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Krieg im Garten: Exoten auf dem Vormarsch

Kostengünstige Turbozüchtungen und anspruchslose Exoten mit farbenfrohen, aber nutzlosen Blüten haben viele der unscheinbareren einheimischen Pflanzen ins Abseits gestellt. Viele Arten, die früher in unseren Gärten eine große Rolle spielten, mussten Einwanderern weichen: Eine Verarmung der heimischen Flora ist die Folge. Auch in Feld und Wald. „Und vor allem an Wasserrändern, Ufern und auf Feuchtwiesen“, weiß Diplom-Ingenieur Holm Rengstorf, Spezialist für Pflanzen beim Nabu Hameln-Pyrmont.

veröffentlicht am 11.05.2011 um 10:51 Uhr

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Kostengünstige Turbozüchtungen und anspruchslose Exoten mit farbenfrohen, aber nutzlosen Blüten haben viele der unscheinbareren einheimischen Pflanzen ins Abseits gestellt. Viele Arten, die früher in unseren Gärten eine große Rolle spielten, mussten Einwanderern weichen: Eine Verarmung der heimischen Flora ist die Folge. Auch in Feld und Wald. „Und vor allem an Wasserrändern, Ufern und auf Feuchtwiesen“, weiß Diplom-Ingenieur Holm Rengstorf, Spezialist für Pflanzen beim Nabu Hameln-Pyrmont. Er hat Gartenbau studiert und sein botanisches Wissen beständig erweitert. Riesenbärenklau, auch als Herkulesstaude bekannt, und das von Pink bis Blau blühende Indische Springkraut, das dem Echten Springkraut in unseren Gefilden Konkurrenz macht, seien längst eine ernste Bedrohung für heimische Wildpflanzen. Die Folgeschäden sind nicht zu unterschätzen und manchmal auch nicht gleich zu

sehen: „Die tief reichenden Wurzeln des Indischen Springkrauts untergraben zum Beispiel Böschungen an Bächen und Flussläufen“, sagt Rengstorf.

Doch nicht nur in der Natur sind Ambrosia, Mahonie & Co. zur Plage geworden, auch auf Balkon oder Terrasse und in den Gärten scheint die heimische Flora nicht mehr gefragt und Artenvielfalt für viele kein Thema. Einwanderer wie Geranien, Petunien und Begonien machen optisch mehr her, sind in allen erdenklichen Farben und Größen preisgünstig zu haben. Heimische Pflanzen haben das Nachsehen und mit ihnen viele Nützlinge der hiesigen Fauna. Einheitsrasen, Scheinzypressen und Tuja-Hecken sind in Mode gekommen und rasch gepflanzt. Auch wenn sie den ökologischen Wert von Plastikpflanzen besitzen, wie Naturschützer kritisieren. Überdies sehen sie auch noch langweilig aus. Eine bessere Alternative sind Koniferen- oder Eibenhecken. Die allerdings auch teurer sind. Am Geld aber hapert es offenbar nicht: Die Deutschen sind Europameister beim Kauf von Pflanzen. An der Einsicht, welche Pflanzen die richtigen sind, aber scheint es zu mangeln.

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„Die Nahrungskette muss passen“, erklärt Rengstorf. Das heißt: Die Pflanzen müssen Insekten anlocken, die wiederum Vögeln und Fledermäusen, aber auch vielen anderen nützlichen Kleintieren Nahrung bieten. Der Nabu-Experte: „Die tierische Vielfalt ist wichtig für das ökologische Gleichgewicht.“ Wer sich im Garten an dem vielstimmigen Gesang der Vögel erfreuen wolle, müsse ihn naturnah gestalten. Das Samen- und Insektenangebot im Schurrasen ist mehr als dürftig. Zierpflanzen werden von Insekten und Schmetterlingen meist gemieden, sind überdies oft unfruchtbar oder tragen Früchte, mit denen unsere Vögel nichts anzufangen wissen. Einheimische Blumen, Stauden, Sträucher und Bäume bieten dagegen eine große Auswahl an Samen und Früchten, die hiesige Vögel mögen. Gute Beispiele sind die Eberesche und der Weißdorn: Beim Nabu hat man 63 Vogelarten gezählt, denen die roten Vogelbeeren schmecken. Am Weißdorn wurden 163 Insektenarten beobachtet – ein Schlaraffenland für insektenfressende Sänger.

„Vielfalt“, sagt Rengstorf, sei das A und O eines naturnahen Gartens: „Dazu gehören gestaffelte Blütenstauden von Frühjahr bis Herbst.“ Boden und Umfeld geben die Furchtbarkeit vor. „Wildpflanzen wie Lungenkraut ruhig aussamen lassen“, empfiehlt Rengstorf. In seinem 500 Quadratmeter großen Garten in Bad Pyrmont bekommen Wildpflanzen eine Chance und haben dazu beigetragen, dass dort inzwischen drei Vogelarten brüten: „Ein gutes Zeichen“, so Rengstorf.

Wie es übrigens auch Fledermäuse sind. Wo diese sich nachts auf die Jagd begeben, ist es um die Natur nicht schlecht bestellt. Das kann mitten in der Stadt sein. „Denn auch auf kleinen Flächen lässt sich vernünftiger Bewuchs schaffen“, sagt der Naturschützer. Auf engstem Raum wie in Kübeln und Balkonkästen kann man Lavendel, Thymian, Minze oder Melisse zwischen Blumen setzen: „Duftende Kräuter locken nützliche Insekten an“, weiß Rengstorf und rät Gartenbesitzern: „Lassen Sie ruhig auch mal eine Brennessel stehen: Sie hat eine positive Wirkung auf Nebenpflanzen.“ Mit Brennessel-Jauche lassen sich Pflanzen außerdem gut gießen, düngen und stärken.

Während ein Komposthaufen mit seinem Nahrungsangebot an Würmern, Spinnen und Insekten ein Paradies für Vögel ist, sind Pestizide Killer – und zwar nicht nur für Ungeziefer, sondern leider auch für alle Nützlinge, die vergiftete Insekten, Samen und Früchte zu sich nehmen. „Viele Pestizide reichern sich dauerhaft im Fettgewebe der Vögel an, beeinträchtigen deren Fruchtbarkeit und verursachen Störungen des Immun- und Nervensystems“, klärt der Nabu auf. Blattläuse, Milben oder Dickmaulrüssler würden sich auch auf biologischem Weg erfolgreich bekämpfen lassen. Was kaum jemand weiß: Eine einzige Kohlmeisenfamilie vertilgt rund dreißig Kilogramm an Kerbtieren im Jahr.

Wie wichtig der Artenerhalt heimischer Pflanzen ist, hat kürzlich erst ein EU-Projekt bestätigt, für das Umweltforscher alle bekannten Einwanderer-Pflanzen aufgelistet und unter die Lupe genommen haben. Demnach führen 15 Prozent der rund 11000 invasiven Arten, die seit der Entdeckung Amerikas nach Europa eingeschleppt wurden, zu ökonomischen Schäden. Weitere 15 Prozent beeinträchtigen die biologische Vielfalt, weil sie als ebenso vitale wie anspruchslose Verdränger große Durchsetzungskraft besitzen, dadurch heimischen Pflanzen und Tieren das Terrain entziehen und Nischen-Spezialisten keine Überlebenschance lassen. Gründe genug – um Leimkraut, Nachtviole oder Levkoje, Königs- und Taglilie, Wegwarte oder Weidenröschen erblühen zu lassen. Immergrün als Bodendecker zu wählen. Phlox, Nachtkerze und Ziertabak zu pflanzen. Oder mit heimischen Gehölzen wie Schneeball, Liguster und Holunder den Garten neu zu beleben. Geißblatt punktet nicht nur als ansehnlicher Kletterer, sondern auch mit intensivem Duft. Ein unwiderstehliches Lockmittel für nützliche Insekten. Das gilt nicht zuletzt für viele attraktive Gewürzpflanzen, denen schon ein schlichter Topf genügt, um ihre Wirkung zu entfalten.

Hochgiftig und von riesigem Wuchs – die Herkulesstaude, ein Einwanderer, der zur Plage wird. Berührungen in Verbindung mit Tageslicht können bei Menschen zu schmerzhaften Quaddeln und schwer heilenden Verbrennungserscheinungen führen. Bei der Bekämpfung der Pflanze sollte man sie daher nicht berühren und Schutzkleidung tragen.

Das Indische Springkraut (o.) macht als Einwanderer dem Echten heimischen Springkraut (li.) das Terrain streitig.

Der Ziertabak gehört zu den heimischen Gewächsen, die bei Nützlingen begehrt sind und belebt mit seinen zarten grünen Blüten jedes Blumenbeet.

Foto: ey



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