieben, die weiter Konsumgüter herstellten, sank die Produktion und herrschten Rohstoff- und Arbeitskräftemangel. Alles, was nicht der Rüstung diente, wurde auf „Verschleiß gefahren“, namentlich die völlig überlastete Eisenbahn.
So nimmt es nicht Wunder, dass auch die wirtschaftliche Entwicklung Hamelns während des Krieges stagnierte. Es gibt allerdings eine Ausnahme.
Der Hamelner Schutz- und Handelshafen hatte nach mehreren Erweiterungen im Jahre 1914 seine heutige Form erreicht. Eine stadteigene Hafenbahn gewährleistete den Anschluss an das Eisenbahnnetz. Am Eingang zum Hafen hatten sich erste Firmen wie die Wesermühlen und die Hauptgenossenschaft angesiedelt.
Die Fluthamel war von 1906 bis 1909 auf Betreiben von ansässigen Industriellen von der Ohsener Straße bis zur Einmündung in die Weser zu einem schiffbaren Kanal ausgebaut worden. Aus dem Aushub hatte man am Nordufer der Hamel und parallel zum Hafen einen Hochwasserschutzdeich gebaut. Auf diese Weise wurden etwa 50 Hektar erschlossen, die zur Industrieansiedlung genutzt werden sollten.
Am Südufer des Hamel-Kanals war auf 800 Metern Länge der Bau von Kaianlagen möglich. Bis Kriegsbeginn hatten sich dort eine Werft (Friedrich Richardt, ab 1919 Kaminski) und die Norddeutschen Automobilwerke (später Selve) etabliert. Der Ausbruch des Weltkriegs unterbrach vielversprechende Pläne.
 Noch während des Krieges bemühte sich Bürgermeister Ado Jürgens um die Ansiedlung von Industrie. Er hatte 1916 Professor Süchting aus Hannover einen entsprechenden Auftrag erteilt, der unter anderem Verhandlungen mit der AEG in Berlin führte.
Da der Stadt vom neu erschlossenen Gebiet lediglich 4,8 Hektar gehörten, nahm Jürgens die 1913 mit dem Ziegeleibesitzer Rese abgebrochenen Verhandlungen über den Ankauf seiner Ziegeleien an der Ohsener Straße mitsamt den Rese gehörenden Ländereien wieder auf. Als Jürgens die städtischen Kollegien im November 1917 um Zustimmung zum Ankauf der Reseschen Liegenschaften bat, führte er als Begründung an, die Stadt könne mit der Ziegelei nach Ende des Krieges vom erwarteten wirtschaftlichen Aufschwung profitieren. Auf den unbebauten Flächen könne Gemüse angebaut und eine Teilfläche vom städtischen Waisenhaus genutzt werden.
Bald darauf gingen die Flächen zwischen Ohsener Straße, Altenbekener Bahn und Hafen mit insgesamt 40,4 Hektar, die seit Kriegsbeginn stillgelegten Ziegeleien sowie die Wohnhäuser Ohsener Straße 17 und 37 nebst lebendem (4 Pferde) und totem Inventar zu einem Gesamtpreis von 840 000 Mark in den Besitz der Stadt über.
Der Hauptgrund für den Grundstückskauf war allerdings ein anderer. Seit Sommer 1917 hatte Jürgens mit der Kriegswirtschafts-AG verhandelt, die einen Standort für ein Sammellager für Beutegut suchte. Nachdem die Verhandlungen zu einem „raschen und glücklichen Abschluss“ gebracht worden waren, konnte die Stadt im Mai 1918 der Kriegswirtschafts-AG ein großes Gelände im Hafengebiet verpachten und den Bau eines Anschlussgleises zur Hafenbahn zusagen.
Am 21. Juni 1918 beschlossen die städtischen Körperschaften, dafür bei der Sparkasse Anleihen über 422 179 Mark aufzunehmen. Damit konnten auch der Bau eines Anschlussgleises, die Beschaffung von Kränen und einer Eisenbahnwaage, die Erweiterung eines Schuppens sowie der Ankauf eines weiteren Grundstücks finanziert werden.
Ein Vollportalkran mit fünf Tonnen Tragfähigkeit war für den Umschlag von Massengütern vorgesehen und ein kleinerer Kran mit etwa 1,5 Tonnen Tragfähigkeit für den Stückgüterladeplatz am Hafen. Die Waage sollte ihre Kosten durch die anfallenden Gebühren decken, da „das Sammellager jeden Wagen wiegen lassen wird“.
Auf dem Gelände der Ziegelei an der Ohsener Straße übernahm die Kriegswirtschafts-AG das Ringofengebäude, den auf 65 Meter vergrößerten Ziegelschuppen, ein Wohnhaus und eine Freifläche über 35 000 Quadratmeter. Dort wurden Fässer und andere Leergüter gelagert, instand gesetzt, sortiert und verkauft. Auch Lokomobile und Landmaschinen sollten dort „aufbewahrt, ausgebessert und verkauft werden“. Am 1. Dezember 1918 wurde das „Demobillager“ um weitere 86 000 Quadratmeter erweitert.
Die jährliche Pacht in Höhe von 33 000 Mark in den ersten eineinhalb Jahren (danach 24 000 Mark) erbrachte weitaus mehr als die Nutzung durch Ziegelei und Landwirtschaft. Vom Pachtertrag wurden 15 000 Mark für Lagerschuppen und Anschlussbahn verwendet.
Der Betrieb des Sammellagers wurde von einem Major und Hilfspersonal, darunter auch Frauen, gewährleistet. Der im November 1918 von der Demobilisierungs-Zentrale aufgelistete „Beauftragte des Kriegsministeriums 5 nebst Metallbergetrupp Maubeuge“ war ebenfalls hier tätig.
Das in Hameln gelagerte Beutegut stammte aus Nordfrankreich und Belgien. Mit dem Rückzug der deutschen Truppen ab März 1917 aus dem Frontbogen zwischen Arras, Bapaume und Péronne in die „Siegfriedstellung“ auf dem rechten Somme-Ufer konnten die Deutschen 13 Divisionen aus der vordersten Linie abziehen. Unter dem Decknamen „Alberich“ wurden 140 000 Einwohner „evakuiert“ und 430 Ortschaften nach der Devise der „verbrannten Erde“ systematisch zerstört, ebenso wichtige Eisenbahn- und Straßenkreuze, Brücken und Brunnen. Alles militärische Material, Viehbestände und sämtliche landwirtschaftlichen Vorräte wurden abtransportiert.
Ernst Jünger schilderte seine Beobachtungen dazu am 11. März 1917: „Überall wurde planmäßig nach dem Grundsatz gewütet, dass man dem Feinde nicht nur das Notwendige vernichten müsse, sondern auch alles, was überhaupt durch Menschenhand vernichtet werden kann. So sah ich im Schloßpark von Devise einige gefällte wunderschöne Palmen. Es war kein erhebender Anblick. So geht’s bis ganz hinten hin, jedes Dorf ein Trümmerhaufen, jede Straße unterminiert, jeder Brunnen vergiftet, jeder Baum gefällt, jeder Flußlauf abgedämmt, alle Vorräte und Metalle zurückgeschafft, jede Eisenbahnschiene abmontiert, jeder Telefondraht abgerollt, alles Brennbare verbrannt, kurz das Land, das nun besetzt werden soll vom vordringenden Gegner, ist schlimmer als die ödeste Wüste.“
Ein Jahr später, am 30. Oktober 1918, veröffentlichte die Dewezet einen vermutlich von der Obersten Heeresleitung formulierten Artikel „Wer zerstört Frankreich“, der sich gegen die „Greuelhetze“ in der ausländischen Presse über die Verwüstungen 1917 in Frankreich richtete und in dem nicht in Abrede gestellt wurde, „daß unsere Truppen bei dem freiwilligen Rückzug auf die Siegfriedstellungen aus rein militärischen Rücksichten namhafte Zerstörungen an feindlichen Werten vornehmen mußten“.
Das Demobilisierungs-Lager wurde im April 1921 geschlossen. Ein Teil der Fläche längs der Kuhbrückenstraße wurde ab dem 1. September 1920 an die „Weserwerke F. & G. Kaminski“ verpachtet, die hier eine Reparaturwerkstatt für Eisenbahnwaggons einrichtete. Im April 1921 pachtete Franz Kaminski weitere 6600 Quadratmeter für den Waggonbau. Kaminski ist bis heute auf dem Gelände ansässig. Die Werft hingegen musste nach einem Weserhochwasser, das riesige Schlickmengen in die Fluthamel spülte, aufgegeben werden.
Obwohl sich die hohen Investitionen der Stadt kurzfristig nicht auszahlten, wurden doch die Grundlagen für das bis heute wichtigste Hamelner Industriegebiet gelegt. Auf einem sehr großen Teil des Geländes entstand seit 1936 die Rüstungsfabrik Domag (heute Volvo). Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelten sich die ABG (heute Volvo), die Stahlkontor Weser Lenze KG, die Stephan-Werke, Vogeley und andere Fir

2 Bilder
Blick in den Hafen entlang der Wesermühle. Hameln im Jahre 1957. Foto: Dewezet Archiv


Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt