weather-image
Abiturienten spielen Klassiker: Bertolt Brechts "Mutter Courage" im Adolfinum

Kreative Inszenierung setzt mit Videoclips besondere Akzente

Bückeburg. "Ich muss wieder in Handel kommen", sagt Mutter Courage. Die Tochter ist tot, die Lage ist ernst, der Krieg wirft nicht genug ab. Hinter der Marketenderin liegen Leidensjahre des Dreißigjährigen Kriegs, aber immer wieder gab es auch schöne Geschäfte.

veröffentlicht am 31.03.2006 um 00:00 Uhr

Die Figur der Mutter Courage gehört zu den großen Frauengestalten der deutschen Literatur. Regisseur Jörg Meier war dank des Engagements von Dafina Bytiqi und Johanna Harms in der Lage, die Rolle an den beiden Abenden unterschiedlich zu besetzen. Zunächst ging es mütterlich herb zu, dann scharf kalkulierend. Als Gegenpart spielte Florian Hirt den kriegsgeschädigten Feldwebel mit furchteinflößender Mimik. Kein Krieg ohne Koch (Dominik Thom) und Pfaffen (Ruben Johannesdotter), war Brechts Devise. Der verlogene Feldprediger machte dem Publikum besondere Freude, bis in höchste Kirchenkreise. Auch trinkfreudige, dralle Dirnen wie Yvette (Valerie Senne, Melanie Mirsch) haben alle Hände voll zu tun. Männer wie der tattrige Obrist (Fabian Balsam) wollen ihre Abfuhr. Manch sonderbares Mannsbild ist unterwegs im Krieg. Markus Matthäi, Tobias Liebich, Philip Mennicke, Sarah Kleist, Christiane Rinne, Sebastian Neufing, Dirk Tegtmeier und Lukas Russmann wussten in militärischen Rollen zu gefallen. Ob Katholen oder Protestanten, die Rüpel wissen, was vom einfachen Volk zu holen ist. Aus der Bauernschaft (Jennifer Wilharm, Hannah Wömpner, Saskia Grimm, Björn Bültmann) ragte Verena Berg durch Rollenhingabe heraus. Die alte Courage ist alleinerziehend. Was die Väter der Kinder anbelangt, hat sie den Überblick verloren. Marie Uhlhorn spielte die Rolle der stummen Tochter äußerst konzentriert und konsequent. Norbert Malek konnte als Eilif den großen Mann markieren. Schweizerkas (Charlotte Budde) ist schwierig, er klaut, lässt sich erwischen und zahlt mit dem Leben - ein Esser weniger. Großen Eindruck machte diese kreative Inszenierung durch Videoproduktionen, die im Hintergrund der Bühne eingespielt wurden, ganz im Sinne Brechts, der das Stück 1939 im Exil schrieb. "Chirurgische Angriffe" auf den Irak wurden gezeigt, unterlegt mit krachender Musik. Deutsche Soldaten rührten russische Frauen nicht durch Vergewaltigung zu Tränen. Auch die eigenen Kriegsszenen im Wald wurden nie zum billigen Effekt (Studioarbeit: Nicolai Bargheer). Eine couragierte US-Amerikanerin der Gegenwart, die ihren toten Sohn beklagt, spielte Nadine Prasuhn. Die Phrasen der Frau mit US-Fahne (Natascha Teich), das Gerede von Ehre, Tod und Vaterland, das lindert die Trauer nicht. Eine Esso-Frau (Kristine Bolte/Helena Weinberger) gießt sogar noch Öl ins Feuer. Mirka Dorkewitz war es überlassen, als Reporterin am Grabe zynische Akzente zu setzen. Nicht nur sie profitierte von einem souveränen Techniker-Team um Edgar Bruns. Die Leistungen der Akteure - allesamt Abiturienten - und des Spielleiters wurden mit viel Applaus würdig belohnt.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2017
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare